Er sieht viel jünger aus, als er mit seinen 51 Jahren eigentlich ist. Er nehme die dm-Kosmetikprodukte, sagt dm-Chef Christoph Werner, und, nein, das sei kein Witz. Sein kompletter Haushalt sei mit den unternehmenseigenen Drogerieprodukten bestückt – Allzweckreiniger, Gesichtscreme, Spülschwamm, Nahrungsergänzungsmittel. Das dm-Magazin wiederum bestückt er selbst mit einer monatlichen Kolumne, in der es viel über die Frei- und Gestaltungsräume der Beschäftigten geht, deren Porträts in den Gängen der lichtdurchfluteten dm-Zentrale in Karlsruhe hängen.
Seit 50 Jahren propagiert dm eine ganz eigene Unternehmenskultur
„Dialogicum“ heißt der prämierte, 2019 eröffnete Bau. „Arbeitsgemeinschaft“ nennt Werner die dm-Beschäftigten. Es sind Begriffe, die auffallen in der Wirtschaftswelt und die für dm zum Markenzeichen geworden sind. Seit 50 Jahren propagiert dm eine ganz eigene Unternehmenskultur.
Als Christoph Werners Vater Götz 1973 in Karlsruhe seinen ersten Selbstbedienung-Drogeriemarkt (dm) gründete, war die Expansion zu Europas größter Drogeriekette nicht abzusehen. Die ganzheitliche Sicht auf das neue Unternehmen jedoch schon: Die Art der Mitarbeiterführung sorgte in der Branche schon bald für Aufsehen. Der Gründer und Goethe-Fan bezeichnete das Unternehmen als sozialen Organismus und Lehrlinge als „Lernlinge“ und bot Mitarbeitern Theater-Workshops an.
Dass Götz Werner, der 2022 im Alter von 78 Jahren gestorben ist, zuvor die väterliche „Drogerie Werner“ in der Heimatstadt Heidelberg nicht wie geplant übernahm, verwundert nicht – der Sohn tickte hier anders als der Vater. Es ist wohl ein Grund, dass Götz Werner wiederum seinen Sohn Christoph nie in die eigenen Fußstapfen drängte, wie dieser betont: „Mein Vater hat nie Druck ausgeübt, er war eher wie ein Coach .“ Ursprünglich habe er selbst auch nicht geplant, zu dm zu gehen. „Wie mein Vater herumgewirbelt hat, wäre auch gar kein Platz für mich gewesen.“
Christoph Werner machte bei dem Kosmetikkonzern L’Oreal und dem Pharmaunternehmen Glaxo Smith Kline Karriere und stieg erst 2011 in die dm-Geschäftsführung ein – drei Jahre, nachdem sein Vater den Chefposten an seinen Stellvertreter Erich Harsch übergeben hatte und als Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens durch die Talkshows zog.
Als 2019 Christoph Werner die Führung von Harsch übernahm, steuerte wieder ein Mitglied der Gründerfamilie dm. Werner bot in der Coronakrise schon früh Schnelltests an und baute das Onlinegeschäft aus. An der „Dauerpreis-Garantie“, die auf Rabatte und Aktionen verzichtet, hielt er ebenso fest wie an der vom Vater geprägten Haltung, „dass Menschen grundsätzlich Verantwortung übernehmen wollen und grundsätzlich entwicklungsfähig“ seien.
„Eine Belastung für diejenigen, die gerne nach Anweisung arbeiten wollen“
Wieder geht es um das Menschenbild, das die Unternehmenskultur prägt. Christoph Werner spricht reflektiert und bedacht, wägt die Worte ab. „Unser Menschenbild ist eine Liebeserklärung an die Freiheitsfähigkeit im Menschen.“ Die Freiräume, die dm den Mitarbeitenden ermögliche, erforderten aber auch „den Gestaltungswillen“, wie er sagt. „Die Arbeitsgemeinschaft, die wenige Vorgaben macht, ist auch darauf angewiesen, dass der Einzelne den Freiraum nutzt, um Verantwortung zu übernehmen. Das ist natürlich eine Belastung für diejenigen, die gerne nach Anweisung arbeiten wollen.“
Konkret können die Beschäftigten in den dm-Märkten mehr über die Platzierung von Sortimenten, Umbauten oder Arbeitsorganisation entscheiden als jene anderer großer Handelsunternehmen. Lehrlingen werde viel Zeit gegeben, selbst Lösungsmöglichkeiten zu entdecken, sagt Werner. „Die Idee ist, dass die Menschen einen Unterschied machen können und nicht nur ein Zahnrad im Getriebe sind“, betont Werner. „Wir glauben, dass dieser Weg erfolgreicher ist, um langfristig auf dem Markt relevant zu sein.“
Offenbar kommt das gut an: Mehrmals wurde dm in Umfragen zum beliebtesten Arbeitgeber im überregionalen Handel gewählt und ist gerade bei Berufseinsteigern beliebt. „Die jungen Menschen, die auf den Arbeitsmarkt kommen, sind in der Regel gut informiert und wollen gestalten und kreativ sein. Andererseits ist die Frustrationstoleranz deutlich geringer“, sagt Werner. Bewusst spricht das Unternehmen in der aktuellen Jobkampagne nicht jeden an: „Ein Job ist ein Job ist ein Job. Bis du einen findest, der dich mit Sinn erfüllt“, heißt es.
Sinnerfüllung und die Freiheit, den eigenen Weg zu finden, spielen auch in der eigenen Familie eine wichtige Rolle. Christoph Werner hält seine Kinder so gut wie möglich raus aus der Öffentlichkeit, verrät nur, dass die Tochter jetzt Abitur mache und der Sohn nach dem Studium im Ausland arbeite. Nie würde er Druck erzeugen, dass sie bei dm arbeiteten, betont er. Sein Vater sei im Berufsleben seinen eigenen Weg gegangen, er selbst – und jetzt auch sein eigner Sohn. „Sie lernen als junger Mensch, dass viele Wege nach Rom führen.“
Werners Kinder könnten bei dm einsteigen – wenn sie wollen
Das oberste Ziel müsse sein, dass sich dm immer wieder erneuere. Das Unternehmen dürfe auch nie zu einem Selbstbedienungsladen für die eigene Familie werden. „Das Potenzial bei den Kindern ist da. Die Frage ist es, ob sie es für sich ergreifen. Das gilt für alle Kinder. Es ist wichtig, dass man sich bewusst für diese Aufgabe entscheidet“, sagt Werner. „Sie müssen sagen: ,Das ist eine tolle Chance, um wirksam zu werden in der Welt.‘“
Götz Werner – dm-Gründer und Menschenfreund
Die Anfänge
Götz Werner wird 1944 in Heidelberg geboren, wo sein Vater die Kette „Drogerie Werner“ betreibt. Als er nach der Drogistenlehre in Konstanz 1968 in den väterlichen Betrieb geht, überwirft er sich aufgrund seiner eigenen Ideen mit dem Vater und steigt wieder aus. 1973 gründet er in Karlsruhe seinen ersten dm-Drogeriemarkt.
Das Imperium
dm ist mit mehr als 3800 Filialen in 14 europäischen Ländern und 66 000 Beschäftigten Europas größte Drogeriekette. In Deutschland zählt dm rund 46 000 Mitarbeiter in mehr als 2000 Drogeriemärkten. Im abgelaufenen Geschäftsjahr, das im September 2022 endete, erwirtschaftete die Drogeriemarktkette in Deutschland einen Umsatz von 9,92 Milliarden Euro, was einer Steigerung von 9,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum entspricht.
Der Eigenwillige
Schon früh entwickelt Werner die Idee einer „Arbeitsgemeinschaft“ der dm-Beschäftigten. Ein Leitbild ist die „permanente, konstruktive Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen“. 2008 gibt Werner die dm-Führung ab und widmet sich vermehrt der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens, für das er in Vorträgen und Talkshows wirbt.