Uraufführung in Stuttgart Thomas Köcks Antikenspektakel „Forecast: Ödipus“ im Schauspielhaus

Iokaste (Therese Dörr) findet nicht, dass Männer so tough wie Frauen sind, hat ihren Ödipus (Thomas Hauser) aber schon gern – bis sie erfährt, in welcher verwandtschaftlicher Beziehung sie noch zu ihm steht. Foto: Schauspiel Stuttgart/Katrin Ribbe

Regisseur Stefan Pucher und Autor Thomas Köck zeigen mit „Forecast: Ödipus“, was das antike Drama „Ödipus“ mit dem Klimawandel heute zu tun hat. Lohnt der Besuch im Schauspielhaus Stuttgart?

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Der bessere ESC hat am Samstag in Stuttgart im Schauspielhaus stattgefunden. Zumindest hätte der in Beige gedresste, rappende Greisen-Bürgerchor Gebrechlichkeitssympathiepunkte erhascht, mehr als die Gruppe, die sich beim Eurovision Song Contest für Deutschland auf den letzten Platz gesungen hat.

 

Auch der Theben-Clan, angeführt von Ödipus (Thomas Hauser) und Kreon (Sebastian Röhrle), wäre als postapokalyptische Trash-Version der 80er-Jahre-Schnulzenband Modern Talking wohl auf oberen Rängen gelandet. Vom besseren Liedtext ganz zu schweigen.

Höchst musikalische Neudichtung

Ödipus in Stefan Puchers Uraufführung von „Forecast: Ödipus“, Thomas Köcks sprachlich höchst musikalischer Neudichtung des Antikendramas „Ödipus“, trägt das Haar lang wie einst der Sänger Thomas Anders. Er geriert sich aber deutlich conchita-wursthafter: mehr Kajal unter den Augen, die Nägel bemalt, die fransigen Haarspitzen gebleicht. Die Rüschenbluse unterm paillettenbesetzten Metallica-T-Shirt, die mit Flammen bemalten Stiefel und die Bling-Bling-Klunker an den Fingern weisen ihn als genderfluiden Mainstream-Star aus.

Das Klima schlägt zurück

Sowohl der Bandname Lord of the Lost der deutschen ESC-Kandidaten als auch das Lied „Blood & Glitter“ wirken wie ein Untertitel des neuen Stücks. Ödipus, Chef in Theben, ist auch ein Herrscher der Verlorenen; Blut und Glitter wird es in den zwei Stunden reichlich geben. Das Wetter spielt extrem verrückt, das System Wachstum frisst seine Kinder, die Alten haben es sich mit der Natur verscherzt. Das Klima, es schlägt zurück.

„Man möchte die Götter anrufen“, greint der hüftsteife Mitte-der-Gesellschaft-Seniorenchor (Teresa Anina Korfmacher, Jannik Mühlenweg, Valentin Richter), „aber von denen weit und breit ja auch längst schon keine Spur mehr hier auf der Achtspurigen, wo selbst ernannte Ersatzgötter im Hybrid vorüberrasen.“ Wobei: „Gut den hätten wir auch gern, so ist’s ja nicht.“

Teiresias (Michael Stiller), der blinde Seher, soll mit „Expertenwissen“ aufklären, was schiefläuft. Er schaut aus wie ein cooler Türsteher mit wildem Tüllkostüm und glitterverklebten Augen und hat keine Lust, sich weiter zu engagieren. Teiresias streitet mit dem in politisch korrektem Grün gewandeten Orakel (Katharina Hauter), das von Umdenken, vom „Ende des Systems Wachstum“ brabbelt und davon, dass Teiresias doch nur den gesellschaftlichen Status quo „Friede, Freude, Sozialabbau“ stärke.

Folgenreicher Autounfall

Die Gesellschaft habe längst alle Fakten auf dem Tisch, entgegnet der, werde aber keine Ratschläge befolgen. „Ich sprech halt meine Verse, die mich mein Leben lang jetzt schon begleiten, the same old story, meine Fresse.“

Schon diese ersten Auftritte des Personals zeigen: Das ironiebegabte Autor-Regie-Team ist entschlossen, aus dem alten Drama einen popkulturell tauglichen Abend zu machen. Thomas Köck, der erfolgreich dichtende Literaturwissenschaftler und Philosoph, knüpft an ein üblicherweise weniger beachtetes Detail einer zentralen Stelle an, um das alte Drama in ein neues zu überführen und mit Diskursen wie Klimawandel, Artensterben und genderfluidem Regieren zu kombinieren.

Gemeint ist Ödipus’ Mord an Laios. Der findet wo statt? Genau, auf einer Straße, an einer Kreuzung. Ein tragischer Crash, wie gemacht fürs übliche Stuttgart-Bashing, schließlich ist „Forecast: Ödipus“ eine Auftragsarbeit fürs Staatsschauspiel Stuttgart.

Theben also liegt irgendwie auch in schwäbischen Gefilden. Und weil das Theater seit einigen Spielzeiten immer wieder an den Klimawandel erinnert, geht es öfter um die Liebe zu „dicken Straßen“, fetten Karren und um eine Upperclass, die es sich in fancy Häusern in Weinbergen kuschelig macht.

„Oh Io, Io, Io“

Das Antikendrama mit all seiner Selbsterkenntnis-Beschwernis, das Lamento über die unvernünftige Menschheit, die sehenden Auges ins Verderben rennt, wird mit prächtigem Bilderüberwältigungstheater aufgemotzt; einer Bühne (Nina Peller) mit monströser Medusenkopfprojektion samt animierten Videos von Autounfällen; drum herum gibt’s noch ein Klettergerüst sowie allerlei fantasievolle Kostüme (Annabelle Witt). Geht es sehr schlimm zu, seufzt die Sängerin Meike Boltersdorf „Oh Io, Io, Io“ ins Mikro, musikalisch begleitet von Tim Neumaier.

Das Ensemble genießt es offenkundig, den sprachgewaltigen „Zungenstreit“ mitsamt Kriminalermittlung (eine Stadt sucht einen Mörder, nämlich den von Laios) zu zelebrieren. Selten war ein Botenbericht so unterhaltsam wie der von Josephine Köhler. Wenn Iokaste (Therese Dörr) das pflichtschuldig eingearbeitete (Alte-)Männer-Bashing heraus speit, wird durch Stefan Puchers Regie für ausgleichende Ambivalenz gesorgt. Auch mit einer Herrscherin, die ihr Volk brüsk abkanzelt – „Ruhe, Schrumpelchor“, „nur weil du Steuern zahlst, hast du noch längst kein Recht auf Jammerei oder Teilhabe“ –, würde die Welt wohl nicht besser.

Schrei im Augenblick der Erkenntnis

Ödipus, den Thomas Hauser zuvor souverän und lässig auftreten ließ, ist nur ein kurzer Schreimoment im Augenblick der Erkenntnis (Vatermord und Mutterbegattung) gegönnt. Denn Iokaste steigt aus. Vom Live-Videoteam (Hannes Francke, Ute Schall) begleitet, beklagt sie die Vergeblichkeit der Aufklärung durch Kunst: „Warum stehen jetzt hier alle so scheißdramatisch im Regen und spielen diesen Scheiß, der von Anfang an klar war.“

Und so stöckelt die Wutkönigin hinter die Bühne zum Regieteam. Das lächelt so unbehaglich wie später ihre Mitspieler, die sich das Drama zwar nicht madig machen lassen – das erlösende Finale aber wirkt nun unglaubwürdig und schal, gerade wie es zur aktuellen Weltlage passt. Abschließend Jubel für alle nach dem verbalen Parforceritt durch die thebanisch-schwäbische untergangsgeweihte Welt.

Weitere Aufführungen am 17. Mai, am 1., 9., 11., 16. Juni, 13., 16., 21. Juli.

Info

Autor
Thomas Köck wurde 1986 in Wolfern (Österreich) geboren, seine literarischen Arbeiten sind in 15 Sprachen übersetzt worden. Als erster Dramatiker überhaupt hat er zwei Jahre hintereinander den Mülheimer Dramatikerpreis erhalten. Mit Andreas Spechtl von der Band Ja, Panik entwickelt er unter dem Label „ghostdance“ konzertante Readymades.

Regisseur
 Stefan Pucher, 1965 in Gießen geboren, wurde mehrmals zum Berliner Theatertreffen eingeladen. In Stuttgart hat er bereits Regie geführt, zuletzt 2017 bei Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“.

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