Ernährung ohne tierische Produkte Wie vegan sind vegane Lebensmittel?

Vegane Bürger haben ein Recht auf vegane Burger. Foto: dpa/Daniel Karmann

Fleisch im Veggie-Burger: Diese Botschaft nach Recherchen bei Burger King hat unlängst Aufsehen erregt. Kontrollen der Lebensmittelbehörden zufolge scheint es sich allerdings um einen Einzelfall zu handeln. Wie steht es im Kreis Esslingen um die Fleischlosigkeit?

„Vegan“ prangt auf dem Etikett der Apfelsaftflasche. Wirklich? Wurde tatsächlich das letzte Würmlein vor dem Pressen aus dem Obst gezogen? Wohl kaum. Als vegan darf der Saft trotzdem passieren, Christian Marquardt, Leiter des Amtes für Lebensmittelüberwachung beim Landkreis Esslingen, verweist auf die 2016 getroffene Definition der deutschen Verbraucherschutzminister. Dort heißt es: Einer „Auslobung“ als vegan stehen „unbeabsichtigte Einträge“ von tierischen Erzeugnissen nicht entgegen, wenn diese „trotz geeigneter Vorkehrungen technisch unvermeidbar sind“. Soviel Kompromiss muss auch der radikalste Veganer schlucken, vergleichbar den toten Mücken an der Windschutzscheibe.

 

Auch Tierisches in der Verpackung ist tabu

Unstrittig und scheinbar unproblematisch ist im Ernährungssektor die Unterscheidung zwischen vegan und nicht vegan: Lebensmittel, die keine Erzeugnisse tierischen Ursprungs enthalten, auch nicht in Zusatzstoffen wie beispielsweise Süßungsmitteln (Honig) oder Gelatine; und selbstverständlich auch nicht in der Verpackung, wo etwa Klebstoffe mit Anteilen tierischer Produkte tabu sind. Gleichwohl: Eine im eigentlichen Sinne gesetzliche Bestimmung des Begriffs „vegan“ wird seit langem von Verbänden gefordert. Aber bis heute gibt es sie weder auf europäischer noch auf nationaler Ebene. Trotzdem darf ein Lebensmittelhersteller nicht ungestraft „vegan“ etikettieren, wenn vegan gar nicht drin ist. Dafür sorgt laut Marquardt die Lebensmittel-Informationsverordnung der EU, die ausdrücklich regelt: „Informationen über Lebensmittel dürfen nicht irreführend sein.“ Unter anderem sind Art, Identität und Zusammensetzung von Lebensmitteln exakt und korrekt anzugeben. Verstöße werden durch die zuständige Behörde mit rechtlichen Mitteln abgestellt und geahndet, sagt Marquardt.

Trotzdem kommt es vereinzelt zu Fällen wie dem unlängst aufgedeckten Skandal bei Burger King. Laut Recherchen des „Teams Wallraff“ war die Kontaktsperre zwischen fleischlosen und fleischlichen Produktlinien durchaus lückenhaft, so dass schon mal Hackfleisch- oder Geflügelanteile in vorgeblich veganen Bouletten verkauft wurden. Aus Sicht von Volkan Aykut steckt dahinter wohl keine Absicht, sondern mangelnden Schulung und Sensibilisierung der Mitarbeiter. Aykut ist Inhaber von „Veggiekost“, einem vegan-vegetarischen Imbiss mit Lieferservice in Filderstadt-Bernhausen. Seine Zutaten kauft Aykut laut eigener Aussage überwiegend auf dem Markt und in Bauernhöfen der Umgebung ein. „In der Lebensmittelbranche ist manchen Beschäftigten in der Produktion der Unterschied zwischen vegan und vegetarisch nicht klar. Daraus können natürlich Fehler entstehen.“

Sie sind allerdings äußerst selten, wenn man die Ergebnisse der behördlichen Untersuchungen in Baden-Württemberg als Maßstab nimmt. Christian Marquardt zufolge fanden im ganzen Land „parallel zum breiten Einzug veganer Lebensmittel in den Einzelhandel bereits 2016 und 2017 Schwerpunktuntersuchungen statt“. Trotz der höchst sensitiven Nachweisgrenze von 0,01 Prozent oder geringer seien in keiner der insgesamt 117 Proben tierische Bestandteile, Ei oder Milchprotein nachgewiesen worden.

Keine tierischen Bestandtteile gefunden

Seit 2017 werden vegane Lebensmittel jährlich mit Stichproben überwacht. So seien im Jahr 2022 vom Landratsamt Esslingen als Unterer Lebensmittelbehörde im ganzen Landkreis neun Proben erhoben und untersucht worden, sagt Marquardt. Befund: negativ, also positiv für die Kunden. In keinem der Produkte wurden tierische Bestandteile gefunden, zwei wurden allerdings aus anderen Gründen beanstandet.

„Siegel sind vertrauenswürdig“

Jasmin Günder, vegane Ernährungsberaterin in Esslingen, empfiehlt, die Zutatenliste auf den Etiketten genau zu lesen. Sie geht von der Verlässlichkeit dieser Angaben aus, die schließlich rechtsverbindlich und einklagbar seien. Auch die Siegel für vegane Kost, die von verschiedenen Organisationen vergeben werden, hält sie ebenso wie Aykut für vertrauenswürdig. Letztlich bleibe dem Endverbraucher nichts anders übrig, als den Angaben zu glauben und genau hinzuschauen, sagt Valentina Knoll, die in Esslingen kürzlich das vegane Café Moos eröffnete. Zum Beispiel sei auch ein scheinbar „unverdächtiges“ Lebensmittel wie Wein nicht automatisch vegan, da beim Gärprozess tierische Eiweiße eingesetzt werden können.

Solche Genauigkeit und Verlässlichkeit ist entscheidende, da bei Veganerinnen und Veganern ein außergewöhnlich hoher Motivationslevel vorausgesetzt werden kann. Und was motiviert sie? Laut Aykut „die eigene Gesundheit, das Tierwohl, der Klimaschutz – in der Reihenfolge.“ Günder machte hingegen die Erfahrung, dass Tierethik für viele der Einstieg in den Veganismus sei – „die anderen Aspekte gewinnen dann an Bedeutung, wenn man sich mit dem Thema befasst. Und schließlich sein ganzes Konsumverhalten hinterfragt.“ Für Valentina Knoll ist das die Weggabel zwischen veganer Ernährung und veganer Lebensweise. Wer ethisch entsprechend motiviert ist, zieht eben auch keine Lederklamotten mehr an und schmiert sich keine getrockneten Schildläuse auf die Lippen.

Warum vegan?

Askese
 In ihren Anfängen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den USA war die Bewegung stark von christlich-asketischen Lebensreform-Idealen geprägt. Der amerikanische Arzt William A. Alcott (1798 – 1859) hat als einer der ersten eine Ernährung völlig ohne tierische Produkt propagiert.

Gesundheit
 Viele Veganerinnen und Veganer sind überzeugt von den gesundheitlichen Vorteilen dieser Ernährungsweise. Wissenschaftlich ist das umstritten. Sowohl die Deutsche Gesellschaft für Ernährung als auch die Schweizerische Ernährungskommission halten eine vegane Ernährung, ergänzt durch Nahrungsergänzungsmittel (etwa Vitamine), bei gesunden Erwachsenen für theoretisch ungefährlich. In der Praxis komme es oft zu Mangelerscheinungen.

Tierethik
 Die Ablehnung, Tiere zu töten oder auszubeuten, ist ein Hauptmotiv des Veganismus. Die ethischen Begründungen sind in ihrer Argumentation vielfältig und teils kontrovers.

Klimaschutz
 Die Massentierhaltung trägt ein Großteil zum weltweiten CO2-Ausstoß bei. Klimaschutz wird daher als schlagendes Argument für die vegane Lebensweise herangezogen.

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