Verhaltensauffällige Kinder in Stuttgart Ein Lernort für verzweifelte Seelen

Von  

Wenn stark verhaltensauffällige Kinder die Regelschule verlassen müssen, kommen sie zum Beispiel zur Albert-Schweitzer-Schule. Wie unterrichtet man Jungen und Mädchen, bei denen man immer damit rechnen muss, dass vor Wut mit dem Stuhl geschmissen wird oder plötzlich Tränen fließen?

Was sind gute, was sind schlechte Freunde? Auch das lernen die Schüler an der Albert-Schweitzer-Schule. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Was sind gute, was sind schlechte Freunde? Auch das lernen die Schüler an der Albert-Schweitzer-Schule. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Acht Jungen sitzen still an Einzeltischen, die Köpfe über Arbeitshefte gebeugt. Der neunte Platz ist leer. Rico (Namen der Schüler geändert) lernt auf dem Flur. Der Besuch hat ihn nervös gemacht. Für seine Lehrer, Sebastian Mang und Janina Fach, ein Fortschritt: Anstatt mit dem Stuhl zu werfen, verlässt Rico von sich aus den Raum. Keine Selbstverständlichkeit für die Sonderpädagogen.

Neben der Tafel in der Klasse steht unter jedem Namen eine Vereinbarung: „Ich reagiere angemessen und respektvoll“, ist zum Beispiel Ricos Ziel. Weil der 14-Jährige das bisher nicht immer schafft, ist er hier an der Albert-Schweitzer-Schule. 78 Jungen und Mädchen besuchen die Stammschule der staatlich anerkannten Schule für Erziehungshilfe in Stuttgart-Rohr. Insgesamt hat die Schule sogar 380 Schüler in Stuttgart und im Landkreis Böblingen, die anderen 302 werden entweder inklusiv unterrichtet, besuchen Außenklassen oder Außenstellen.

Die Arbeit sei intensiv, aber auch sehr individuell

„Die Stammschule ist das intensivste Angebot, das wir haben“, sagt der Konrektor Johannes Eller. Schulleiter Martin Hermann nennt sie einen Schutzraum für die Kinder. Rituale, feste Strukturen, persönliche Ansprache und intensive Beziehungsarbeit spielten eine große Rolle. Das Ziel: die Schüler zurück in die Spur zu bringen, damit sie später wieder an die Regelschule können. Bei rund der Hälfte gelinge das, so Schulleiter Hermann.

Fast immer lasse sich aus der Biografie erklären, warum die Jungen und Mädchen sind, wie sie sind: wütend, unruhig, traurig. Hermann stempelt sie nicht ab: „Unsere Schüler sind heftig, aber sie sind auch toll. Sie bringen so viel Energie und Kreativität mit sich.“ Die Arbeit sei intensiv, aber auch sehr individuell.

So ist es auch in Ricos Klasse. Hier unterrichten Sebastian Mang und Janine Fach Fünft-, Sechst- und Siebtklässler zusammen. Jedes Kind hat seinen Wochenplan. Doch es geht um mehr als um Wissensvermittlung: die Schüler sollen lernen, eine Arbeitshaltung einzunehmen, ihr Selbstbewusstsein stärken, sich und andere wahrnehmen. Christoph (12) zum Beispiel hat Konzentrationsprobleme und Schwierigkeiten, seine Bedürfnisse zu spüren: Während die anderen arbeiten, steht er schon auf, holt sich eine Legokiste aus dem Regal, lässt sie erst mal fallen, baut dann an seinem Platz bis zur Pause. In dieser braucht er genaue Handlungsanweisungen: Er solle das Lego aufräumen, sich sein Deutschheft rauslegen. „Jetzt kannst Du Deine Runden drehen“, sagt Janine Fach.

Christoph bewege sich von sich aus nicht, erklärt sie. Dabei brauche er Bewegung. Sonst bekommt der Junge, der vollkommen friedlich wirkt, Wutausbrüche. Die Lösung: Für jede Runde verdient er sich Zeit im Werkraum – Werken macht ihm Freude. Auch bei Mohamed gibt es eine Sonderlösung. Warum er eigentlich jeden Tag zu spät sei, fragt ihn ein Mitschüler. „Das ist abgesprochen, weil ich anscheinend peinlich in der Öffentlichkeit bin“, antwortet der 13-Jährige. Tatsächlich soll er einen Bus später nehmen, damit es nicht schon auf dem Schulweg zu Schlägereien kommt. So startet er anders in den Tag.

Schon Erstklässler, die nicht mehr beschult werden

Für jedes Kind versuchten sie, „den Schlüssel zu finden, der für ihn passt“, erklärt Schulleiter Hermann. Zielvereinbarungen seien wichtig – und an der Einhaltung dran zu bleiben. Er stellt ein gestiegenes Interesse an seiner Schule fest. „Die Not ist groß. Wir haben viele dringende Anfragen – auch, ob nicht Wechsel mitten im Schuljahr möglich seien“, berichtet er. Doch alle Plätze seien belegt, sie hätten Wartelisten. Oft würden ihm tragische Geschichten erzählt, zum Teil von Erst- oder Zweitklässlern, die nicht mehr unterrichtet würden, berichtet er.

Die Hälfte der Zeit wird zu zweit unterrichtet

An der Albert-Schweitzer-Schule sind die Hälfte der Unterrichtsstunden zwei Lehrer in den Klassen. Gabriele Stadler ist an diesem Vormittag alleine in der Mädchenklasse – beziehungsweise fast. Cadee, ihr schottischer Hütehund, ist auch da. Die Jungen und Mädchen werden an der Albert-Schweitzer-Schule getrennt voneinander unterrichtet. Bei den Mädchen im Gartenhäuschen ist es an diesem Vormittag unruhiger als bei den Jungen, allerdings steht nicht Still-, sondern Gruppenarbeit auf dem Programm. Unter einer Bedingung, wie die Sonderpädagogin sagt: dass Jaqueline sich diesmal daran beteilige. Es soll nicht klappen. Das Mädchen fängt zwar in der Dreiergruppe an, doch sie macht nicht mit, lenkt die anderen ab, landet schließlich auf dem Sofa hinten im Raum. Statt dort zu lesen, kratzt sie sich die Hand blutig.

Gabriele Stadler ist an diesem Vormittag überall im Raum gefordert – nicht nur bei Jaqueline. Und doch bleibt sie ruhig, wird nicht laut, als mal wieder ein Mädchen das andere ärgert und immer wieder Fragen kommen. Dann fängt auch noch Leonie an zu weinen. Es schüttelt das Mädchen regelrecht. Gabriele Stadler streicht ihr beruhigend über den Rücken. Leonie fragt, ob sie raus dürfe zu den Tieren. Natürlich darf sie. Der Ausbruch geht auch ihrer Lehrerin nah. Sie kennt den Grund. Leonie wohnt in einer Gruppe auf dem Schulgelände. Ihre Mutter hat Geburtstag – und sie wollten den eigentlich zusammen feiern. Doch am Morgen kam die Absage, mal wieder eine Absage. Als Leonie zurückkehrt, wirkt sie gefasst. Sie weint kein zweites Mal an diesem Vormittag in der Klasse.

Das Mädchen ist sehr verzweifelt

Dass die Eltern ihre Kinder enttäuschen, sei bei ihren Schülern leider sehr häufig, berichtet die Konrektorin Maria Teresia Burkert. Viele Eltern seien selbst schwer belastet, die wenigsten noch ein Paar. Sucht, Gewalt, junge Mutterschaft, all das spiele oft eine Rolle. Auch Jaquelines Verhalten lässt sich mit ihrer Biografie erklären. Ihre Mutter hat sie vor Jahren ins Heim gegeben, kommt nicht zu Besuch, weil ihr der Weg aus Ostdeutschland zu weit ist. Ihre Schülerin sei ein kluges Mädchen und wisse so viel, sagt ihre Lehrerin in der Pause, aber sie sei sehr verzweifelt. Jaqueline hat sich einen Fußball geschnappt, spielt an einem Hügel gegen sich selbst. Ihr Tritt ist hart. Wie ihr Leben.

Sonderthemen



Unsere Empfehlung für Sie