Ein zweites Leben für ausrangiertes Brot
„Manchmal gibt es schon Irritationen“, sagt Jürgen Häußermann, der den Brotberg auf seinem Firmengelände in Marbach verwaltet und hinter einem riesigen Rolltor verschlossen hält. Geöffnet wird es nur, wenn neue Ware geliefert wird – oder die vorhandene abgeholt. Tatsächlich nämlich gibt es für das ausrangierte Brot noch eine sinnvolle Verwendung. Trotzdem ist das mit den Irritationen vielleicht gar nicht so schlecht.
„Kann das sein?“, fragen Kunden, die bei Häußermann einkaufen und den Berg sehen. „So eine Verschwendung!“ Oder: „Das gibt’s doch nicht!“ Eigentlich ist die Labag, so heißt der Betrieb, für den Häußermann arbeitet, ein Raiffeisenmarkt und Handelsplatz für Landwirte. Durch das Umschlagen des alten Brotes ist die Genossenschaft allerdings auch zu einer Art Recyclinghof geworden. Den Backwaren, die dort ankommen, steht nämlich ein zweites Leben bevor.
Ein Rezept für Schweine und Hühner
Der Sinn ihres ersten Lebens hat sich nicht erfüllt. Weil entweder beim Backen etwas schieflief oder weil das Angebot im Laden größer war als die Nachfrage. Zwischen 30 und 50 Tonnen Brot kommen Tag für Tag bei der Labag an. Rund die Hälfte stammt aus drei Großbäckereien in der Region, deren Ware zum Beispiel mal zu dunkel gerät oder zu teigig bleibt. Die andere Hälfte stammt aus Filialen dieser und weiterer Bäckereien im Umkreis von etwa 50 Kilometern.
Ein- bis zweimal täglich wird die Marbacher Lagerhalle geräumt, und das ausrangierte Brot macht sich auf seinen zweiten Lebensweg nach Nordrhein-Westfalen: Dort, bei einem großen Futtermittelhersteller, wird es geröstet und zerbröselt – und schließlich in Kraftfutter für Hühner und Schweine gemischt.
Nicht gut fürs Image
„Wenn man das erklärt, verstehen es die Leute meistens“, sagt Jürgen Häußermann. Die Namen der Bäckereien und des Auftraggebers in NRW nennt er aber lieber nicht. Überschüssige Lebensmittel sind nicht unbedingt imagefördernd.
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Unter den rund zwölf Millionen Tonnen Lebensmitteln, die in Deutschland pro Jahr im Abfall landen, sind besonders häufig Backwaren. Im Jahr 2015 landete laut WWF rund ein Drittel – das waren 1,7 Millionen Tonnen – nicht auf dem Teller, sondern im Müll. Das Paradoxe dabei: Das Brot, das sich in Marbach und andernorts anhäuft, ist in solchen Statistiken nicht enthalten. De facto ist es kein Abfall.
Nachhaltig geht anders
Einerseits ist das ein Fortschritt. Denn bevor es möglich war, den Überschüssen jenseits von Tafelläden und Vortagsbäckereien ein zweites Leben einzuhauchen, landeten die Reste schlicht auf einer Deponie oder in Kompostieranlagen. Andererseits werden Lebensmittel, die für Menschen produziert wurden, somit an Tiere verfüttert. Laut WWF handelt es sich schätzungsweise um 400 000 Tonnen pro Jahr. „Im Sinne der Nachhaltigkeit ist das nicht so gut“, sagt denn auch Thomas Schmidt vom Thünen-Institut.
Schmidt leitet dort eine Arbeitsgruppe, die sich mit Lebensmittelverschwendung befasst und Wege zur Reduzierung erforscht. Mit neuen Technologien, erklärt er, würden exaktere Berechnungen des tatsächlichen Bedarfs möglich. Dies sei auch im Sinne der Unternehmer. „Ich bin überzeugt, dass wir zu weniger Retouren und Ausschuss kommen werden“, sagt Schmidt. Ob es aber bis 2030 gelingt, das UN-Ziel umzusetzen und die Menge an verschwendeten Lebensmitteln zu halbieren – er ist skeptisch.
Der Verbraucher als Verschwender
Im Brotberg in Marbach lümmelt eine Packung Weizentoast, der laut Etikett noch vier Tage haltbar ist. Das Vollkornsaftbrot daneben hält noch fünf Tage und das abgepackte Roggenmischbrot sogar noch länger. Wer das sieht, versteht, was Thomas Schmidt meint, wenn er sagt: „Da müssen wir uns alle an die eigene Nase fassen.“ Dass die Packungen in den Geschäften aussortiert wurden, liegt daran, dass sie der Kundschaft als nicht frisch genug galten. Der selben Kundschaft, die auch abends um 18 Uhr volle Brotregale erwartet. Und: 50 Prozent der Lebensmittelabfälle entsteht sowieso in privaten Haushalten. „Unser Wohlstand“, sagt Jürgen Häußermann und seufzt.
Womöglich also ist es gar nicht so schlecht, wenn der Marbacher Brotberg Irritationen auslöst. Womöglich erkennt der ein oder andere in dem silbernen Tor, das den Berg verbirgt, ja sogar einen Spiegel.
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