Vintage Cafés in Stuttgart Möblierung der Erinnerung

Von Hannelore Schlaffer 

Kreidetafeln, Trödel- und Vintage-Möbel, Holztische: in Bistro-Cafés dominiert der Shabby Look. Modern ist ein frecher und selbstbewusster Umgang mit der Vergangenheit. Manches verschwindet, manches kommt wieder. Ein Bummel durch die zeitgenössische Caféhauskultur.

Vom klassischen Tantentreff ist in einer Lokalität wie dem Pano im Stuttgarter Gerber nicht viel übrig geblieben. Foto: Dittel Architekten
Vom klassischen Tantentreff ist in einer Lokalität wie dem Pano im Stuttgarter Gerber nicht viel übrig geblieben. Foto: Dittel Architekten

Stuttgart - Die Stadt ist eine Stadt für den Sommer: Wo immer man sich in der warmen Jahreszeit niederlässt, man findet einen Sitzplatz im wohlvertrauten Stil: Tisch und Stuhl sind überall ungefähr gleich gestellt, es macht keine Mühe, sich einzugewöhnen. Aber jetzt im Winter, welche Anstrengung! Jede Pause wird zur Entscheidung für einen Stil, denn im Innern der Lokale gibt es nicht nur Sitzgelegenheiten, sondern auch eine Einrichtung, eine jede mit besonderer Note, und die kann angenehm sein oder auch nicht.

Vor allem beim Stopover im Café, der zu jedem Stadtbummel oder, moderner gesagt, zu jedem Shopping gehört, fehlt inzwischen das Ambiente, das einst das Wiener Café bereitstellte. In Stuttgart sind, obgleich die „Wiener Kaffeehauskultur“ jüngst zum Weltkulturerbe erklärt wurde, Orte dieses Typs fast gänzlich verschwunden: das Reinsburg, das Schapmann, das Café im Königsbau in seiner alten Gestalt; nur jenes am Schlossgarten hält sich noch dank eines von Senioren gern besuchten Mittagstischs.

Diese altertümlichen Cafés für eine bourgeoise Klientel mussten untergehen, sobald sich die Straßen der City, also auch die Königstraße, zur Meile des Billigkonsums für junge Leute entwickelten. Auf der Achse mitten durch die Stadt, auf der einst die bürgerliche Kaffeehauskultur situiert war, hat sich nun aber eine Reihe von Cafés in einem ganz neuen Stil entwickelt, die man Vintage-Cafés nennen möchte. Das Meublement dieser Lokalitäten ist in einem Zustand ähnlich jenem, den Oskar Matzerath in der Wohnung seines Freundes Greff, des Gemüsehändlers, vorfindet: alles ist „abgegriffen, abgegessen, durchgelegen und abgestoßen“, nur ein bisschen ist es „aufgefrischt“. In der Tat ist eine Mischung aus „Shabby Chic“ mit peinlicher Sauberkeit typisch für die Cafés.

Gerümpel wie im Museum

Vorbildlich verwirklicht diesen Stil das Café-Bistro Holzapfel in der Calwer Passage. Küchentische und Stühle von unterschiedlichster historischer Herkunft, Gestalt und Farbe, Sofas und Sessel mit abgewetztem Überzug, jeder Sitz, jeder Tisch ein Einzelstück, alles durcheinander gestellt, alles alt, wie gerade heruntergeholt vom Dachboden der Urgroßmutter. Die allerdings würde beim ersten Blick in die Neuverwertung ihrer Möbel ein leichter Schauder überkommen ob der Geschmacklosigkeit des Ensembles, denn dessen ästhetische, ja ideologische Absicht würde sie tatsächlich so schnell nicht begreifen.

Einige andere Lokale auf der Achse durch die Innenstadt sind dem Café-Bistro Holzapfel an die Seite zu stellen, das Pano etwa im Gerber, das Café im Königsbau in seiner neuen Gestalt, das Fünf an der Bolzstraße. Woher aber nun die Lust an Möbeln, deren Form – Astlöcher, Rinde, Schaffell – die Natur vorgegeben oder die Zeit zerkratzt hat? Diese Cafés mit ihrem alten Gerümpel sind Museen. Ihr Sinn ist es, gegen die Tyrannei der vereinheitlichenden Geometrie im modernen Design aufzubegehren. Mit den metallisch-ledrigen Quadraten nach heutigem Modell ist fast jedes Büro, jedes Hotel und manchmal auch die Wohnung eingerichtet; ja die Museen selbst gehorchen der Diktatur des Designs, sie sind oft stolzer auf ihre gestylten Vitrinen als auf das, was in ihnen liegt.

Hier nun in den Café-Bistros stehen die Dinge, beschädigt, verbraucht, glanzlos, wie sie sind, durcheinander und fühlen sich befreit aus dem ästhetischen und historischen Zusammenhang, dem sie einst unterworfen waren. Dergestalt erlöst, versammeln sie sich zu einem Mix-up aus Jugendstil (Vasen, Regale – Bücherregale sogar –, Küchenschränke), Bauhausmoderne (Lampen, Sofas, Freischwinger) und Landhausstil (Felle, Baumstämme als Sitz und Tisch). Die Tradition, und dies eben wäre der Schock für die Großmutter aus dem Bildungsbürgertum, falls sie sich hierher wagte, artikuliert sich in einem regelrechten Kauderwelsch. Bildung und Geschichtskenntnis, die einmal wussten, was wohin und in welche Zeit gehört, erklären diese brüsken Kombinationen für obsolet: Frech und selbstbewusst gehen die neuen Cafés mit der Vergangenheit um.

Vom Tantentreff zum Arbeitsplatz der schreibenden Intelligenz

Die liebevolle Verachtung der Vergangenheit verwundert nicht, wenn man die Klientel der Lokale bedenkt, und sie verwundert dennoch, wenn man deren Verhalten beobachtet. Fast nur junge Menschen treffen sich hier, die Kleinfamilie fühlt sich wohl, junge Väter versorgen mit dienstwilligem Stolz ihre Babys, oft aber sitzen die jungen Besucher, unter ihnen auffallend viele Frauen, auch ganz alleine – das Kaffeekränzchen und der Tratsch sind im Vintage-Café nicht beheimatet. Im Gegenteil, die ­Atmosphäre ist ernst, die Klientel meist ­beschäftigt. Sie liest, schreibt, beugt sich gemeinsam über Texte im Buch oder auf dem Bildschirm, und entspannen will sie sich offensichtlich am liebsten bei der ­Zeitungslektüre.

Das Auftauchen der Zeitung in diesen Cafés weckt geradezu die Hoffnung, dass das Intellektuellen-Café alten Stils wieder auferstehen könnte. Denn ehe das Café zum Tantentreff degradiert wurde, war es der Arbeitsplatz der schreibenden Intelligenz. Wie Peter Altenberg und Simone de Beauvoir sind nun die Jugendlichen, die, ebenfalls ein neu-alter Stil, oft alleine kommen, mit Texten, mit Schreiben und Lesen beschäftigt.

So mancher für ein Café seltsame Einrichtungsgegenstand wird nun auch sinnvoll, die Bücherwand etwa oder der fast obligatorische Küchentisch. An ihm lässt sich besser als auf dem typischen Kaffeehaustischchen, der PC platzieren und, über ihn gebeugt, gemeinsam diskutieren. Fast hat es den Anschein, als entflöhen die Studenten den universitären Seminarbibliotheken, deren karge Ausstattung geistfeindlich und magenverstimmend ist. Wer im Café arbeitet, sucht etwas Besseres als nur Wissen; er genießt das Gefühl, dass die, für die er lernt, schon um ihn sind. Auch dies war für den ehemaligen Intellektuellen eine Labsal: Wenn er schrieb, sprach er auch und verfolgte die Wirkung seiner Worte – oft erschienen sie in der ausliegenden Zeitung. So scheint sich, trotz des spöttischen Umgangs mit dem vergangenen Ambiente, die Vergangenheit des Kaffeehauses unversehens wieder einzuschleichen.