Was taugt das Buch „Corona-Fehlalarm?“? Der Covid-19-Bestseller

Von Markus Reiter 

Querdenken zum „Querdenken“: Sucharit Bhakdi und Karina Reiß, die beiden Autoren von „Corona-Fehlalarm?“, formulieren in ihrem Buch durchaus bedenkenswerte Argumente – sie stellen sich zum Schluss allerdings selbst bloß.

Außen schreiend roter Titel, innen unangenehmer Ton Foto: Goldegg
Außen schreiend roter Titel, innen unangenehmer Ton Foto: Goldegg

Stuttgart - Man kann verstehen, dass einigen Menschen die derzeitige Corona-Politik Unbehagen bereitet. Diese Bürger beschleicht das Gefühl, dass die gesamte Welt auf den Covid-19-Krankheitserreger starrt und sich dabei die Gefahrenwahrnehmung für andere Krankheiten verzerrt. Dass sich die Öffentlichkeit zu sehr in den Bann steigender Infektionszahlen und apokalyptischer Szenarien begeben hat. Dass man deutlicher zwischen Infizierten und Erkrankten unterscheiden sollte. Dass man die Risiken einer Infektion mit Covid-19 auf der einen und die Risiken der Corona-Maßnahmen auf der anderen Seite neu abwägen sollte. Kurzum: Dass wir einen pragmatischeren Umgang mit der Pandemie brauchen.

Es lohnt sich daher, wenn man sich bemüht, den Bestseller „Corona-Fehlalarm?“ (Spiegel-Sachbuchbestseller Taschenbuch Platz 2, Goldegg, 160 Seiten, 15 Euro) möglichst unvoreingenommen zu lesen, obwohl sich die beiden Autoren in „Querdenker“-Kreisen hoher Beliebtheit erfreuen. Immerhin handelt es sich um zwei bis vor Kurzem sehr angesehene Wissenschaftler: Sucharit Bhakdi war Professor für Medizinische Mikrobiologie an der Uni Mainz, seine Ehefrau Karina Reiß ist Professorin für Biochemie an der Uni Kiel.

Wie vernünftig!

Viele der Argumente, die die beiden (Bhakdi ist wohl der Hauptautor) vorbringen, sind bedenkenswert. Das gilt vor allem für die anfangs viel zu hoch eingeschätzte Sterblichkeit. Sie liegt, ausweislich der Angaben des Robert-Koch-Instituts in den vergangenen Wochen, irgendwo zwischen 0,2 und 0,4 von 100. Sehr wahrscheinlich ist sie wegen der Dunkelziffer an Infizierten sogar noch geringer. Covid-19 ist damit in der Tat keine Killerseuche, wie Bhakdi richtig bemerkt.

Er gesteht ein, dass die Sterblichkeit bei sehr alten, vorerkrankten Menschen hoch ist. Diese müsse man daher konsequent schützen. Das klingt vernünftig. Wieso das Robert-Koch-Institut hingegen der Ansicht ist, es sei leichter, 80 Millionen Deutsche zu disziplinieren als eine Hochrisiko-Gruppe zu schützen, erschließt sich nicht.

Die Verstorbenen litten fast alle an Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht, bemerken Bhakdi und Reiß. Das stimmt mit den bekannten Fakten überein. Allerdings hätten viele Verstorbene ohne Covid-19 trotz dieser Faktoren noch viele schöne Jahre erleben können. Gesünder ist es allerdings, man hat diese oft vermeidbaren Vorerkrankungen nicht!

Sind Masken Quatsch?

Auch die Skepsis der Autoren gegenüber Masken ist nicht völlig von der Hand zu weisen, wenngleich ihre strenge Ablehnung wohl übertrieben ist. Das Buch wurde bereits vor einigen Monaten verfasst. Inzwischen sind neue Studien hinzugekommen. Masken helfen demnach vermutlich an Orten wie überfüllten U-Bahn-Abteilen. An zugigen Haltestellen und auf der Stuttgarter Königstraße sind sie Quatsch.

Leider sind Masken politisch aufgeladene Symbole geworden. Spätestens seit Mai ist so vieles in der öffentlichen Corona-Debatte schiefgelaufen. Auf der einen Seite sammelten sich die Wirrköpfe, die die Existenz des Virus oder seine grundsätzliche Gefährlichkeit leugnen; auf der anderen Seite haben die Befürworter strenger Maßnahmen die Debatte moralisch übermäßig aufgeladen, statt rational zu argumentieren. So wurde jeder, dessen Nase mal kurz aus seiner Maske ragte, zum gewissenlosen Schurken gestempelt.

Respektloser Ton

Auch in „Corona-Fehlalarm?“ schleicht sich schon früh ein respektloser Ton ein. Ein angesehener und bekannter Charité-Forscher wird da zum schlichten „Herrn Drosten“ degradiert, während ein den Autoren genehmerer Virologe respektvoll „Herr Professor Hendrik Streeck“ tituliert wird. Im zweiten Teil wird dieser Ton dann leider immer unangenehmer. Aus jeder Zeile schreit dem Leser die tiefe persönliche Kränkung entgegen, dass dieser „Herr Drosten“ in der Öffentlichkeit mehr Beachtung erfährt als die Autoren. Am Ende stellen Reiß und Bhakdi ihr gesamtes Anliegen bloß, indem sie sich mit zwielichtigen Gestalten aus der Verschwörungstheorie-Ecke und deren übersteigerten Thesen solidarisieren.

Bei aller Kritik ist nämlich die Corona-Politik der Bundesregierung dem wirren Handeln zum Beispiel eines Donald Trump vorzuziehen. Kurz vor den Präsidentschaftswahlen kann man übrigens den größtmöglichen Kontrast zum derzeitigen Amtsinhaber herstellen und die Memoiren von Michelle Obama („Becoming“; Spiegel-Sachbuchbestseller Hardcover Platz 18, Goldmann, 544 Seiten, 26 Euro) lesen. Sie stehen seit Monaten auf der Bestsellerliste – zu Recht. Die ehemalige First Lady erzählt anrührend, wie sie sich durch Bildung und ein liebendes Elternhaus als schwarze Frau bis zum Studium an einer Eliteuni hochgekämpft hat. Selbstironisch, humorvoll und reflektiert berichtet sie von Barack Obamas Aufstieg und ihrem Leben im Weißen Haus. Wer dieses Buch liest, dem wird klar, dass es etwas gibt, das man sich noch viel sehnlicher zurückwünscht als einkaufen ohne Maske: intellektuelle Redlichkeit.




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