Was brauchen Kinder, um seelisch gesund durch krisenhafte Zeiten zu gehen? Expertinnen liefern praktische Ideen und Übungen für den Alltag in Familien.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Die letzten zweieinhalb Jahre haben viele Familien an den Rand ihrer Kräfte gebracht. Corona, Homeschooling, fehlende soziale Kontakte im Sportverein oder in anderen Gruppen. Die Eltern sind gereizt, die Kinder verzweifelt. Und die belastenden Szenarien scheinen kein Ende zu nehmen. Nun weckt der Krieg gegen die Ukraine Ängste und die Energiekrise bringt viele Familien in finanziellen Nöte. Woher sollen Familien die Kraft nehmen, den Alltag zu meistern? Die gute Nachricht vorweg: Resilienz, also Widerstandskraft, kann man sich aneignen. Es ist nie zu spät.

Was ist eigentlich Resilienz?

Resilienz heißt nicht, dass einem alles egal ist. Die Wissenschaftsjournalistin und promoviert Biochemikerin Christina Berndt nutzt lieber das Bild vom Stehaufmännchen. Es gehe darum, vor lauter sozialem, emotionalen und körperlichen Stress nicht krank zu werden und ein gutes Leben führen zu können, das einen nicht krank macht.

Was brauchen Menschen, um sich nicht unterkriegen zu lassen?

Expertinnen und Experten sprechen von mehreren Voraussetzungen, auf denen sowohl die Kraft von Eltern als auch der Kinder basiert, Krisen zu meistern. Wichtig ist dabei die Bindung zu einer Bezugsperson. „Ein soziales Netzwerk ist wichtig, wenn man Resilienz fördern will“, sagt die Schulpsychologin Claudya Ribero.

Außerdem ist Selbstwirksamkeit wichtig, dass Kinder also merken, etwas bewirken zu können und ein Mitspracherecht zu haben bei Dingen, die sie betreffen. Ein weiterer Resilienzfaktor ist die Offenheit für Lösungen. Auch hier gilt die oft für abgedroschen gehaltene Frage: Wer weiß, wofür es gut war?

Wichtige Resilienzsäulen, wie sie die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner in einer Studie identifiziert hat, sind zudem Optimismus und Selbstreflexion. Und eine entsprechende Portion Humor hilft immer. Denn das heißt, aus der Situation heraus zu treten und sich zu fragen, was man in fünf Tagen, fünf Wochen oder fünf Jahren über das denken würde, was einem heute das Leben beschwert. „So sortiert man die Gemeinheiten des Lebens besser ein“, sagt Christina Berndt.

Was heißt das im Alltag?

Kinder, die sich dem Alltag resilient gegenüber verhalten, hatten jemanden, der sich verlässlich um die gekümmert hat, der ihnen das Gefühl vermittelt hat, geliebt zu werden und ihnen auch Regeln gezeigt hat. Das kann neben den Eltern auch eine Nachbarin, eine Tante, eine Kindergärtnerin oder eine Lehrerin sein.

Kann man Resilienz lernen?

„Wir haben es ein Leben lang in der Hand, unsere Resilienz zu trainieren“, sagt Christina Berndt. Man kann sich nicht jeden Stress vom Hals halten. Denn Krisen brauche man auch, sagt Berndt vor allem mit Blick auf Kinder, um mit späteren Krisen umgehen zu können. Sie nennt das Krisenimpfung. Dazu gehöre auch, dass es völlig normal sei „sauer auf die Welt zu sein“.

Aber gleichzeitig gilt auch, dass man sich ein Umfeld sucht, in dem es einem gut geht. Deshalb ist auch Achtsamkeit ein wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang. Sie gehört zur Resilienz, wenn es darum geht zu sagen, wann einem etwas zu viel wird und wann es gerade noch okay ist.

Was können Eltern und Erziehende tun, um Kinder zu stärken?

„Kinder sehnen sich danach, gelobt zu werden, schon im Krippenalter“, sagt Berndt. Das Lob bedeutet für sie, gesehen zu werden, also Feedback. Berndt rät, Fotos von tollen Momenten und Urkunden aufzuhängen und gewonnene Pokale vom Fußballturnier ins Regal zu stellen. Das kann wie eine Stärkedusche wirken, wie manche Erzieherinnen sagen.

Einer der wichtigsten Sätze, den man Kindern sagen kann, ist: Du schaffst das! Die Schulpsychologin Claudya Ribero rät, Kinder nie ohne eine Kompetenzerfahrung aus der Schule oder der Kita nach Hause zu schicken. Jemandem und sei es nur bei einer Kleinigkeit zu helfen, ist eine solche Erfahrung.

Gibt es praktische Übungen für Kinder?

Damit Kinder auszudrücken lernen, wie es ihnen geht, müssen sie ermutigt werden, über ihre Gefühle zu sprechen. Dabei kann es helfen, ihnen Geschichten vorzulesen und sich über den Inhalt zu unterhalten. Außerdem können Bücher und Geschichten neugierig machen. So öffnet man sich der Welt und findet im Idealfall Lösungen für die eigenen Probleme.

Wie wird man empfänglich für das Mutmachende?

In der Hochphase des Stress’ habe der Körper zu wenig Zugang zu den eigenen Ressourcen, sagt die Schulpsychologin Claudya Ribero. Um Resilienz zu fördern, brauche man ein niedriges Stresslevel. Ein stacheliger Igelball in der Hand könne die Aufmerksamkeit von Kindern auf körperliche Reize und damit weg von den in die Zukunft gerichteten Ängsten zurück in die Gegenwart lenken. Ähnlich wie diese Achtsamkeitsübung wirken Atemübungen.

Und wenn man das Gefühl hat, es gibt nicht, was Mut macht?

Wie wäre es, fragen Christina Berndt und Claudya Ribero, wenn man sich fünf getrocknete Bohne, Kastanien oder Murmeln in die linke Hosentasche packt. Immer wenn einem am Tag etwas geschieht, was gut war, packt man eine Murmel, Bohne oder Kastanie von der einen Hosentasche in die andere.

Dann merkt man vielleicht, dass es viel mehr kleine Glücksmomente im Laufe eines Tages gibt, als man denkt. Das hat gleich zwei Wirkungen: es stärkt den Optimismus und lenkt den Blick weg vom Negativen auf das Positive. Und wenn man die Kastanie später einmal in die Hand nimmt, kann man diesen Glücksmoment vielleicht sogar wieder aus der Erinnerung abrufen.