Wie Jugendliche heute ticken Warum das Milaneo das neue Jugendhaus ist

SPD-Bezirksbeirätin Mihaela Manachidis lotet in ihrem Kiez die Bedürfnisse der Jugendlichen aus. Foto: Martin Haar
SPD-Bezirksbeirätin Mihaela Manachidis lotet in ihrem Kiez die Bedürfnisse der Jugendlichen aus. Foto: Martin Haar

SPD-Bezirksbeirätin Mihaela Manachidis untersuchte monatelang, wo bei Jugendlichen der Schuh drückt und was sie sich wünschen. Die Antworten der jungen Menschen sind ebenso überraschend wie aufrüttelnd. Eine Erkenntnis: Das Milaneo ist das neue Jugendhaus Mitte.

Lokales: Martin Haar (mh)
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Stuttgart - Was will die denn hier? Das verraten die Blicke von vier Jungs, die im Bohnenviertel rund um einen Steintisch sitzen. Erwachsene haben bei dieser Altersgruppe wenig Kredit. Sie werden argwöhnisch beäugt. Aber Mihaela Manachidis hat einen Bonus. Die Jungs wissen, diese Frau hat selbst zwei Buben in diesem Alter. Und sie kennen ihr Gesicht. Manachidis streift mit ihrem Hund oft durch den Kiez. Und sie wird als Kümmerer und Bezirksbeirätin für Mitte wahrgenommen. Also antworten die Jungs artig im Chor mit „gut“, als sie nach dem Befinden gefragt werden.

Natürlich will Manachidis mehr von diesen 12- und 13-Jährigen wissen. Sie will hören, wo es brennt, was sie brauchen, was sie hoffen. Das Schicksal dieser Altersgruppe ist ihr wichtig, wie sie es in druckreifen Sätzen formuliert: „Ohne eine gesicherte Zukunft haben unsere Kinder und Jugendlichen keine Perspektiven. Sie brauchen unsere Unterstützung.“

Einer der Jungs, ein Halbwaise, bringt diesen Politiker-Jargon in seinen Worten auf die Erde: „Wir wollen Plätze, an denen wir sein können.“ Plätze, die nicht so unwirtlich sind wie dieser im Bohnenviertel. Sichere Plätze und noch ein bisschen mehr. Auf das mehr angesprochen, überrascht der 12-Jährige: „Ich fände es cool, wenn ich hier kostenlose Nachhilfe bekäme.“ Damit verdutzt er auch seine Freunde, die sich nun auch trauen, ihre Wünsche auszusprechen. Einer reklamiert einen Kiosk mit Verpflegung, an dem man sich eventuell auch ein Taschengeld verdienen kann.

Oft fehlt das Geld für Jugendarbeit

Manachidis lässt die Gedanken der Jugendlichen kurz sacken und hakt nach: „Aber es gibt doch ein Jugendhaus in Stuttgart Mitte.“ Beim Stichwort Jugendhaus verdrehen die Jungs ihre Augen. Es ist keine echte Option für sie. „Wo ist das Problem mit dem Jugendhaus?“, fragt die SPD-Bezirksbeirätin und bekommt nicht sofort schlüssige Antworten. Aber aus einem bunten Mix von Schlagworten, wie „WLAN-Code“, „Öffnungszeiten“, „etwas mit Dach“ und „Überwachung“ lässt sich erahnen, was die Jugendliche wollen. Manachidis fasst es so zusammen: „Angebote ohne einschränkende Maßnahmen. Es ist mir nach vielen Gesprächen klar geworden, dass sich die Jugendlichen nicht im Jugendhaus treffen wollen, sondern eher an freien Plätzen, wie zum Beispiel dem Milaneo.“ Dann denkt sie laut: „Kann es wirklich sein, dass wir viel zu bequem sind, um die Bedürfnisse der Jugendlichen wahrzunehmen?“

Sie selbst hat mit dem SPD-Bezirksbeirat vor Monaten mit ihrer Recherche begonnen. Man bat beim Dachverband der Mobilen Jugendarbeit um Auskunft. Damals hieß es noch: Man habe keine Kapazitäten. Ähnliche Antworten gab es von der Caritas und der Jugendarbeit im Europaviertel. Manachidis zitiert: „Personalmangel ist ein gravierendes Problem in der Mobilen Jugendarbeit.“ Zudem hieß es: „In der Leonhardsvorstadt wäre ein Jugendhaus notwendig.“

Klassisches Jugendhaus unter der Lupe

Damit bestätigen die Experten die Ergebnisse ihrer Feldforschung. Und doch wollte sie tiefer bohren. Die Vorbehalte gegen des Jugendhauses Mitte ließen ihr keine Ruhe. Denn das Jugendhaus Mitte, 1952 gegründet, ist nicht nur das älteste in Stuttgart, es hat auch den Anspruch, ein Hort von Jugendlichen aus gemischten Sozialklassen und unterschiedlichen Altersstufen. zu sein. „Das Haus ist ein offenes Haus, verfügt über freies W-Lan, über eine Cafeteria wo man unter der Woche auch ein warmes Essen kaufen kann. Innen ist das Haus mit vielen und großzügigen Räumen ausgestattet, bietet viele Projekte an, die aber der Voranmeldung bedürfen“, sagt Manachidis, ahnt aber gleichzeitig, wo der der Knackpunkt liegen könnte: „Jugendliche wollen nicht planen und nicht in Schemen gepresst werden.“

Auf dem Bolzplatz neben dem Züblin-Parkhaus bekommt sie weitere Antworten. Hier kicken drei Buben gelangweilt gegen den Zaun. Einer von ihnen ergreift das Wort und meint: „Wir brauchen nicht viel.“ Dann holt er aus und formuliert seine Forderungen als Liste: „Ein Jugendhaus, ein Kiosk, keine Straßenprostitution, keinen Drogendeal, keine Drogenverstecke, eine Sporthalle, wo wir alle zusammen in den kalten Jahreszeiten spielen können. Einen geschützten Ort, wo wir chillen, Musik hören, uns treffen können.“ Auf die Frage, was ein Jugendhaus bieten müsse, erklärt der 13-Jährige ohne Denkbarrieren: „Ein Ort, wo wir zocken können, ein Kino, freies W-Lan, eine kleine Bar, einen jungen Sozialarbeiter, der so tickt wie wir, eine Leinwand, die Möglichkeit mit WR-Brille zu spielen, Sitzsäcke zum Chillen, unbeobachtet sein, kostenlose Nachhilfe, Rapwettbewerbe.“

Konsum, W-Lan und Freiheit locken

Bei dieser Aufzählung dämmert Mihaela Manachidis, warum es viele Jugendliche ins und ans Milaneo zieht. Der Konsumtempel bietet vieles davon. Gespräche im Europaviertel bestätigen schließlich, was man in der Stadt allenthalben hört: „Das Milaneo ist das neue Jugendhaus Mitte.“ Dort locken Konsum sowie das Aus- und Anprobieren von Elektronik und Klamotten. „Aber es sind auch die Essensangebote“, sagt Manachidis, „und man dort sowohl drinnen als auch draußen sein – ohne kontrolliert zu werden.“ Nicht zu vergessen: Das Center bietet freies W-Lan.

Damit ist für Mihaela Manachidis klar geworden: „Alle zukünftigen Angebote für Jugendliche dürfen nicht ohne Jugendliche konzipiert werden.“ Darin läge auch die Chance, Mitbestimmung und Bürgerbeteiligung früh einzuüben. „Nach allen meine Recherchen, Gesprächen mit den Jugendlichen und den Sozialarbeitern bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass wir unsere Jugendlichen mehr wahrnehmen müssen, einbeziehen müssen, ihre Stimme hören und dieser Stimme eine Farbe geben müssen.“

Weiter sagt sie: „Es ist mir bewusst, dass wir in Mitte kein zweites Jugendhaus herzaubern können aber wir könnten aus Bordmitteln etwas mit den Jugendlichen gestalten.“ Auf den Katharinenspielplatz, am Züblinparkhaus und am Brennerspielplatz könnten jeweils Container installiert werden. Auch ein Kiosk wäre nicht undenkbar. Dann zitiert einen Satz aus einer Jugendstudie: „Die junge Generation befindet sich im Aufbruch. Sie ist anspruchsvoll, will mitgestalten und neue Horizonte erschließen.“ Für Manachidis ist ein Auftrag an die Stadt: „Denn hinter jedem starken Kind, steht eine starke Stadt.“




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