Winfried Hermanns Pläne für die Unfallstrecke B464 „Ich will keine Ersatzautobahn“

Von Florian Gann 

Der grüne Landesverkehrsminister will die B 464 endlich sicherer machen. Im Interview verrät Winfried Hermann, wie das nun gelingen soll und warum der Umstieg auf Busse nur langsam passiert.

Nach zahlreichen Unfällen ist die Bundesstraße 464 bundesweit in den Schlagzeilen. Etwa 25 000 Autos verkehren hier täglich. Foto: SDMG/Dettenmeyer
Nach zahlreichen Unfällen ist die Bundesstraße 464 bundesweit in den Schlagzeilen. Etwa 25 000 Autos verkehren hier täglich. Foto: SDMG/Dettenmeyer

Böblingen - Seit Monaten reißen die Meldungen über die Bundesstraße 464nicht ab: Ein Auto schert aus, kracht in den Gegenverkehr. Tränen, Tote, Verletzte. Der Landkreis Böblingen dringt auf Veränderungen. Weil die Zuständigkeiten aber höher liegen, passiert wenig. Was macht der Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne)?

Herr Hermann, wann waren Sie zuletzt auf der Bundesstraße 464 unterwegs?

Das ist einige Monate her.

Hatten Sie Angst?

Nein. Aber die Straße ist mir bekannt. Ich schaue mir die schweren Unfälle im Land an und frage: Wie hätte man das verhindern können?

Was ist ihre Antwort für die B 464?

Zum einen war hier jeder schwere Unfall anders. Mal war es ein riskantes Überholen, dann Handy am Steuer, Eisglätte, Abstand zum Vordermann... Zum anderen ist die Straße gefährlich, weil sie viel befahren und eng ist und links und rechts keine Ausweichmöglichkeiten anbietet. Die Fahrer fühlen sich wie in einem Eiskanal eingeschlossen.

Während wir sprechen, erreicht uns gerade erneut eine Meldung von der Polizei: Wieder ein Unfall auf der B 464. So kann es doch nicht weitergehen, oder?

Jeder Unfall ist einer zu viel. Aber die Änderungen sind schon auf dem Weg. Am 21. Februar werden sie von der Unfallkommission des Landes verabschiedet. Aber so lange wollen wir nicht fackeln. Die Maßnahmen kommen früher.

Was kommt?

Wir werden auf der gesamten Strecke ein Überholverbot durch eine deutliche und spürbare Fahrbahnmarkierung festsetzen. Zwischen den Fahrbahnen wird als Mittelmarkierung ein durchgehender zwölf Zentimeter breiter, genoppter Streifen ausgelegt, der den Fahrern auch akustisch signalisiert, dass das Überholen verboten ist und eine Rückmeldung gibt, wenn die Linie überfahren wird. Zudem wird dort eine Geschwindigkeitsbegrenzung von höchstens 90 Kilometern pro Stunde kommen. Wir werden dies nun umsetzen und in den kommenden Monaten genau beobachten, ob diese Maßnahmen eine Wirkung erzielen.

Das reicht?

Es ist keine Lösung für die Ewigkeit. Wenn es weiterhin so viele Unfälle geben sollte, müssen wir nachjustieren. Denn Verkehrskonzepte sind immer kompliziert. Die Suche nach Gründen ist schwierig, wenn kein Unfall dem anderen gleicht. Zudem kann man es schwer verhindern, wenn Menschen sich wissentlich in gefährliche Situationen begeben. Deshalb plädiere ich auch für eine andere Fahrkultur, die sich an Vorsicht, Rücksicht, Übersicht orientiert.

Bürgermeister im Kreis Böblingen beklagen die Auslastung der Bundesstraße. Schon heute fahren dort etwa 25 000 Autos am Tag. Wenn im kommenden Jahr die Autobahn 81 ausgebaut wird, kommen sicher noch einige dazu. Wurde eine Lösung versäumt?

Ganz sicher nicht. Auf der Autobahn 81 wird es zwar Baustellen geben, aber es bleiben genauso viele Spuren befahrbar wie heute. Im Übrigen wurde in den vergangenen zehn Jahren im Kreis Böblingen so viel in Straßen investiert wie in keinem anderen Landkreis.

Sie sind also weiter gegen einen Ausbau der Bundesstraße?

Grundsätzlich bin ich für einen Ausbau, aber erst nach der Fertigstellung des Ausbaus der A 81 bei Böblingen und Sindelfingen. Wir wollen nicht mehr Baustellen als unbedingt notwendig. Wir brauchen die Bundesstraße als eine befristete Ausweichmöglichkeit, etwa bei einer unfall-bedingten Sperrung. Ich will aber keine Ersatzautobahn. Meine Philosophie ist: Wir stärken die Hauptachsen des Verkehrs: die A 81 wird durchgehend sechsspurig, die A 8 achtspurig. Die weitere verkehrliche Entwicklung werden wir jedoch im Auge behalten.

Der Landrat Roland Bernhard würde sich über einen Ausbau der B 464 freuen.

Aus Erfahrung weiß man, dass Straßen auch Verkehr anziehen. Wenn ich eine widerstandsfreie Straße baue, braucht man sich nicht wundern, wenn da viele Autos durchfahren. Da wären Anwohnergemeinden die Ersten, die aufschreien.

Ärgert es Sie eigentlich, sich als Grüner Minister hauptsächlich mit dem Autoverkehr zu beschäftigen?

Nein, das spiegelt nur die Realität wider. 70 Prozent der gefahrenen Kilometer werden heute immer noch mit dem Auto zurückgelegt. Deshalb kann ich auch als Grüner die Straßen nicht ignorieren. Wir wollen uns flächenschonend um vorhandene Straßen kümmern, nur in begründeten Fällen neue Straßen bauen. Das unterscheidet uns von anderen.

Geht der Umstieg auf die öffentlichen Verkehrsmittel für Sie schnell genug?

Es könnte immer schneller gehen. Aber es ist einiges passiert, dass die Menschen ermutigt, das Auto stehen zu lassen: Wir haben die S 60 ausgebaut, die Gäubahn fährt häufiger, die Preise sind gesunken, Böblingen ist zudem IC-Halt. Auch bieten die Radschnellwege tolle Verbindungen zwischen den Städten.

Viele Radwege in den Städten und Gemeinden sind ramponiert, das Busfahren ist für viele noch zu teuer.

Was die Radwege und den Busverkehr angeht, müssen sich einige Kommunen mehr anstrengen. Städte wie Böblingen beispielsweise haben zuletzt viel erreicht. Andere im Landkreis und darüber hinaus müssen zulegen.

Muss das Land den Kommunen angesichts klammer Kassen nicht stärker unter die Arme greifen?

Der Kreis Böblingen und die Region Stuttgart gehören zu den reichsten Landkreisen in Deutschland. Das Land hat die Fördermittel auf 320 Millionen Euro zuletzt praktisch verdoppelt. Die Mittel sind also da. Was fehlt, ist teilweise der Wille für die politische Verantwortung in Städten und Gemeinden, mehr für den öffentlichen Verkehr zu tun.