Winnender nach schwerer Krankheit Ist der alte Job trotz Rollstuhl möglich?

Alexander Vakar arbeitet nach der Erkrankung wieder in seinem angestammten Betrieb, der Firma Merath in Waiblingen. Er hat sich zum Programmierer weitergebildet. Foto: Gottfried Stoppel

Vor vier Jahren hat ein Bakterium Alexander Vakars Rückenmark so schwer geschädigt, dass er bis heute nicht gehen kann und auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Wie geht es dem Winnender?

Bei der Firma Merath in Waiblingen herrscht an diesem Mittwochvormittag reger Betrieb: Ein Lastwagen fährt vors Tor, um Ware abzuholen, mit Blechtafeln beladene Gabelstapler düsen kreuz und quer durch die Halle, in der mehrere Maschinen mit lauten Klopfgeräuschen Öffnungen in Metallbleche stanzen. Mittendrin ist Alexander Vakar. Eben ist er in seinem Rollstuhl aus dem Büro in die Halle gefahren, um zu kontrollieren, ob an der Stanzmaschine hinten links alles rund läuft.

 

Rückblende: Im Jahr 2019 arbeitet der Konstruktionsmechaniker aus Winnenden bereits seit mehreren Jahren bei der Firma Merath in Hegnach. Er bedient die Stanzmaschinen, bestückt sie mit Material und Werkzeugen, führt kleinere Wartungsarbeiten aus und ist zufrieden mit seinem Job und seinem Dasein. Freunde treffen, wandern, ausgehen – Alexander Vakars ganz normales Leben wird im November 2019 schlagartig auf den Kopf gestellt. Denn ein winziges, kugelförmiges Etwas – das Bakterium Staphylococcus hominis – löst bei dem jungen Mann aus Winnenden eine Rückenmarksentzündung aus. Die damit einhergehenden starken Rückenschmerzen interpretieren Mediziner erst als Bandscheibenvorfall. Doch innerhalb kürzester Zeit kann Alexander Vakar seine Beine weder spüren noch benutzen – daran ändert auch ein längerer Aufenthalt in einer Reha-Klinik nichts.

Seine eigene Wohnung musste er aufgeben

Frisch von dort entlassen muss der damals 36-Jährige sich komplett neu sortieren: Notgedrungen gibt er seine Wohnung auf und zieht bei seiner Mutter ein. Obwohl sie im Erdgeschoss lebt, kann Alexander Vakar die Wohnung zunächst wegen einiger Treppenstufen beim Hauseingang nicht selbstständig verlassen – er braucht eine Rampe. Denn trotz aller Widrigkeiten und der Annahme, dass er wohl nie wieder Vollzeit arbeiten können würde, steht für ihn schon damals fest: „Ich will ein normales Leben führen – im Rollstuhl.“

Seine Schwester und seine Cousine starteten einen Spendenaufruf, um Geld für den Bau eines barrierefreien Zugangs zu sammeln. Unsere Zeitung berichtete über die Aktion, weitere Medien zogen nach. Viele Menschen spendeten Geld – und nach einigem Hin und Her wurde die Rampe für rund 12 000 Euro fertiggestellt.

Die Rampe und sein Auto machen ihn unabhängig

Seitdem kann Alexander Vakar sein Zuhause wieder problemlos verlassen. Viel hat sich getan in den vergangenen vier Jahren. „Die Firma kam mir gleich entgegen und hat gesagt, dass ich bleiben kann, wenn ich will.“ Bei Merath bleiben wollte Alexander Vakar auf jeden Fall: „Ich habe ein gutes Verhältnis zu allen Kollegen.“

Giovanni Giordano, der Geschäftsführer der Firma Merath und somit Alexander Vakars Arbeitgeber, sagt: „Wir haben uns überlegt, welche Arbeit er machen kann. Unser erster Ansatz war eine Tätigkeit im Vertrieb. Das wäre ein Büroarbeitsplatz gewesen. Wir haben das ungefähr zwei Monate ausprobiert, aber der Vertrieb war nicht so ganz seine Welt.“ Verstehen kann Giovanni Giordano das durchaus: „Für einen, der die Produktion liebt, ist das die Welt.“ Und Alexander Vakar ergänzt: „Ich bin nicht so der Büromann, sondern ein Produktionsmensch.“

So entstand die Idee, dass Alexander Vakar sich zum Maschinenprogrammierer weiterbilden könnte. Erste Erfahrungen hatte er in diesem Bereich schon gesammelt. Er belegte mehrere von der Rentenversicherung finanzierte Kurse bei der Firma Trumpf in Ditzingen. Sein Betrieb strukturierte währenddessen einige Arbeitsabläufe um und sorgte dafür, dass sich Alexander Vakar an seiner Arbeitsstätte ungehindert bewegen kann.

Umbauten und Umstrukturierungen in der Firma

Vor dem Firmengebäude steht ein Parkplatz für ihn bereit, im Haus wurden die Türöffnungen verbreitert, sodass der 39-Jährige mit seinem Rollstuhl problemlos durchkommt. Die Türen öffnen sich auf Knopfdruck automatisch, es gibt eine barrierefreie Toilette und eine ebensolche Dusche, beide sind mit einem Notfallruf ausgestattet. Nur der Ruheraum mit Liege ist noch nicht ganz fertig. „Die beauftragte Firma hat Konkurs angemeldet“, sagt Giovanni Giordano.

Anders als er anfangs dachte, kann Alexander Vakar inzwischen sogar wieder in Vollzeit arbeiten. An guten Tagen schafft er einfach durch, an schlechten geht er auch mal etwas früher nach Hause. „Wir kontrollieren nicht, ob er seine Sollzeit erfüllt“, sagt sein Chef: „Wenn er sich schlecht fühlt, darf er selbstverständlich früher gehen.“ Seine neue Tätigkeit mache ihm Spaß, auch wenn einiges an „Papierkram“ anfalle, erzählt Alexander Vakar: „An manchen Tagen gibt es viel zu programmieren, das sind die guten Tage, dann vergeht die Zeit sehr schnell.“

Reisen und Ausflüge auf die Alb und in Städte

Vom Winnender Stadtteil Schelmenholz zu seinem Arbeitsplatz in Hegnach pendelt Alexander Vakar mit einem an seine Bedürfnisse angepassten Auto, das er gebraucht gekauft hat. „So brauche ich nur 20 Minuten zur Arbeit, mit öffentlichen Verkehrsmitteln wären es anderthalb Stunden.“ Ins Auto ein- und aussteigen kann er alleine. „Ich bin viel auf Achse. Das Auto gibt mir Unabhängigkeit und ist wie zwei Beine“, sagt der Winnender, der in den vergangenen drei Jahren rund 70 000 Kilometer gefahren ist. Ausflüge auf die Schwäbische Alb oder Städtereisen mit Freunden sind jetzt wieder für ihn möglich.

Beim Abschied sagt Alexander Vakar, er wolle sich bedanken – bei den Spendern, die den Bau der Rampe ermöglicht haben und bei den vielen Menschen, die ihm in E-Mails Hilfe anboten und Mut machten. „Alles ist gut, so wie es ist.“

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