Wohnhaus in Warmbronn So wohnte der weltberühmte Architekt Frei Otto

Haus mit Aussichten: das denkmalgeschützte Glashaus von 1969 von Leichtbauspezialist Frei Otto. Weitere Einblicke gibt es in der Bildergalerie. Foto: Christine Otto-Kanstinger

Leicht und einfach bauen – die Maxime von Pritzker-Preisträger Frei Otto ist aktuell wie nie. Ein Besuch im Wohnhaus des weltberühmten Architekten in Warmbronn nahe Stuttgart.

Es ist immer wieder aufs Neue ein Erstaunen, das seine Arbeiten hervorrufen. Wie ein zartes, zugleich stabiles Spinnennetz, das sich auf Stäbe legt und sie umhüllt, wirkt das Dach des Münchner Olympiastadions von oben aus gesehen. Mit Günter Behnisch verwirklichte Frei Otto von 1968 bis 1972 die Überdachung der Hauptsportstätten am Olympiagelände. Schon der deutsche Pavillon bei der Weltausstellung in Kanada 1967 wies Ähnlichkeiten auf.

 

Die Verbindung von Poesie und Technik, komplizierte Denkarbeit, die sich in simpel und praktisch erscheinender Materie manifestiert, berührt den Betrachter bis heute. Und sie brachte dem Architekten viele Ehrungen und Auszeichnungen ein, im Jahr seines Todes, 2015, noch den Ehren-Oscar der Architektur, den Pritzker-Preis.

Das Stadion wollte Frei Otto mit der Familie anschauen, auf dem Rückweg vom sommerlichen Wanderurlaub 1972 – als sie die Nachricht im Autoradio hörten: Palästinensische Terroristen hatten bei den Olympischen Spielen die israelische Mannschaft in Geiselhaft genommen. Elf Mitglieder des Teams und ein Polizist wurden getötet. Ein Schock. „Als Kind habe ich das nicht begriffen.“ Davon erzählt Frei Ottos drittgeborene Tochter und Architektin Christine Otto-Kanstinger, während sie in dem Haus steht, das ihr Vater für sich und seine Familie entworfen hat.

Flexibilität und Leichtigkeit im Hause Frei Otto

Das einfache, leichte, flexible Bauen ist angesichts von Klimakrise und hohen Materialkosten wieder aktuell. Wie es sich auch im privaten Wohnen zeigt, darüber hat Frei Otto öfter geschrieben, doch wenig gebaut. Siedlungshäuser in Berlin gibt es – und eben das von 1967 bis 1969 entstandene Wohnhaus in Warmbronn nahe Stuttgart, das für die Öffentlichkeit nie zugänglich war. Der Architekt respektierte den Wunsch der Familie, privat zu bleiben. Nur im unteren Bereich des Hanggrundstücks, im Atelier, wo er wegweisende Arbeiten entwarf, tummelten sich Architekten, Ingenieure, gelegentlich Journalisten aus aller Welt.

Das Haus selbst spiegelt so viel von dem, wofür Frei Otto steht: Leichtigkeit, Durchlässigkeit, die Idee, dass man den Gegensatz von innen und außen aufhebt, in der Natur und im Raum lebt. Und etwas, das in seinem Namen vorhanden ist: frei sein. Die Freiheit wird umso greifbarer, je näher man dem Gebäude kommt. Da, wo früher Streuobstwiesen waren und heute eine dicht bebaute Siedlung steht, spaziert man durch ein Gartentörchen eine Treppe hinauf. Mit jedem Schritt fühlt man sich luftiger, südlicher, als wäre man an einer mediterranen Küste. Kiefern, Sträucher, und unten vermutet man das Meer. Im Garten begrüßen einen Christine Otto-Kanstinger und Dieter Boley, Ingenieur und Ehemann der ältesten Tochter Angela.

Die Glashülle beeindruckt

Die beiden führen erst einmal ums Haus herum – zu dem, was damals wie heute beeindruckt: die Glashülle. Das Haus hat etwas von einem Cabriolet, es lässt sich nach oben öffnen. Die Plexiglasscheiben, wenngleich einige etwas milchig ausschauen, „sind noch im Original erhalten und waren Versuchsscheiben für das Münchner Olympiadach“, wie Dieter Boley weiß.

„Die Großhülle wird aus einer Rahmenkonstruktion aus ganzen kanadischen Fichtenstämmen getragen. Das Konstruierte ist auch überall Gestaltungsprinzip, man sieht alle tragenden Teile.“ Technik wird nicht versteckt.

Das Haus verwandelt sich in einen Freisitz

„Die Großhülle – die Warmbronner Nachbarn sagen einfach Glashaus dazu – wird nach Süden hin von einem 5,5 Meter breiten Tor verschlossen, das mithilfe eines Elektromotors hochfahrbar ist“, sagt Boley und setzt die Technik in Gang. Ein Ruckeln, schon fährt die Wand gleichmäßig knatternd hoch, verwandelt sich der vordere Wohn-Ess-Bereich des Hauses in einen Freisitz.

Unter dieser großen gläsernen Hülle findet in einer Art Schachtelprinzip das Leben innerhalb des Hauses statt. Es sind wie ein Minifamiliendorf diverse Räume untergebracht. Durch von der japanischen Architektur inspirierte Schiebetüren lassen sie sich öffnen und zwei kleinere in einen größeren Raum verwandeln. Und zwischen der doppelten Verglasung im Obergeschoss besteht ein schmaler Gang. Otto-Kanstinger: „Diese Konstruktion stellt eine klimatische Pufferzone dar und kann helfen, Sonnenenergie einzufangen und im Haus zu behalten.“ – „Vom ungeheizt schon warmen Haus und neuen Fenstern“, so lautete ein Aufsatz von Otto im Jahr 1955, ganz können Fenster und Sonne hier nicht für Wärme sorgen, eine Fußbodenheizung hilft mit.

Direkter Zugang ins Grüne

„Es ist ein anpassungsfähiges Haus“, erinnert sich Christine Otto-Kanstinger. „Diese Wandelbarkeit macht das Besondere des Hauses aus. Das ist es, was mein Vater wollte: ein Haus, das sich den Bedürfnissen der Bewohner anpasst. Wichtig war ihm immer die Offenheit und dass jedes Zimmer auch Ausblicke und direkten Zugang ins Grüne hat.“

Zwar steht das Haus unter Denkmalschutz, doch da sein Erbauer die stete Möglichkeit zur Veränderung mitdenkt, ist auch dieser Gedanke Teil des Denkmals und dürfte ein Argument bei Umbauten sein. Seit dem Tod von Frei Ottos Gattin Ingrid wird das Haus von der Familie nur sporadisch belebt, man denkt ans Verkaufen, am liebsten an eine Familie, die gern luftig und naturnah lebt. Das Haus hat nichts pompös Villenhaftes, es lebt vom Charme des improvisiert Wirkenden, wiewohl der Architekt Details aufs Genaueste geplant hat – seien es die Stauräume in den Treppenstufen, seien es die klug gesetzten Fenster, die im Badezimmer schönes Tageslicht geben.

Berühmte Architekten in Warmbronn

Raum wird hier als Bewegungsraum begriffen, man verschanzt sich nicht hinter dicken Mauern, sondern kommuniziert mit der Natur. Und mit den Leuten, die sich zu Besuch anmelden. „Meine Eltern waren dem Leben zugewandt, gingen gern in Konzerte in die Liederhalle und einmal die Woche zum Tanzen ins Neckarstadion. Das war ein wichtiger Termin, den sie auch so gut wie nie absagten, und sie führten ein offenes, ein gastfreundliches Haus“, sagt Otto-Kanstinger.

Bilder aus dem Familienarchiv zeigen sorgfältig eingedeckte Festtafeln, Partystimmung – im Erdgeschoss, drinnen, draußen. Und unten im Atelier am Fuße des Grundstücks. Hier lagern heute in Schubladen Dias, „knapp sechzigtausend“, schätzt Christine Otto-Kanstinger. Kurvenlineale, eine Schriftschablone für die eigene entwickelte Schrift, Pläne, Zeichnungen, alles da. Im Atelier saßen Frei Otto und seinen Mitarbeiter und experimentierten, erforschten Bauformen, Netze, Gitter, die von in der Natur vorkommenden Strukturen inspiriert waren.

Berühmte Gäste wie Norman Foster kamen nach Warmbronn, Neue-Staatsgalerie-Architekt James Stirling, Christoph Ingenhoven (mit dem er zusammen den Stuttgarter Bahnhof entworfen hatte, sich aber später von Aspekten des Projekts distanzierte) und Shigeru Ban, mit dem Frei Otto 2000 in Hannover beim Japanischen Expo-Pavillon aus Papier zusammengearbeitet hatte.

Haus und Atelier atmen die Zeit – bis zu seinem Tod lebte das Ehepaar Ingrid und Frei Otto hier, Publikationen, Modelle, Bücher im Atelier und im Haus zeigen einen Großen der Architektur und einen Menschen, der nahbar war. Kein Elfenbeinturm, sondern ein luftig gläsernes Denkerhaus auf der Halbhöhe Warmbronns, das mit Leben gefüllt sein will.

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