Mit dem Auto von Degerloch in Richtung Stadtmitte fahren? Das ist seit Jahren mit Baustellen und Stau verbunden. Warum das an einem hochwertigen Wohnbau liegt – und wann endlich wieder freie Fahrt herrschen soll.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)
 
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Auf den drei Steigen, die von der Stadtmitte in Richtung Fernsehturm und Degerloch führen, wird ständig irgendetwas gebaut, ausgebessert, und irgendeine Spur ist fast immer dicht. Sogar eine „Tatort“-Folge handelte davon (die Neue Weinsteige war’s). Aber auch auf der kleineren Steige von der Waldau nach Stuttgart-Ost ist seit einer gefühlten Ewigkeit eine Spur gesperrt.

Hier, an der Pischekstraße stadteinwärts am Steilhang, klafft seit 2020 eine enorme Lücke – und hier steht auch das „Bitte einfädeln“-Schild. „Der Stau allerdings kommt nicht von unserer Baustelle“, sagt Simon Schmidt, Architekt der zwei hier entstehenden Gebäude, „das hat eher etwas mit der Abbiegespur weiter unten an der Kreuzung zu tun.“ Mit der Spursperrung wurde ein externes Unternehmen beauftragt, 6000 Euro pro Jahr kostet das den Bauträger Alveni, berichtet der Architekt.

Das Schild wird noch ein paar Monate dort stehen bleiben, voraussichtlich bis Mai. Man sieht aber nun schon, was hier entsteht: ein Wohnhaus mit fein verglasten Balkons und Satteldach. Und, wer genauer hinschaut, bemerkt, dahinter kommt noch was – ein Einfamilienhaus – „Stadtvilla“ genannt – mit knapp 170 Quadratmeter Wohnfläche. Im Mehrfamilienhaus namens „Sky 7“ sind sechs Wohneinheiten vorgesehen, Zwei- bis Vierzimmerwohnungen von 55 bis 168 Quadratmetern, plus Tiefgarage, Aufzug und Garten.

Während im neu entstehenden Rosensteinquartier, für das ASP Architekten derzeit noch am finalen Rahmenplan tüfteln, vermutlich nicht für jede Wohneinheit ein Garagenplatz zu Verfügung steht, sieht es an der Pischekstraße im Stuttgarter Stadtteil Gänsheide entspannt aus für Autofreunde. Noch ganz klassisch geplant ist das Bauvorhaben, mit zehn Parkplätzen für sieben Wohneinheiten.

Ursprünglich war die Fertigstellung für 2022 terminiert, Coronapandemie, unterbrochene Lieferketten und ein verzögerter Start haben die Bauzeit um ein Jahr verlängert. „Der Bauträger wollte erst mit dem Aushub der Baugrube beginnen, nachdem die größten Objekte verkauft waren.“

Denn die Lage ist zugleich großartig wie auch schlecht: Zum einen ist da die tolle Aussicht in exponierter Hanglage – Blick auf die Stadt rüber zum Bopser und hinunter bis zum Bahnhof. Zum anderen ist da die vierspurige Straße und die Stadtbahnlinie 15. Am lautesten sei die Straßenbahn, sagt der Architekt, „wir haben ein Schallschutzgutachten erstellen lassen, da kamen sehr hohe Werte heraus, daher haben wir einen speziellen Schallschutz und Lüftungselemente mit Schallschutz. Sind alle dreifachverglasten Holz-Alu-Fenster geschlossen, dann hört man fast nichts mehr.“

Wohnen mit Aussicht

Die Lage, der Blick waren offenkundig überzeugend, die Objekte wurden verkauft, als die Zinsen noch niedrig waren. Damals gab es auch noch keinen Krieg in der Ukraine, „die Gaskrise war in weiter Ferne“, sagt der Architekt. „Wir haben daher eine Kraftwärmekopplung vorgesehen, ein Blockheizkraftwerk im Gasbetrieb.“ Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach ist nicht vorgesehen, weil die Pflicht damals noch nicht galt, „zudem haben wir alle Nachweise in Sachen Energie auch so erfüllt“.

Die Ausstattung im Haus sei „gehobener Standard“, sagt der Architekt. Alveni wirbt mit „Eichenholz-Parkettfußböden, Fußbodenheizung, hochwertiger Badausstattung, Ganzglasgeländern an Balkonbrüstungen, bodentiefen Fenstern, Granitfensterbänken“. Punktabzug gibt’s in Sachen Dämmung. Die Hausfassade wird mit Polystyrol gedämmt, also Kunststoff, das bei Abbruch zum Sondermüll zählen würde. In Sachen Klimagerechtigkeit und CO2 ist das nicht optimal.

Ökologische Alternativen seien teurer und dämmten oft weniger gut, argumentiert der Architekt: „Biogemüse finden auch alle super, aber tatsächlich wird es nur von einem gewissen Anteil der Konsumenten gekauft. Bei den enormen Wohnungspreisen sind für die Erwerber manchmal die letzten 20 000 Euro entscheidend. Nach unserer Erfahrung ist ein ökologischer Dämmstoff für die Kaufinteressenten derzeit kein Kriterium, einen spürbar höheren Preis für eine Immobilie zu bezahlen. Wir hoffen aber darauf, dass in der Bevölkerung das Bewusstsein für nachhaltiges Bauen weiter wächst.“

Vorbildlich freilich ist die Nachverdichtung, die mit dem Projekt gelingen wird: Das geplante Wohnhaus reiht sich in eine Lücke ein zwischen einem Terrassenbau aus den 1970ern und einem Haus aus dem 19. Jahrhundert. „Das sind zwei verschiedene Architektursprachen“, sagt der Architekt. „Wir haben versucht, das zu verbinden – mit einer großen Dachterrasse zum linken Nachbarn und dem Satteldach beim Hauptgebäude, wegen des Satteldachs des alten Hauses, so werden wir zum schönen Gelenk zwischen beiden Häusern.“