Zentrale Stelle in Ludwigsburg Immer neue Prozesse gegen alte Nazis

Mord verjährt nicht: Die Zentrale Stelle ermittelt nach wie vor. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Thomas Will ist Chef der Zentralen Stelle in Ludwigsburg zur Aufklärung von NS-Verbrechen. Er spricht über die Notwendigkeit, sich der Geschichte zu stellen.

Rems-Murr/ Ludwigsburg: Martin Tschepe (art)

Ludwigsburg - Das hätte damals wohl kaum jemand für möglich gehalten. Als am 1. Dezember 1958 in Ludwigsburg die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalistischer Verbrechen ihre Arbeit aufgenommen hat, war man sich einigermaßen sicher: Die Arbeit der Ermittler dürfte in ein paar Jahren, maximal nach zwei, vielleicht drei Jahrzehnten zu Ende gehen. Doch nach wie vor wird ermittelt.

 

Allein die Beschuldigten müssen verhandlungsfähig sein

Jetzt hat der Chef der Zentralen Stelle, Thomas Will, auf Einladung der Akademie für Darstellende Kunst (ADK) im Rahmen der Reihe „Montags an der ADK“ über die Vergangenheit, die gegenwärtige Tätigkeit und die Perspektiven für die Zukunft gesprochen. Nach wie vor werden in Ludwigsburg neue Prozesse gegen alte Nazis vorbereitet. Zurzeit, so Will, laufe in Itzehoe ein Verfahren gegen eine mittlerweile 96-jährige ehemalige Sekretärin des Konzentrationslagers Stutthof. Es ist das erste Mal, dass einer zivilen Angestellten eines Vernichtungslagers der Nationalsozialisten der Prozess gemacht wird. Warum erst heute? Und warum werden hochbetagte Männer und Frauen überhaupt noch vor Gericht gestellt?

Will, Jahrgang 1960, sagte, Ermittlungen wegen Beihilfe liefen erst seit 2011, seit dem sogenannten Demjanjuk-Fall. Im Prozess gegen den Wachmann Demjanjuk wurden die Gesetze erstmals so ausgelegt, dass auch ein Mittäter sich seiner Verantwortung im Holocaust stellen muss. Mit Blick auf das hohe Alter der mutmaßlichen Täter von damals, die erst heute im Visier der Ermittler sind, sagte Will: das spiele keine Rolle. Es gehe einzig und allein um die Frage, ob die Beschuldigten noch verhandlungsfähig seien, denn Mord verjährt nicht.

Frühere Zeugen geraten ins Visier der Ermittler

Mit Blick auf die Bilanz der Zentralen Stelle – bis Januar 2022 seien lediglich 7649 Vorermittlungen gelaufen – erklärte der Chefermittler, man könne durchaus von „ernüchternden Zahlen“ sprechen. Er sagte auch, viele Kritiker seien der Ansicht, in der Vergangenheit sei wohl zu wenig sowie zu spät angeklagt und zu milde bestraft worden. Frühere Freisprüche für Gehilfen – etwa im Fall eines Arzts in Auschwitz – bezeichnete Will als „unbefriedigend“. Aber das habe die Gesellschaft in der Bundesrepublik vor dem Demjanjuk-Prozess eben so hingenommen.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Wiesenthal-Zentrum gibt sich trotzig

In der jüngeren Zeit werde fast ausnahmslos wegen Beihilfe zu Morden in den NS-Lagern ermittelt, gegen Männer und Frauen, „die eine Haupttat erleichtert oder gefördert“ haben. Viele ältere Verfahren würden nochmals überprüft, auch Personen, die in alten Prozessen als Zeugen geladen waren, seien im Visier. So lange wie mutmaßliche Täter noch am Leben sein könnten, werde weiter gearbeitet. Diesen Beschluss hätten die Justizminister 2015 gefasst. Will erklärte, bei Verbrechen, die vom Staat begangenen worden seien, „ist Aufklärung besonders wichtig“. Die Verurteilung der Täter von damals sei heute womöglich nicht das wichtigste Signal. Es gehe auch darum zu zeigen: die Straftaten in den NS-Lagern würden „auch heute noch als Unrecht gekennzeichnet“. Erst wenn die letzten mutmaßlichen Täter gestorben sind, was nicht mehr allzu lange dauern dürfte, werde die Ermittlungsarbeit eingestellt.

Die Zentrale Stelle soll einmal zu einem Ort der Mahnung werden

Dann werde die Zentrale Stelle zu „einem Ort der Mahnung“. Auch künftige Generationen könnten dann in Ludwigsburg erfahren, was einst in NS-Deutschland geschah und wie die Justiz später „mit der dunklen Vergangenheit umgegangen ist“. Das sei in Zeiten wie diesen mit demokratiefeindlichen Tendenzen und Pseudowahrheiten wichtig.

Weitere Themen