Zum Tod von Uli Sckerl Der Chefingenieur der Grünen

Hans-Ulrich Sckerl (Grüne) erlag im Alter von 70 Jahren einer Krebserkrankung. Foto: dpa/Marijan Murat

Im Maschinenraum der Politik kannte sich Hans-Ulrich Sckerl aus wie wenig andere. Nun ist der Fraktionsvize der Landtags-Grünen gestorben.

Stuttgart - Der Weinheimer Landtagsabgeordnete Hans-Ulrich Sckerl gehörte zu einer Spezies von Politikern, die heute vom Aussterben bedroht ist: Das Sein war ihm stets wichtiger als der Schein. 2006 erstmals ins Landesparlament gewählt, fungierte er von 2011 an als parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion. Dabei handelt es sich um eine Aufgabe, die mit viel Einfluss verbunden ist; nur weiß das außerhalb des politischen Betriebs kaum jemand. Oft wird der Job mit jüngeren Politikerinnen und Politikern besetzt, die ihn als Sprungbrett betrachten für den Fraktionsvorsitz oder – sofern man an der Regierung beteiligt ist – für ein Ministeramt. Diesen Ehrgeiz kannte Sckerl nicht nur aus der Anschauung fremder Karrieren, aber er wusste ihn stets zu unterdrücken. Seine Leidenschaft galt der Macht – oder freundlicher formuliert: der Ausübung von Gestaltungsmacht. Ihm ging es nicht darum, teuren Anzüge zu tragen – wer hätte ihn in Stuttgart je in einem solchen gesehen? Auch strebte er nicht danach, von dienstbarer Hand die Tür eines Dienstwagens geöffnet zu bekommen. Wer sich aber noch zu später Stunde ins Haus der Abgeordneten verirrte, der erspähte beim Blick durch den Innenhof regelmäßig ein schwaches Licht aus einem Bürofenster leuchten. Dahinter kauerte Hans-Ulrich Sckerl – an einem Gesetzestext arbeitend, ein Strategiepapier entwerfend oder die nächsten drei Winkelzüge in einem komplizierten Machtspiel bedenkend. Sein Herz schlug links, doch gehörte er zu jenen Grünen, für die Politik in der Regierung stattfindet und nicht im Schreiben von Oppositionspapieren. Diese Einsicht verband ihn mit seinem Ministerpräsidenten. Es war ehrlich gemeint, als sich Winfried Kretschmann „bestürzt und traurig“ über die Todesnachricht äußerte. Die beiden waren nicht immer gleicher Meinung und pflegten doch, so Kretschmann, „ein sehr, sehr freundschaftliches Verhältnis“.

 

Sein Herz schlug links

Nun hat dieses tapfere Herz aufgehört zu schlagen. Auch um seine Krebserkrankung, die sich erschreckend schnell entfaltete, machte Sckerl öffentlich kein Aufheben. Die Landtags-Grünen verlieren mit dem Siebzigjährigen ihren Chefingenieur im politischen Maschinenraum. Sckerl, seit 1980 bei den Grünen, verkörperte in seiner Partei viel von dem, was der Bundes-SPD einst Herbert Wehner gewesen war. Sckerl konnte schon granteln, aufbrausen, böse sein. Manchmal schaute er grimmig genug, um zarte Gemüter zu erschrecken. Aber er war auch herzlich, und wenn er sich anstrengte, vermochte er auch einmal kurz an was anderes zu denken als an Politik.

Einfluss hatte Sckerl besonders als Innenpolitiker. Ihm gelang das Kunststück, in aufzehrenden Verhandlungen der von Innenminister Thomas Schäuble (CDU) geplanten Verschärfung des Polizeirechts die Giftzähne zu ziehen, ohne den Minister in seinem Wohlbefinden wesentlich zu beeinträchtigen. Vermutlich wird Strobl dereinst im Ruhestand die Einführung der Bodycam bei der Landespolizei als Revolution in der Sicherheitspolitik feiern. Wo er es als nötig empfand, etwa bei der direkten Demokratie, setzte er auch mal andere Akzente als sein Ministerpräsident. „Es kann nicht sein, dass wir nur Volksabstimmungen über Sonnenschein und Regen abhalten“, mahnte Sckerl. Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz sagte, das Parlament verliere einen „leidenschaftlichen Debattenredner. Auch CDU, SPD und FDP würdigten den Verstorbenen als „markanten Parlamentarier“.

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