Zwei Jahre Corona Wie Stuttgarter Künstler durch die Pandemie kommen

Für die Tangotänzerin Judita Zapatero bedeutete die Pandemie plötzlich „Abstand“. Foto: /Alexandra Klein

Vor knapp zwei Jahren haben wir vier Kulturschaffende aus Stuttgart gefragt, wie sie die Anfänge der Pandemie erleben. Jetzt besuchen wir sie wieder – wie ist es ihnen ergangen?

Esslingen: Sebastian Xanke (xan)

Stuttgart - Zwei Jahre ist es her, seitdem wir mit der Künstlerin Iris Flexer, der Sängerin Rebecca Jäger, dem Schauspieler Jörg Pauly und der Tänzerin Judita Zapatero über ihre Situation in der Pandemie gesprochen haben. Damals kämpften sie mit Umsatzeinbußen – teilweise von bis zu 100 Prozent. Heute blicken sie zurück und sprechen exemplarisch für ihre Branchen, die von der Coronapandemie so hart getroffen wurden wie nur wenige andere.

 

Die Künstlerin: Jahr ohne Ausstellungen

„2021 war wirklich hart für mich“, sagt Iris Flexer, die seit etwa 30 Jahren hauptberuflich als Künstlerin arbeitet – in der Malerei, Druckgrafik und im Feld der Installationen. Als wir vor knapp zwei Jahren mit ihr redeten, erzählte die Stuttgarterin, 2020 wenigstens an einigen wenigen Ausstellungen mitwirken zu können. „2021 gab es coronabedingt gar keine Ausstellungen mehr“, so Flexer.

Trotz der Widrigkeiten hat sich die Künstlerin ihre frohe Natur bewahrt. Zusammen mit der Kunstakademie Augsburg bot sie 2021 Online-Kurse für Menschen im künstlerischen Selbststudium an. Ihr Enkel half ihr in Sachen Videoproduktionen. „Das hat sich Gott sei Dank gut verkauft.“ Auch eine veräußerte Papierarbeit brachte ihr 2021 Geld ein.

Jetzt, Anfang 2022 hat die Künstlerin eine große Ausstellung in Filderstadt. „Das tut richtig gut“, sagt Flexer. Menschen hätten zu Beginn sogar draußen gewartet, um sich die Ausstellung anzusehen. Ein Ende der Krise sieht sie dennoch nicht. „Die Inzidenzen sind beunruhigend. Wir brauchen wahrscheinlich noch viel Geduld.“

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Die Tänzerin: Gebeutelt von Schließungen

Als wir 2020 mit Judita Zapatero gesprochen haben, hatte die Tänzerin ihre Tangoschule in Stuttgart gerade coronabedingt geschlossen. Ihre Einnahmen lagen plötzlich bei null. In enger Abstimmung mit dem Gesundheitsamt tarierte Zapatero über die folgenden Monate hinweg aus, was für ihre Schule erlaubt ist und was nicht. „Aber die wiederkehrenden Schließungen haben mich immer aufs Neue sehr niedergeschlagen zurückgelassen“, sagt die Tänzerin. „Ich kam mir zwischendurch sehr unnütz vor.“

Mittlerweile hat Zapatero einen anderen Blick auf die Dinge. „Beim Tango arbeiten die Menschen an sich, wachsen über sich hinaus und erleben Sinnlichkeit.“ Sie kenne viele, vor allem alleinstehende Menschen, die in der Pandemie vereinsamten. „Wir zahlen gerade einen hohen Preis. Der Mensch braucht Begegnungen.“ Den Tangosalon besuchen derzeit nur noch halb so viele Menschen wie vor der Pandemie, erzählt sie. Und es gebe wegen Corona kaum Neuanfänger.

Neben ihrer Arbeit in der Tanzschule, versuchte die Stuttgarterin trotz Pandemie auch selbst als Tänzerin weiter aktiv zu sein, etwa bei Auftritten in Italien und Österreich – alles vor einer stets wechselnden Coronalage: „Ich hatte einmal einen Theaterauftritt, und am nächsten Tag war das Haus geschlossen“, sagt die Tänzerin. Immerhin laufe der Unterricht gerade wieder relativ normal.

Der Schauspieler: Wechsel in die Werbung

„Es hat sich viel verändert. Man gewöhnt sich an so vieles“, sagt Jörg Pauly. Seit mehr als 15 Jahren ist er Schauspieler, vorzugsweise im Theater. Vor rund zwei Jahren erzählte uns der Stuttgarter von seinen Plänen in der Pandemie. Ein Baustein: kleine Auftritte auf öffentlichen Plätzen. Was daraus geworden ist? „Wir haben das versucht, aber schnell gemerkt, dass man davon nicht leben kann“, sagt der 42-Jährige. Dabei gehörte der Schauspieler zu den Privilegierten seiner Zunft. „Ich habe mir vor der Pandemie ein paar Verträge erarbeitet und daher längere Zeit Kurzarbeitergeld bezogen.“

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Das sei nicht selbstverständlich, einige seiner Kollegen hätten ihren Beruf wechseln müssen. Ein anderer Weg: „Viele Schauspieler – auch ich – haben sich als Dienstleister in der Werbung vermarktet“, so Pauly. Dort einen Job zu bekommen sei aber bestenfalls wie Lotto spielen. Hunderte Bewerber kämen auf eine zu vergebende Stelle. Später erhielt Pauly Arbeitslosengeld.

2021 seien die Veranstaltungen dann nach und nach wiedergekehrt – unter strengen Auflagen, 3G, Abstand, Maske während der Vorstellung. Für den Schauspieler war das augenöffnend. „Ich habe gemerkt, welchen Stellenwert die Kultur in unserer Gesellschaft hat“, so Pauly.

Die Sängerin: Hochzeiten am Fließband Normalerweise dauert die Saison einer Traurednerin von März bis November. Doch mit Beginn der Coronapandemie fielen die Hochzeiten weg – und damit Rebecca Jägers wichtigstes Standbein. Was also tun? Die heute 41-Jährige baute sich ein neues auf. Als „singendes Telegramm“ hat sich Jäger in der Region Stuttgart einen Namen gemacht, sang etwa zu besonderen Anlässen wie Muttertag oder Geburtstagen. Ein damals sehr gefragtes Angebot, berichtete Jäger vor fast zwei Jahren.

Und heute? „2020 war sehr gut, 2021 sind die Aufträge etwas weniger geworden“, sagt sie. Dafür habe wieder die Hochzeitssaison an Fahrt aufgenommen – allerdings viel kompakter. „Da hatte ich teilweise jeden Tag Hochzeiten, aber eben nur bis Anfang Oktober.“ In weniger Monaten musste die Sängerin mehr verdienen als vorher.

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Gelungen ist das nur teilweise. Jägers Umsatz stagniert. Allein in diesem Januar seien wieder zwei Hochzeiten abgesagt worden. Glücklicherweise habe sie Erspartes in der Hinterhand. „Diese Rücklagen haben andere nicht.“ Doch auch für Jäger ist klar: „Wenn dieses dritte Pandemiejahr genauso läuft wie die letzten, brauche ich vielleicht eine Festanstellung im Winter.“

Was gilt in der Kultur?

Aktuell
Derzeit gilt in Baden-Württemberg die Alarmstufe I. Das bedeutet, der Besuch von Kulturveranstaltungen und Kultureinrichtungen ist nur Geimpften oder Genesenen erlaubt. Veranstaltungen dürfen zudem nur 50 Prozent der üblichen Plätze belegen, in geschlossenen Räumen und im Freien gelten dabei unterschiedliche Obergrenzen.

Ab Mittwoch
Ab dem 4. März hat die Landesregierung von Baden-Württemberg Lockerungen in der Coronaverordnung angekündigt. Wie genau diese aussehen werden, ist noch nicht bekannt. Ministerpräsident Winfried Kretschmann kündigte aber an, dass in der Kultur künftig nicht mehr die 2G-, sondern die 3G-Regel (geimpft, getestet, genesen) gelten soll. Auch die erlaubte Zahl an Besucherinnen und Besucher werde voraussichtlich erhöht. Die Ampelregierung hat zudem angekündigt, dass ab dem 20. März alle „tiefgreifenden“ Corona-Einschränkungen entfallen. Welche Regeln dann genau gelten, wird derzeit beraten.

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