Der heikelste Moment bei einer Theateraufführung ist der, wenn man sich an der Garderobe anstellt und man ungewollt Gespräche anderer Zuschauer mithören muss. Wenn zum Beispiel im Deutschen Theater Berlin jemand hinter einem steht und nölt, dass „es es doch jetzt eigentlich mal gut ist mit dem Lamentieren über Nationalsozialismus und Holocaust“.
Nein, möchte man widersprechen, an von den Nationalsozialisten verfolgte jüdische Verwandte zu erinnern, ist durchaus noch ein Thema. Und weiter aktuell (in einem Land, in dem der Holocaust-Planer Heydrich bis heute nicht offiziell als Kriegsverbrecher verurteilt ist), wenn man die Nachrichtenlage verfolgt. Da ist die just vor Gericht gestellte Nazi-Sekretärin ein Beispiel von vielen.
Jossi Wieler vertraut auf die Sprachgewalt von Elfriede Jelinek
Anders als der Mensch an der Garderobe es einschätzt, ist „Angabe der Person“ ein großer Theaterabend, bei dem ein sehr persönliches Werk der österreichischen Autorin Elfriede Jelinek von Jossi Wieler mit großer Verve uraufgeführt – und von fantastischen Schauspielerinnen mit Leben gefüllt wurde. Anlass für den Text war eine schon länger zurückliegendende Steuerprüfung samt Hausdurchsuchung und Textebeschlagnahmung bei der in Österreich und Deutschland lebenden Literaturnobelpreisträgerin. Das Ereignis knallt in Form eines Leitzordners auf den Boden der Bühne. Auf der dreht sich ansonsten nur noch auf einem Podest ein Wohnhaus samt Toilette. Auf der Seite ein Klavier, das auch Töne von sich gibt, wenn einer spielt.
Die Steuerchose ist aber nur der Anlass, um über das Thema Identität nachzudenken, wer man ist – auch in den Augen des Staates. Bei Jelinek ist es eine Person, die grundsätzlich verdächtig ist: „Ich bin eine, die fällt oder gefällt wird, je nachdem, wie man es sieht.“ So wie ihre Vorfahren. Die Autorin sinniert darüber, in welchem Maße die Staatsgewalt grundsätzlich in eine Biografie eingreifen kann. Und selbstverständlich, so wiederholt sie mehrmals, könne sie ihre Erfahrung nicht mit der ihrer deportierten Verwandten vergleichen. Diese Zurücknahme ist ja schon Teil des sprachspielerischen Titels: „Angabe der Person“ meint „Angaben zur Person“ ebensogut wie „Angeberische Person“.
Jossi Wieler, Theaterregisseur und einstiger Stuttgarter Opernchef, strukturiert den Abend wie eine Sonate. Das Forte der Einleitung ist der Steuerprüfungs-Leitzordner, der auf die Bühne knallt, jeweils als Solo übernehmen Linn Reusse, Fritzi Haberlandt und Susanne Wolff die drei Hauptsätze. Die Coda, in der nichts Neues mehr kommt, wird von Bernd Moss gespielt, der aus dem Manuskript noch einige Passagen vorliest. Er hat zuvor den Abend durch schiere Präsenz grundiert, mit Kopfhörern an einem Schreibtisch sitzend und höchstens mal „Elfi“ sagend, oft als Lebensmensch der Autorin, mal auch als Steuerprüfer oder als einer der von den Nazis verfolgten Verwandten.
Drei Soli (und ein kleines viertes) sowie ein Auftritt zu dritt, mehr oder weniger ohne Handlung, das hätte auch schief gehen können – ist aber gelungen. Und wie. Vor allem wenn Susanne Wolff in einem Mix aus Wut, Lässigkeit, Herablassung über die Bühne tigert. Und wenn Fritzi Haberlandt mit Ironie und Spitzfindigkeit Jelineksche Sprachgirlanden dreht – über das sich Verfolgtfühlen, über die Angst, als Nichtsnutz zu gelten, sich vorzustellen wie die Steuerbeamten daheim sitzen und ihren Familien die beschlagnahmten Jelinektexte vorlesen und lachen.
„Ich kochele vor Wut!“
Und wenn sie sich über die von Schirachs mokiert, die ja auch sehr viel schreiben (auch Theatertexte, in denen das Publikum über Leben und Tod von Menschen urteilen darf). Und die – „Ich kochele vor Wut!“ – ungeachtet ihrer NS-Verstrickungen sehr günstig nach dem Krieg Grundstücke am Kochelsee in Bayern erhielten. Anders als sie, die dem Staat als grundsätzlich verdächtig erscheint. So wie eben schon die Verwandten. Kleine Puppen, deren Kleider und Anzüge identisch in groß auf der Bühne liegen und von den Schauspielerinnen übergestreift werden – die Toten sind da und auch nicht da, das Unbehagen an der durch die Vergangenheit verschatteten Gegenwart ist hoch aktuell.
Und ganz in der unbequemen Gegenwart ist die Autorin auch mit „Sonne, los jetzt“, in Zürich von Nicolas Stemann uraufgeführt. Wie Jossi Wieler hat auch er schon vielen Jelinektexten zum theatralen Leben verholfen, „Ulrike Maria Stuart“ hatten beide inszeniert. Wie damals ist es auch jetzt. Jossi Wieler stellt die Sprachmacht ins Zentrum, vertraut dem Charisma seiner Schauspielerinnen. Nicolas Stemann wirbelt und holt alles aus der Theatertrickkiste, was geht. Und auch das geht gut. Heldin hier ist wiederum eine Frau, eine gefährdete, gefährliche, aber eine planetarische. Die Sonne. Verhandelt wird die drohende Klimakatastrophe, der vielleicht baldige Weltuntergang.
Stemann, zuletzt ein bisschen moralinsauer in den Jelinekarbeiten, findet zu alter Form zurück. Vor allem die atemberaubend tragisch sprechende Patrycia Ziolkowska, die quirlige Karin Pfammatter, der coole Daniel Lommatzsch und der unvergleichlich lakonisch lustige Sebastian Rudolph spielen sich schier um den Verstand im Ringen um die Frage, ob die Welt noch irgendwie zu retten sei. Ein Planet mit Sonnenbrand hängt riesig von der Bühne, dessen Haut während des Abends langsam in Fetzen geht. Kostümwechsel in rauen Mengen, Meeresrauschen durch Riesenfolie, Sonnenköniginsgebaren und Perücken, T. S. Eliot-Pathos aus dem Off in der Dunkelheit, Blumfeld-Kinderlied-Chorsingen und als letzter Ausweg eine mutierte Monstermilbe mit Schweinsgesicht, die allein über das verwüstete Land kriecht, nachdem mutmaßlich erst der Mensch ausgestorben ist und ein Jahr später der Rauhaardackel und das Hausschwein.
Theater klagen über Besucherschwund. So wäre dem womöglich abzuhelfen, wie bei diesen zwei Sternstundenabenden. Mit starken Texten, Regie, Schauspielerinnen und Schauspielern. Mit angstfreier Konzentration aufs Wesentliche: Fantasie. Spiellust.
Jelinek sehen
„Angabe der Person“
in der Regie von Jossi Wieler ist im Deutschen Theater in Berlin zu sehen. Die nächsten Vorstellungen am 29. Dezember, 2. und 25. Januar sind alle ausverkauft. Jossi Wieler hatte auch schon andere Jelinektexte inszeniert, darunter das Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“, das sich ebenfalls mit der NS-Zeit befasst.
„Sonne, Los jetzt“
steht im Schauspielhaus Zürich am 30. Dezember, 3., 5., 9., 12., 13., 22., 24. Januar und 1. Februar auf dem Spielplan. Es ist Nicolas Stemanns zehnte Jelinek-Inszenierung. Susanne Wolff, die jetzt in Jossi Wielers „Angabe der Person“ mitspielt, war auch eine herausragende Protagonistin in Stemanns Inszenierung des RAF-Stückes „Ulrike Maria Stuart“.