An den Schulen fällt mehr Unterricht aus Unterrichtsausfall: Kultusministerin in der Kritik

Von Renate Allgöwer 

Der Unterrichtsausfall an baden-württembergischen Schulen ist nach Ansicht der SPD auf einem neuen Rekordhoch. Das weckt bei der Oppositionspartei Zweifel an der Arbeit von Kultusministerin Susanne Eisenmann.

Die SPD sieht die Unterrichtsausfälle in Baden-Württemberg auf einem „Rekordhoch“. Foto: dpa
Die SPD sieht die Unterrichtsausfälle in Baden-Württemberg auf einem „Rekordhoch“. Foto: dpa

Stuttgart - Die Landtags-SPD attackiert Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) wegen des Unterrichtsausfalls an den Schulen. Der sei auf einem neuen Rekordhoch, konstatiert Stefan Fulst-Blei, der bildungspolitische Sprecher der SPD. Doch die Landesregierung „versucht die Lage schönzurechnen und weist dabei alle Verantwortung von sich“, kritisiert der Abgeordnete gegenüber unserer Zeitung.

In Rechenkünsten übt sich auch die SPD: Über alle Schularten hinweg falle 12,5 Prozent mehr Unterricht aus als noch im Vorjahr, errechnet Fulst-Blei aus den Daten der jüngsten Stichprobe zum Unterrichtsausfall, die das Kultusministerium im November 2017 gezogen hatte. Daraus ergibt sich an den Grundschulen ein Ausfall von 1,1 Prozent der Unterrichtsstunden (Vorjahr 1,1), an Werkreal- und Hauptschulen 3,4 Prozent (3,5), an Realschulen 4,1 (4,0) und an Sonderschulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen 2,6 Prozent (2,0).

Hohe Ausfälle an Gymnasien

Am stärksten stiegen die Ausfälle innerhalb eines Jahres an den Gymnasien und den beruflichen Schulen jeweils von 4,5 auf 5,4 Prozent. Bei den Gemeinschaftsschulen hat sich die Lage verbessert. 2016 fielen 2,3 Prozent der Stunden aus, 2017 waren es 1,9 Prozent. Das geht aus einer Antwort des Kultusministeriums auf eine Anfrage der SPD hervor, die unserer Zeitung vorliegt. Über alle Schularten hinweg wurden 2017 insgesamt 3,6 Prozent der Stunden nicht gehalten, ein Jahr zuvor waren es 3,2 Prozent. 2011 betrug der Ausfall 2,8 Prozent.

SPD beklagt zu wenig Flexibilität

Dass ausgerechnet an den Gymnasien neben den beruflichen Schulen am meisten Unterricht ausfällt, während es dort keinen Bewerbermangel gibt, leuchtet der SPD nicht ein. Nur 51 Prozent der Neubewerber für Gymnasien wurden laut Kultusministerium eingestellt. Doch so einfach sei die Rechnung nicht, erklärt Susanne Eisenmann. Sie verweist auf das Fachlehrerprinzip. Es gebe deutlich zu viele Bewerber in Deutsch, Englisch oder Geschichte, dagegen verzeichnet sie Engpässe in Physik. Außerdem habe sich der Versorgungsgrad an den Gymnasien nicht verschlechtert. Offene Stellen gab es laut Ministerium nur an Grundschulen (365, Stand Oktober) und an Sonderschulen (90). Auch blieben 25 Stellen für Fachlehrer im musisch-technischen Bereich unbesetzt.

Diese Kalkulation lässt die SPD nicht gelten. „Alles ist auf Kante genäht, daher fehlen jegliche Spielräume“, rügt Fulst-Blei. Schulen müssten einen Versorgungsgrad von 106 Prozent haben, um flexibel reagieren zu können. Aber die Landesregierung peile mehr als 100 Prozent nicht an.

Interessenten für Gemeinschaftsschulen winken ab

Ein Kernanliegen sind der SPD die Gemeinschaftsschulen. Sie fragt, warum die Landesregierung „sich weigert“, die auf dem Arbeitsmarkt verfügbaren Gymnasiallehrer an den Gemeinschaftsschulen einzusetzen. Von einer Weigerung könne keine Rede sein, kontert Eisenmann. Dass von 200 Gymnasiallehrerstellen an Gemeinschaftsschulen nur 180 besetzt worden seien, liege „an der Zurückhaltung der Gymnasialbewerber“. Es hätten Kandidaten Stellen an Gemeinschaftsschulen abgelehnt, die sich zuvor dafür interessiert hätten. „Wenn aus einem Kreis von 700 Gymnasiallehrkräften, die an eine Gemeinschaftsschule wollen, keine 200 Stellen ­besetzt werden können, stimmt vielleicht etwas mit der Beratung und Personalplanung der Schulverwaltung nicht“, widerspricht Fulst-Blei. Die Ministerin führe die Probleme in der Unterrichtsversorgung auf Bewerbermangel zurück. Fast ein Drittel aller Referendare säßen nach ihrem Abschluss aber „de facto auf der Straße“.

Zweifel an Effektivität der Maßnahmen

Dem Kultusministerium zufolge wurden 71 Prozent der 3800 Neubewerber zum aktuellen Schuljahr dauerhaft in den Schuldienst eingestellt. Fulst-Blei findet es „nicht nachvollziehbar, dass die Landesregierung keine Einsatzmöglichkeiten findet“ für die übrigen Bewerber. Das weckt bei Fulst-Blei Zweifel an der Effektivität der Maßnahmen zur Lehrergewinnung, die Eisenmann wiederholt vorgestellt hat. „Nachsteuerungsbedarf möchte man im Kultusministerium anscheinend nicht ausmachen“, ätzt er. Die SPD plant, das Thema Unterrichtsversorgung in der kommenden Landtagssitzung auf die Agenda setzen zu lassen.