Das Garagentor ist geöffnet, der Eintritt frei. Hereinspaziert heißt es seit wenigen Tagen in Allmersbach im Tal. Ehrenamtliche Lebensmittelretter haben in der Backnanger Straße 16 hinter dem Jugendhaus eine Verteilstation eingerichtet, einen sogenannten Fair-Teiler. Hier werden jetzt Obst, Gemüse und andere Lebensmittel angeboten, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist oder die aus anderen, meist optischen Gründen als unverkäuflich gelten, aber immer noch gut zu verzehren sind. Alles ist kostenlos, kommen und zugreifen darf jede und jeder.
In Allmersbach gibt es mehr als 500 Mitglieder
Seit 2012 rettet die Foodsharing-Bewegung bundesweit täglich tonnenweise Lebensmittel vor dem Müll. Die Produkte werden von ehrenamtlichen Helfern wie Jutta Schnell von Supermärkten und Bäckereien abgeholt und von privat zu privat im Bekanntenkreis, der Nachbarschaft, meist über WhatsApp-Gruppen oder die Plattform foodsharing.de verteilt. „Allein in Allmersbach sind wir mehr als 500 Mitglieder“, sagt Schnell, die die örtliche Gruppe vor zweieinhalb Jahren ins Leben gerufen hat. Warum? Um der Verschwendung entgegenzuwirken, wie sie erklärt: „Wenn wir die Lebensmittel nicht sammeln und verteilen, dann landen sie im Müll. Jeder spricht von Nachhaltigkeit, aber Nachhaltigkeit fängt vor der eigenen Haustür an.“ Mehrere tausend Kilogramm Lebensmittel hätten sie und ihre Mithelfer in bereits vor der Tonne gerettet.
Zentral gelegen, 24 Stunden geöffnet
Haben Bäckereien, Supermärkte oder andere Lebensmittelläden Produkte übrig, rufen sie die Foodsaver an, die Produkte abholen und verteilen. Bislang geschah das Verteilen in Allmersbach meist aus dem Kofferraum heraus oder vor einer Haustür, was aber nicht immer von Anwohnern erwünscht sei oder beim Vermieter gut ankomme. Nun gibt es den Fairteiler in der Garage, die, so ist es zunächst vorgesehen, rund um die Uhr geöffnet sein wird. „Sie ist zentral gelegen, man kann gut parken, und hier sind die Produkte vor Regen und Sonne geschützt“, sagte Bürgermeisterin Patrizia Rall bei der offiziellen Einweihung. Ihr Dank galt sowohl den vielen ehrenamtlichen Helfern für deren Engagement sowie dem örtlichen Gemeinderat, der 2000 Euro im Haushalt bereitgestellt hat, um die Fairteilstation einzurichten; mit Regalen, Kunststoffkörben, einem Kühlschrank und einer Gefriertruhe.
Auch der Foodsharing-Botschafter für den Rems-Murr-Kreis, Dirk Schäfer, freut sich über die neue und gut gelegene Anlaufstelle. Es ist die zehnte im Rems-Murr-Kreis, denn seit Kurzem gibt es neben Allmersbach auch einen Fairteiler in Berglen an der Hindemithstraße 3. Eine weitere Station soll am 3. Dezember in Waiblingen beim Forum Süd am Danziger Platz 36 eröffnen.
Neuer Fairteiler in Backnang am Jugendzentrum
Auch Backnang bekommt demnächst eine Verteilstation: „Fairteiler leisten einen wichtigen Beitrag, um Lebensmittelverschwendung zu reduzieren und dieses Thema auch in die Öffentlichkeit zu bringen“, sagt der Backnanger Oberbürgermeister Maximilian Friedrich. „In diesem Zusammenhang freue ich mich, dass in den kommenden Tagen im Jugendzentrum auch ein erster Fairteiler in Backnang seiner Bestimmung übergeben wird.“ Ein weiterer sei dann bei der Stadtteilgeschäftsstelle in Maubach angedacht. Sein Dank gelte allen, die sich hier engagierten.
Registrieren per Whats-App
Wer an einer dieser Stellen Lebensmittel für sich abholen möchte, kann spontan vorbeischauen, ob gerade etwas Passendes da ist. Ratsam ist es allerdings, sich in der jeweiligen örtlichen WhatsApp-Gruppe anzumelden und seine Informationen von dort zu beziehen. Denn wenn Foodsaver Produkte abliefern, wird das meist direkt über diese Netzwerke kommuniziert – und dann ist Schnelligkeit mitunter Trumpf. „Wenn eine Lieferung ankommt, kann es sein, dass die Waren schon nach wenigen Stunden abgeholt sind“, sagt Dirk Schäfer. Es gebe keine Einschränkungen, wer Ware abholen kann. „Das darf wirklich jeder. Wir wünschen uns nur, dass das fair und vernünftig passiert und die Leute die Produkte nicht horten und am Ende gar wieder wegwerfen. Das Ziel ist ja, Lebensmittel zu retten.“
Mehr als 40 Betriebe helfen mit
Auch in Allmersbach dauerte es am Eröffnungstag nicht lange, bis sich die vollen Regale wieder lichteten. Brötchen, Croissants, Brokkoli und Mandarinen fanden ebenso schnell ihre Abnehmer wie Fenchel, Ananas, Salate, Rotkraut, Paprika und Frühlingszwiebeln. Die Waren würden von Supermärkten, Discountern und Bäckereien zur Verfügung gestellt. Schäfer: „Wir arbeiten im Landkreis mit über 40 Betrieben zusammen.“ Nicht jeder, der Lebensmittel spendet, wolle seinen Namen in der Zeitung lesen.
Der Foodsharing-Botschafter räumte bei dieser Gelegenheit mit dem Vorurteil auf, die Fairteiler würden örtlichen Tafelläden die Lebensmittel streitig machen. „Wir haben einen Vertrag mit den Tafeln und stehen mit ihnen in einem engen Austausch“, erklärt Schäfer. „Sie haben immer Vorrang, wenn es um Lebensmittel geht. Erst danach kommen wir Foodsaver zum Zug.“
Retter von Lebensmitteln
Foodsharing
Die Initiative versteht sich als umwelt- und bildungspolitische Bewegung, die sich gegen den achtlosen Umgang mit Ressourcen und für ein nachhaltiges Ernährungssystem einsetzt. Das langfristige Ziel von Foodsharing ist es, die Verschwendung von genießbaren Lebensmitteln zu beenden. Darum werden die Akteure vor Ort aktiv: Sie retten Lebensmittel in privaten Haushalten sowie von Betrieben, stehen im Dialog mit Vertretern der Politik und tragen ihre Vision in die Welt hinaus.
Foodsaver
wiederum sind engagierte Freiwillige, die aktiv an der Rettung von Lebensmitteln beteiligt sind. Sie sammeln überschüssige Lebensmittel von Supermärkten, Bäckereien und anderen Geschäften ein, um sie vor der Entsorgung zu bewahren. Diese Foodsaver spielen eine zentrale Rolle in der Foodsharing-Bewegung, indem sie nicht verkaufsfähige, aber dennoch essbare Lebensmittel einsammeln und über lokale Netzwerke an Bedürftige verteilen, um so Lebensmittelverschwendung zu reduzieren.
Internet
Weitere Informationen auf www.foodsharing.de