InterviewAusgezeichnete Initiative Die Zeit heilt die Wunden nicht

Von Susanne Mathes 

Das Ludwigsburger Projekt „Du fehlst mir“, das sich an trauernde junge Erwachsene richtet, füllt eine Lücke – und ist deshalb jetzt mit dem Innovationspreis „Geistesblitz“ ausgezeichnet worden.

Michael Friedmann. Foto: privat
Michael Friedmann. Foto: privat

Kreis Ludwigsburg - Junge Erwachsene kommen bei Angeboten, wie sich mit der Trauer um einen verlorenen Menschen umgehen lässt, oft zu kurz. Das Ludwigsburger Projekt „Du fehlst mir“ füllt eine Lücke – und wurde am Samstag ausgezeichnet. Der Trauerbegleiter Michael Friedmann berichtet, was das für die Initiative bedeutet.

Herr Friedmann, Trauer empfinden Menschen altersunabhängig, Trauergruppen gibt es fast überall. Warum braucht es ein gezieltes Angebot für junge Erwachsene?

Der Austausch unter Gleichaltrigen hat in jedem Lebensalter seine besondere Qualität. Das ist unter jungen Erwachsenen nicht anders. Zudem haben wir spielerische und kreative Methoden aus der Jugendarbeit, das unterscheidet sich zu anderen Angeboten. Und Gespräche mit anderen jungen Leuten, die ähnliches erleben, tun einfach gut. Zumal sie sich oft in einem Umfeld bewegen, das sich schwer tut, mit ihrer Trauer umzugehen. Erst recht, wenn der Verlust des Geschwisters, Elternteils oder Freundes schon ein paar Jahre her ist. Dabei ist die Trauer, auch wenn sie sich vielleicht gewandelt hat, immer noch da, und es tröstet, wenn jemand nachfragt.

Die Zeit heilt also nicht alle Wunden?

Nein. Nicht die Zeit heilt die Wunden, sondern das, was in dieser Zeit passiert: Tränen, die geweint und Gespräche, die geführt wurden, Gedanken, die man sich gemacht und Zeichen des Trostes, die man erfahren hat.

Was ist anders bei jungen Trauernden?

Junge Menschen zwischen 18 und 35 sind in einer bedeutsamen Lebenssituation. Sie lösen sich von zuhause, stehen am Anfang des Berufes, ziehen in fremde Orte, genießen ihre Autonomie. Sie sind voll im Einstieg in ihr eigenes Leben. Da gehören schwere Krankheit, Tod und Trauer nicht zu den vorrangigen Themen. Für junge Trauernde kann der Austausch mit anderen, die sich in derselben Lebenssituation befinden, sehr hilfreich sein. Deshalb ist es der Ökumenischen Hospizinitiative und der Katholischen Erwachsenenbildung wichtig, speziell für diese Altersgruppe eine Trauergruppe anzubieten. Es gibt Angebote in dieser Form einfach selten.

Die Jugendstiftung Just der Diözese Rottenburg-Stuttgart hat das Angebot am Samstag mit dem Innovationspreis „Geistesblitz“ ausgezeichnet.

Wir haben den Preis speziell für ein Wochenende in einem Freizeithaus in Bretzfeld-Rappach bekommen. Wir hatten es als eine gezielte Auszeit organisiert, die sich die jungen Trauernden für sich und ihre Verstorbenen gönnen konnten. Oft geht in ihrem fließenden Alltag der Raum für die Trauer und für die Wege, wie sie mit ihren Verstorbenen in Verbindung bleiben können, unter. Dieses Wochenende bot Zeit, einander zuzuhören und Räume zu öffnen, in denen die Trauer wieder bewusst zugelassen werden kann. Wir haben das mit Kreativität, Natur und Kulinarischem verbunden. Es sollte den Teilnehmern ja bei aller Schwere des Themas vor allem gut tun.

Was bedeutet der Preis für die Gruppe?

Wir freuen uns riesig, weil er Wertschätzung für ein wichtiges, leider noch lange nicht flächendeckendes Angebot ausdrückt. Das zeigt allein die Tatsache, dass zum Wochenende Teilnehmer aus der ganzen Region, sogar aus Regensburg kamen.

Der Preis ist mit 1000 Euro dotiert. Damit können Sie keine großen Sprünge machen.

Es ist für uns ein wertvoller Grundstock, so ein Wochenende wieder anbieten zu können, das ohne Spenden nicht zu finanzieren ist. Auch das erste Wochenende konnten wir nur mit Fördergeldern von der Jugendstiftung Just und dem Verein Andere Zeiten auf die Beine stellen. Gerade haben wir wieder einen Antrag laufen. Falls er positiv beschieden wird, kann es mit den Wochenenden für junge Trauernde weitergehen.