InterviewThomas Hoefling, Chef der Handwerkskammer Stuttgart „Die Kunden müssen länger warten“

Von Anne Guhlich und  

Zwei Drittel der im Handwerk Ausgebildeten verlassen dieses wieder. Thomas Hoefling, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Stuttgart, will dies ändern – unter anderem mit mehr Geld für Lehrlinge. Derweil bringe die gute Konjunktur auch Probleme für Kunden mit sich.

Allein in der Region Stuttgart gebe es 570 unbesetzte Ausbildungsstellen, beklagt Thomas Hoefling. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Allein in der Region Stuttgart gebe es 570 unbesetzte Ausbildungsstellen, beklagt Thomas Hoefling. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Stuttgart - Damit das Handwerk für junge Menschen attraktiver wird, muss vielfach auch die Bezahlung besser werden, meint der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Stuttgart, Thomas Hoefling. Dies gelte besonders in einer Region, in der auch Konzerne wie Bosch und Daimler bei der Konkurrenz um den Nachwuchs mitmischen.

Herr Hoefling, für viele Kunden ist es ein Ärgernis, dass Sie auf einen Handwerker lange warten müssen. Woran liegt das?
Wir sind darüber auch nicht glücklich. Gründe sind die gute Konjunktur in Baden-Württemberg, der Bauboom und der Fachkräftemangel.
Über Fachkräftemangel klagt ja jedes Unternehmen. Viele Menschen, die regelmäßig Absagen erhalten, haben allerdings Zweifel, ob das stimmt. Inwiefern lässt sich dieser Mangel durch Zahlen belegen?
Wir haben in der Region Stuttgart allein 570 unbesetzte Ausbildungsstellen. Bei den Fachkräften wie bei den Auszubildenden sind die Bau- und Ausbaugewerke am stärksten betroffen. Wenn es uns nicht gelingt, mehr Fachkräfte zu gewinnen, werden sich die Wartezeiten künftig noch weiter verlängern. Diese Entwicklung gilt es aufzuhalten.
Wie lang sind die Wartezeiten derzeit?
Viel zu lang: Im Moment müssen die Kunden in der Region Stuttgart im Schnitt zehn Wochen auf einen Handwerker warten, im Baugewerbe sind es rund 13 Wochen. Das war vor zehn Jahren noch deutlich kürzer.
Wer trägt die Schuld an der Personalnot?
Sicherlich hängt eine solche Entwicklung auch mit dem Image des Handwerks zusammen. Aber wir sind dabei, hier kräftig gegenzusteuern. Im September hatten wir im Handwerk knapp drei Prozent mehr Ausbildungsverträge als im Jahr zuvor. Insgesamt waren es knapp 11 000 Verträge. Viele junge Menschen betrachten das Handwerk heute schon etwas anders als vor einigen Jahren. Und sie sehen auch, welche Entwicklungsmöglichkeiten sie heute im Handwerk haben. Nach der Gesellenprüfung und der Meisterprüfung gibt es die Möglichkeit, sich selbstständig zu machen, eine Führungsposition in einem Handwerksbetrieb zu übernehmen, oder aber auch ein Studium anzuschließen.
Müssen die Handwerksbetriebe schlicht auch mehr bezahlen in einer Region, in der sie mit Konzernen wie Daimler und Bosch konkurrieren?
Das ist selbstverständlich ein Problem – gerade in unserer Region. Ein Kampf um den Nachwuchs besteht. Und man kann nicht wegdiskutieren, dass die Bezahlung im Handwerk an der einen oder anderen Stelle noch nicht so ist, wie sich junge Menschen dies heute vorstellen.
Müssen sich die Verbraucher dann auf höhere Preise einstellen?
Um kostendeckend arbeiten zu können, ist auch der Handwerker darauf angewiesen, die Preise jährlich entsprechend der Steigerung der Produktionskosten anzupassen. Übrigens können Konzerne wie Daimler und Bosch in der Tat höhere Löhne zahlen. Aber es geht im Job nicht ausschließlich ums Geld. Das Handwerk bietet vielfältige Vorteile. Es ist ein Unterschied, ob jemand in einem Handwerksbetrieb mit zehn Mitarbeitern oder in einem Großunternehmen mit tausenden von Beschäftigten tätig ist. Bei einem kleineren Unternehmen kann ein Auszubildender ganz anders mitgestalten. Ein Handwerksbetrieb kann auch eine Art Heimat sein.
Warum verlassen denn dann zwei Drittel aller im Handwerk Ausgebildeten im Laufe ihres Berufslebens diese schöne Heimat?
Das kann viele Gründe haben: Unabhängig von der Bezahlung ist heute mehr denn je eine gute Personalführung wichtig. Es ist einfach schon lange nicht mehr damit getan, dass am Ende des Monats der Lohn überwiesen wird. Nötig sind mehr flankierende Maßnahmen durch die Unternehmer: Mitarbeitergespräche, Zielvereinbarungen, Maßnahmen zur Teamentwicklung und selbstverständlich der wertschätzende Umgang miteinander. Dies sind nur einige Beispiele. Deshalb haben wir auch im Rahmen des Projekts „Dialog und Perspektive Handwerk 2025“ eine „Personaloffensive Handwerk 2025“ gestartet. In den acht Handwerkskammern in Baden-Württemberg arbeiten seit Beginn des Jahres 2018 Personalberaterinnen. Die Kammer Stuttgart hat die entsprechende Koordination übernommen. Handwerksbetriebe erhalten damit über die bisherigen Beratungsformate hinaus auch gezielt Beratung im Bereich Mitarbeiter finden, Mitarbeiter binden und Mitarbeiter führen. Und das in einem Umfang von bis zu acht Beratertagen. Hinter dem Projekt stehen der Zuschussgeber, das Land Baden-Württemberg, sowie der Baden-Württembergische Handwerkstag.
Reicht denn eine Beraterin für die 29 000 Betriebe in der Region?
Nein, natürlich nicht. Die Nachfrage ist enorm und übersteigt unsere Erwartungen. Wir werden daher neben den Einzelberatungen auch andere Beratungsformate anbieten, die unserem Anspruch, möglichst viele Anfragen zu bedienen, gerecht werden. Mittelfristig muss es aus meiner Sicht ein Ziel sein, über deutlich mehr Beratungsstellen in diesem Bereich zu verfügen. Hierzu werden wir zunächst den Erfolg des Vorgehens darzustellen haben.
Gibt es nach den ersten Monaten auch schon Ergebnisse?
Ja. Die ersten Betriebe sind dabei, die Gewinnung von Mitarbeitern weiter zu verbessern. Sie nutzen verstärkt soziale Medien und beschreiben die zu besetzende Stelle noch attraktiver: Sie heben hervor, was das Besondere an ihrer Branche und an ihrem Betrieb ist. Der Bewerber muss Lust bekommen, bei genau diesem Unternehmen zu arbeiten.
Ist es für das Handwerk ein Problem, dass junge Leute mehr Wert auf eine Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben legen? Hat die Industrie da Vorteile gegenüber einem Handwerksbetrieb mit zehn Beschäftigten, der doch ständig auf jeden einzelnen Mitarbeiter angewiesen ist?
Das ist tatsächlich ein wichtiges Thema: Je kleiner das Unternehmen ist, umso schwieriger wird die Personalplanung. Aber es geht. Das zeigen uns bereits heute schon viele Handwerksunternehmen. Auch das kann dazu beitragen, dass nicht mehr zwei Drittel der Ausgebildeten das Handwerk später verlassen.
Wie steht es mit der Möglichkeit, später einmal einen Betrieb zu übernehmen. Bei wie vielen Betrieben in der Region stellt sich in den nächsten Jahren die Nachfolgefrage?
Die Zahl für die kommenden zehn Jahre liegt zwischen 7000 bis 9000 Unternehmen. Es gibt mehr Betriebe, die übernommen werden könnten als Interessenten.
Geht die Zahl der Handwerksbetriebe bereits zurück, weil es weniger Interessenten für eine Übernahme gibt?
Auch. Vor zehn Jahren gab es in der Region noch 29 800 Handwerksbetriebe, heute sind es noch 29 000. Sorgen macht uns dabei, dass besonders die Zahl der Betriebe, für die eine Meisterprüfung vorgeschrieben ist, sinkt. Bei den zulassungsfreien Berufen, etwa Fliesenlegern, haben wir einen leichten Zuwachs. Dieser gleicht aber den Rückgang im anderen Bereich nicht aus.