Daniela Koch, Stuttgarter Kickers „Wir brauchen eine Frauenquote im Fußball“

Daniela Koch allein unter Männern – auch hier beim Auswärtsspiel der Stuttgarter Kickers beim SGV Freiberg 2019 neben dem ehemaligen DFB-Präsidenten  Reinhard Grindel. Foto: Baumann
Daniela Koch allein unter Männern – auch hier beim Auswärtsspiel der Stuttgarter Kickers beim SGV Freiberg 2019 neben dem ehemaligen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel. Foto: Baumann

Erstmals in der Geschichte der Stuttgarter Kickers gehört eine Frau dem Aufsichtsrat an. Daniela Koch erzählt, wie es dazu kam, welche Ziele sie hat und warum sie eine Frauenquote im Fußball für wertvoll hält.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Stuttgart - Der Oberligist Stuttgarter Kickers befindet sich in der fußballerischen Zwangspause, konnte bei der Mitgliederversammlung am 16. November aber einen Neuzugang für den Aufsichtsrat gewinnen: Die Steuerberaterin und Wirtschaftsprüferin Daniela Koch (45) wird ihr Fachwissen einbringen – mit klaren Vorstellungen.

Frau Koch, seit Wochen gibt es keine Kickers-Spiele mehr. Wie sieht Ihr Alternativprogramm samstags ab 14 Uhr aus?

Ich gehöre ja zu den etwas verrückten Menschen, die auch auswärts so gut wie kein Spiel der Kickers auslassen. Meine Freizeitgestaltung orientiert sich also schon sehr am Spielplan. Von daher sind das derzeit schon ziemlich traurige Wochenenden. Zum Glück gibt’s Freunde und Familie, und in der Vorweihnachtszeit nutze ich die Freiräume auch zum Plätzchen backen.

Wie sind Sie denn in den Aufsichtsrat gekommen?

Dadurch dass ich seit vielen Jahren bei fast allen Spielen dabei bin, gehöre ich schon länger zum engen Kreis der Kickers-Familie. Präsident Rainer Lorz hat mich dann angesprochen und gefragt, ob ich mir es vorstellen kann.

Warum haben Sie ja gesagt?

Mit Sicherheit nicht, um für das Gruppenbild mit Dame „bella figura“ zu machen. Das alles entscheidende ist, dass die Kickers für mich eine Herzensangelegenheit sind. Ich möchte mit meiner Leidenschaft und meinem Fachwissen etwas bewegen, ein Stück Kickers-Geschichte mitgestalten, um dann auch besser zu verstehen, wo wir, wie und wann, hinwollen. Das war für mich in den vergangenen Jahren nicht immer nachvollziehbar.

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Wo möchten Sie konkret ansetzen?

Ich möchte die Fans mehr einbeziehen und an der Verbesserung der Transparenz und dem Zusammenwirken aller Beteiligten mitarbeiten.

Mit welchem sportlichen Ziel?

Erstes Ziel muss sein, dass wir überhaupt wieder spielen können. Und klar: Die Oberliga kann nicht der Anspruch der Kickers sein.

In der dritten Liga fängt der professionelle Fußball an.

Träumen darf man, aber wie heißt es so schön: „Hope Is Not a Strategy“. Man muss realistisch bleiben und die richtigen Personalentscheidungen treffen.

Sagt Ihnen der Name Sandra Schwedler etwas?

Da ich durchaus auch Sympathien für den FC St. Pauli habe, ja. Sie ist die Aufsichtsrats-Vorsitzende des Vereins.

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Ihr Spitzname ist „The One and Only“.

(lacht) Die Eine und Einzige ist sie ja immer noch, ich bin ja nicht die Chefin des Kickers-Aufsichtsrats.

95 Prozent aller Führungspositionen werden im deutschen Fußball von Männern abgedeckt. Woran liegt’s?

Das ist ein gesamtgesellschaftliches Thema. Viele Frauen erkennen ihre Kompetenzen nicht, sie müssen zu ihrem Glück oftmals gezwungen werden. Mir hat ein Chef einmal gesagt, dass sich Frauen oft selbst im Weg stehen, wenn es um die berufliche Karriere geht.

Wie meinte er das?

Er nannte ein Beispiel: Wenn man einem Mann sagt, ziehe eine grüne Krawatte an, um den Job zu bekommen, dann fragt er nicht lange, sondern er zieht eine grüne Krawatte an, um Karriere zu machen. Mit anderen Worten: Er sagt mach ich, auch wenn er möglicherweise gar nicht qualifiziert ist.

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Also hilft – speziell im Fußball – nur die Einführung einer Frauenquote?

Sie ist das einzige Mittel, den Glasboden zu zerbrechen. Wir brauchen eine Frauenquote im Fußball, um den Prozess zu beschleunigen, sonst ändert sich wahrscheinlich erst in 50 Jahren etwas.

Quotengegner werden sagen: Es geht doch um die Kompetenz.

Und ich frage mich bewusst zugespitzt: Hat die Kompetenz jahrelang interessiert? Ich würde mich freuen, wenn ich andere Frauen ermutigen könnte, Verantwortung zu übernehmen. Der Sport lebt doch von seiner Vielfalt.

Genau wie die Kickers. Was waren Ihre persönlichen Highlights?

Mein Papa hat mich schon als Kind mit zu den Spielen genommen. In der jüngeren Vereinsgeschichte waren die Höhepunkte die Drittliga-Qualifikation 2008 in Elversberg, das dramatische Abstiegsfinale 2013 in Darmstadt, das DFB-Pokal-Spiel gegen den BVB und das Tor von Daniel Engelbrecht im Dezember 2014 – nach dem Motto nichts ist unmöglich.

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Wie offenbar auch der Abstieg aus der dritten Liga 2016...

...zwei Spieltage vor Schluss noch mit einen Sechs-Punkte-Polster ausgestattet und nach dem 0:1 gegen den Chemnitzer FC doch noch abgestürzt – mein traurigstes Erlebnis mit den Kickers.

Bei denen, wer zu Ihren Lieblingsspielern zählt?

Mir imponieren Kämpfertypen, die sich mit dem Verein zu 100 Prozent identifizieren. Da fallen mir viele ein – aber ich lege mich fest auf Alois Schwartz, Ralf Vollmer, Fabio Leutenecker, Sandrino Braun und Lukas Kling.

Zur Person

Daniela Koch wird am 11. Juli 1975 in Leonberg geboren.

Sie ist verheiratet und wohnt in Stuttgart.

Von Beruf ist sie Steuerberaterin und Wirtschaftsprüferin.




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