Dettingen Die letzte Ruhe sorgt in der Gemeinde für Unruhe

Von Gunther Nething 

Spekulationen über einen Bestattungswald auf dem Käppele alarmieren die Bürger. Kritiker befürchten eine starke Verkehrsbelastung.

Protest mit doppeltem „Nein“ gegen einen Bestattungswald auf dem Käppele Foto: Horst Rudel
Protest mit doppeltem „Nein“ gegen einen Bestattungswald auf dem Käppele Foto: Horst Rudel

Dettingen - Bereits zur Jungsteinzeit muss der Höhenzug südwestlich der Gemeinde für die Ur-Dettinger einen großen Stellenwert besessen haben. Das beweisen Werkzeuge und Pfeilspitzen, die das geschulte Auge noch heute auf den Feldern entdecken kann. Die Attraktivität des Gebiets gilt erst recht unterm Signum der heutigen Freizeitgesellschaft, Jogger, Wanderer und Radfahrer können ihre Routen und Touren bis weit in den Talwald in viele Richtungen ausdehnen. Hinweisschilder, unter anderem zu den Spuren historischer Eisenverhüttung künden vom heimatgeschichtlichen Interesse eines Dettinger Hobbyhistorikers, hinzu kommen mehr als 50 professionell gestaltete Schautafeln eines 3,2 Kilometer langen Waldlehrwegs.

Ein Schild warnt vor einem überregionalen Bestattungswald

Im Gewann Bol und unweit des Hindenburg-Hains hat sich erst jüngst dem Schilderwald ein bescheidenes Hinweistäfelchen hinzugesellt, das gleichwohl inhaltlich ziemlich aus der Reihe fällt: Zweimal „Nein“ heißt es da – zum „geplanten, überregional genutzten“ Bestattungswald auf dem Käppele, und zum „daraus resultierenden hohen Verkehrsaufkommen“ durch Dettingen und auf den Zufahrtswegen zu dem Höhenzug.

Ausgehend von Vergleichszahlen des sogenannten Friedwaldes von Wangen im Kreis Göppingen kommen die Textverfasserinnen Susanne und Rose Maier auf wöchentlich acht bis 18 Bestattungen mit jeweils zwischen 20 und 100 Fahrzeugen. Und unter Hinweis auf einen in der Lokalzeitung im vergangenen Oktober erschienenen Bericht über eine Gemeinderatssitzung zu dem Thema, wird hochgerechnet, dass bei zehn Urnen pro Baum auf einer Fläche von 1,9 Hektar 1200 Gräber möglich sind. Würde man dem Wunsch des Bestattungsunternehmers Johan Homburg, der die Baumbestattung in der Teckgemeinde angestoßen hatte, nachkommen und beispielsweise auf 3,2 Hektar erweitern, käme man auf 2000 Gräber. Als Fazit halten die Verfasserinnen fest: „Dann wird sich das Naherholungsgebiet Käppele drastisch verändern.“

Bürger haben Angst vor Autokarawanen in der Ortsmitte

Nach etlichen kritischen Leserbriefen im Lokalblatt zur Bestattungsfrage hat sich in dem prosperierenden 6200-Einwohner-Ort ein Bürgerkreis formiert, der seine Ablehnung jetzt auch in einem Brief an einzelne Vertreter der drei Gemeinderatsfraktionen dargelegt hat. Das von Doris Bäuchle-Schulz, Rose Maier und Dieter Hildenbrand verfasste Schreiben greift den argumentativen Faden des Käppele-Täfelchens auf, circa zwei Dutzend Dettinger, darunter auch drei ehemalige Gemeinderatsmitglieder, sollen per Unterschrift ihre grundsätzliche Unterstützung der Initiative bekräftigt haben.

Das vom Bestatter Homburg im vergangenen Herbst in der Ratsrunde erläuterte Konzept eines überregional genutzten Bestattungswaldes auf dem Käppele, so heißt es, sei „nicht tragbar“ und würde für die Gemeinde „in jeder Hinsicht eine unzumutbare Belastung darstellen“. „Autokarawanen“ in der Ortsmitte und auf den beiden Zufahrtswegen zu den Parkplätzen würden zum „Dauerzustand“ werden, ein Verkehrsaufkommen von wöchentlich 1400 Fahrzeugen, so heißt es, wäre „sicherlich nicht zu hoch gegriffen“. Und: Die beiden vorhandenen Friedhöfe seien für Dettinger Bedürfnisse „völlig ausreichend“.

Der Bürgermeister rät zur Besonnenheit

Bürgermeister Rainer Haußmann kann die Aufregung zum jetzigen Zeitpunkt nicht verstehen, allenfalls hält er es „für interessant, wie hier Dinge kommentiert werden, die sich nicht verifizieren lassen“. Wir alle, so der Schultes auf Nachfrage, wüssten noch gar nicht die Zahlen, Daten und Fakten zu dem Thema, da die Beratungen ja erst noch bevorstünden. Die ins Auge gefassten Busfahrten zu etlichen Bestattungswäldern hätten wegen Corona vorerst abgesagt werden müssen. Man sei am Anfang eines Prozesses, so Haußmann, zur Lage, Größe und Ausbaustufen eines möglichen Bestattungswaldes sei alles noch offen.

Eine Spitze in Richtung Kritiker konnte sich der Schultes indes nicht verkneifen: Was die Qualität der Bürgerbeteiligung angehe, so sei offenbar „nicht jeder auf der Höhe der Zeit“. Gleichwohl sieht Rainer Haußmann „Indizien“ dafür, dass auch in der Gemeinde selbst großes Interesse an Waldbestattungen bestehe. Im übrigen sei jede zusätzliche, „nicht hochdefizitäre“ Bestattungsform überlegenswert, weil sie die Notwendigkeit von Friedhofserweiterungen reduziere und somit Ressourcen spare.




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