Ein Leben voller Autos Die erste Liebe auf vier Rädern
Das Auto mit Verbrennungsmotor ist ein Auslaufmodell. Und doch fällt der Abschied schwer von diesem Sound und den Formen und Farben. Bekenntnisse eines Youngtimers.
Das Auto mit Verbrennungsmotor ist ein Auslaufmodell. Und doch fällt der Abschied schwer von diesem Sound und den Formen und Farben. Bekenntnisse eines Youngtimers.
Stuttgart - Das erste Wort war „Auto“. Nicht „Mama“, nicht „Papa“. Einfach nur: „Auto“. Es heißt, der Junge habe seinen Vater eines schönen Tages nach der Schicht in der Fabrik aus dem Wagen der Familie steigen sehen, jauchzend mit dem Finger auf den VW Käfer gezeigt und so das Sprechen erlernt. Das muss 1972 gewesen sein. Der 44 PS starke Käfer war auch kein auffällig lackiertes Exportmodell mit besonders blinkendem Chromzubehör. Nein, die Kinderaugen konnten sich am schnöden Standardmodell in Togaweiß erfreuen. Noch heute erzählen sich die Eltern diese Anekdote, nicht ohne ein bisschen beleidigt zu spielen. Vor allem die Mutter hadert damit, dass ihr Sohn ihr diesen herzergreifenden Moment für die Ewigkeit verwehrt hat. Nach „Auto“ und „Tata“ (serbokroatisch für Papa) landete sie bei der Abfolge der ersten Worte dann auf Platz drei. Immerhin.
Seit diesem denkwürdigen Tag hat sich wenig geändert, zumindest, was die Begeisterung für ältere Autos angeht. Kein Wunder, schließlich wurde man in „Kannstadt“ geboren, zwei Steinwürfe von jener legendären Werkstatt entfernt, in der Gottlieb Daimler seine Benzinkutsche zusammengebaut hatte, das allererste Auto. Später ging man ebendort, in Bad Cannstatt, auf das Gottlieb-Daimler-Gymnasium, rein zufällig; und jobbte während des Studiums beim Daimler in der Produktion, wo der Vater als Fräser bis zu seinem Abschied in den Ruhestand in der Getriebefertigung gearbeitet hat.
Und selbstverständlich stand lange nach dem togaweißen Käfer ein Jahreswagen der Marke Mercedes vor der Tür, ein 190er-Diesel, ein sogenannter Baby-Benz mit der Metallic-Lackierung Silberdistel. Als man das erste Mal mit diesem Gefährt beim Onkel in Belgrad auftauchte, stand bald die halbe Straße Schlange, um den neuen Benz zu bewundern. Das sozialistische Jugoslawien war voller Zastavas, Lizenz-Fiats, ein cooler West-Mercedes fiel noch auf. Dem Vater war der Bohei peinlich, dem Sohn gefiel das Gefühl, dass man mit der richtigen Marke unterwegs war. Weltberühmt sind ja die Fabrikhallen in Stuttgart, in denen tolle Motoren für noch tollere Karossen zusammengebaut werden. Man ist stolz darauf, aus einer Stadt zu sein, die jeder kennt, die viele schätzen. Wohin man auch kommt, das deutsche Auto ist schon längst da.
Noch heute sind die Kinder und Kindeskinder der ehemals sogenannten Gastarbeiter, egal, ob ob sie nun Jorgos, Samira oder Milutin heißen, begeisterte Autofahrer, auch weil sie wissen, dass ihre Eltern im Walhall des schwäbischen Autobaus für den bescheidenen Wohlstand geschuftet haben, der ihren Kindern und Enkeln meist eine bessere Zukunft beschert hat.
Erfolg und Aufstieg in Silberdistel. Damals durfte die automobile Welt noch bunt sein, denn man wollte weg von den gedeckten Lacken der Nachkriegslimousinen. Auch wegen der Autos tragen die 70er Jahre rückblickend einen orange-gelben Farbstich, ein Jahrzehnt später sind Weinrot, Champagnerrosé und Moosgrün dominant in den Straßen der Stadt.
Diese Eindrücke strukturieren die Gedächtnisbilder, überall standen Autos im Weg, sie verstopften Großstadtfluchten, glänzten am Teutonengrill an der Adria und machten sich in den einst so beliebten Kurorten im Taunus wichtig, weswegen es wohl auch ein Ford-Modell mit der Bezeichnung Taunus gab. Kantige Kisten in Bonbonfarben, passend zu den Krawatten, Schlaghosen und Blusen zieren Postkarten und Urlaubsfotos – und bringen ihre gealterten Betrachter noch heute zum Lachen. Das eigene Leben ist voller Autos.
Ansichten von Autos prägen auch die gruseligen Erinnerungen an ein zerrissenes Land, etwa an den lang andauernden Terror der Roten-Armee-Fraktion. Die Republik ist im Ausnahmezustand, überall blicken einem von den Fahndungsplakaten die grimmigen Gesichter der RAF-Terroristen entgegen. Immer wieder in den Fernsehnachrichten: Autos, die durchsucht werden; verkohlte Wracks, in denen Leute starben; oder Autos, in denen Leichen liegen. Autos sind der Horror. Nach der Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch ein RAF-Kommando, wird dessen Leichnam im Oktober 1977 im Kofferraum eines Audi 100 gefunden. Diese völlig banale Heckansicht bekommt man danach nie wieder aus dem Kopf.
Und doch kommt die altbekannte Freude aus einer einigermaßen wohlbehüteten bundesrepublikanischen Kindheit auf, wenn auf der Straße ein Auto aus den 70er und 80er Jahren vorbeirollt, etwa wenn ein sorgfältig restaurierter VW Käfer um die Kurve biegt, plötzlich ein weizengelber Strich-Acht-Mercedes im Sonnenschein posiert oder der sonore Klang des Boxermotors eines 911er-Porsche erklingt, dieser Sportwagen mit der unverwechselbaren Silhouette, bis heute ein Meisterwurf deutschen Industriedesigns. All die Modelle mit ihren konventionellen Verbrennungsmotoren stammen aus der Zeit, als das Auto noch recht unbehelligt von Umweltschützern, Stadtplanern und Verkehrswissenschaftlern die Atmosphäre in den „autogerecht“ verunstalteten Städten mit schädlichen Emissionen vergiften und den Fußgängern und Radfahrern den Raum zum Leben rauben durfte. Noch vor vierzig Jahren waren in der Autorepublik Deutschland Auspuffabgase das Parfüm des Wohlstands, aber auch der Freiheit. Das Auto war demokratisch. Fast jeder konnte sich ein Vehikel leisten, das Benzin war auch nach der Ölkrise noch bezahlbar.
Jede Automarke hatte ihr Gesicht, ihre Designsprache, ihre Identität. Man kaufte, was zu einem passte. Anhand der Automarke und des jeweiligen Modells konnte man ziemlich zuverlässig auf den gesellschaftlichen Status der Frau oder des Mannes am Steuer schließen. Der Geschäftsführer fuhr eine chromglänzende S-Klasse oder einen sanft schnurrenden Jaguar, die Sekretärin einen Opel Corsa, der Rowdy vom Land einen tiefergelegten VW Golf GTI oder Opel Manta mit eigenhändig angebrachtem Heckspoiler, vulgo: Frittentheke. Und die frankophile Soziologiestudentin? Vielleicht legte sie ihre Bücher von Pierre Bourdieu auf den Beifahrersitz eines luftigen 2CV von Citroën. Eine Ente war auch das erste eigene Auto. In Weiß, das Modell Charleston musste sein. Dem eigenen Milieu davondüsen in einer Franzosenschüssel, das war der Plan. Die Ente rostete leider schneller als sie fuhr.
Das ist lange her. Enten gibt es nur noch im Teich oder auf Oldtimertreffen, sie werden dann nicht von studierenden Bourdieu-Lesern gelenkt, sondern von älteren Herren mit lustigen Schnurrbärten. Mittlerweile ist die beherrschende Karosserieform die des SUV, eines sinnbefreiten Geländewagens für die Stadt. Hoch und möglichst breit sind diese PS-Boliden, egal ob elektrifiziert oder mit Verbrennermotor. Die Form der Limousine wie auch die des Kleinwagens sind Experten zufolge bald Geschichte. Die Unterscheidung fällt schwer. Und auch der Abschied, vom toxischen Auto, von einem überholten Konzept des Individualverkehrs, von der eigenen Kindheit.
Sentimentalität ist ein schlechter Kaufberater. Nun ist man seit vielen Jahren der Besitzer eines alten BMW, ein sogenannter Youngtimer ist es, ein Allerweltsauto mit historischem Kennzeichen, und natürlich in der Farbe Weiß. Man pflegt den BMW mehr als man ihn fährt, fünf Gänge, kantige Linie, von der Seite sieht er aus wie ein Männerhut. Keine Servolenkung, keine Klimaanlage, dafür ein Kassettenradio von Blaupunkt, die Älteren werden sich erinnern. Da läuft dann Bach, Depeche Mode oder Kraftwerk: „Autobahn“ aus dem Jahr 1974. Klangcollagen zum Wegbeamen.
Ein altes Auto öffnet die Herzen vieler Menschen, heißt es, meist sind es allerdings Männer. Sie stehen neben einem an der Ampel und zeigen mit dem Daumen nach oben. Sie winken wie Teletubbies, selbst im nervenden Feierabendstau. Täglich fragen sie, ob der Wagen zum Verkauf stünde. Sie stehen auf dem Parkplatz des Supermarkts plötzlich neben einem, streicheln sanft über den polierten Kotflügel und haben Tränen in den Augen, wenn sie erzählen, dass sie genau in so einem Modell vor Jahrzehnten ihre Fahrschulstunden absolviert haben oder dass ihnen die Ehefrau den Kauf eines alten Autos verboten hat. Kein Witz.
Doch es gibt auch die anderen, die moralisch Überlegenen, die Retter unserer kaputten Auto-Welt, die weihevollen Hipster auf ihren Lastenrädern oder die Tesla-Fahrer, die einen keines Blickes würdigen. Sie wollen einfach nur von A nach B fahren, möglichst emissionsfrei. Das ganze Leben eine einzige Umweltzone. Sie haben die Gewissheit, dass die Zukunft ohne diesen weißen BMW eine bessere sein wird. Gut möglich. Leider.