Abschiebung eines Togoers Ellwanger Asylanwalt massiv unter Beschuss

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„Du stehst auf der Liste!“ Solche Sprüche muss sich Engin Sanli seit Tagen anhören. Er ist der Rechtsanwalt des 23-jährigen Togoers aus Ellwangen. „Ich habe Angst“, sagt er. Und Politiker wie Alexander Dobrindt machten es ihm noch schwerer.

Engin Sanli will sich nicht einschüchtern lassen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Engin Sanli will sich nicht einschüchtern lassen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart/Ellwangen - Bei der Landtagswahl 2016 hat Engin Sanlis Name für die SPD als Zweitkandidat im Stuttgarter Norden auf dem Stimmzettel gestanden. Prominenz hat das dem 29-Jährigen nicht eingebracht. Die verschafft ihm jetzt die Stuttgarter AfD. „Kennen Sie Engin Sanli?“, hat sie einen vielfach geteilten Eintrag auf Facebook überschrieben. Darin stellt sie Sanli als einen Anwalt dar, der im Fall des seit vergangener Woche in Abschiebehaft sitzenden 23-jährigen Togolesen aus Ellwangen „so ziemlich jedes Register“ ziehe. Sanli nutze „das formale Gestrüpp unseres pervertierten Asylrechts“ und lasse „Staat und Behörden am Jo-Jo rauf und runter“.

Das Werk hat seine Adressaten nicht verfehlt. Sanli wird seither mit Hassbotschaften überschüttet, er erhält Drohanrufe und anonyme Briefe. Auch am Freitag hat er wieder zwei Exemplare aus seinem Briefkasten ziehen dürfen – ohne Unterschrift, aber handschriftlich verfasst. „Ihr gehört alle nach Hause, besonders die, die einen Terroristen verteidigen, elendes Pack“, teilt ihm jemand in Anspielung auf Sanlis Migrationshintergrund mit. „Drecksau, raus mit dir aus Deutschland“, schreibt ihm ein anderer. „Wenn die AfD an der Macht ist, wirst du abgeholt.“

Sanlis Bewertung ist im Keller

3000 bis 4000 E-Mails verstopfen täglich Sanlis Account. Einen ganzen Ordner mit Beschimpfungen hat er bereits angelegt. Täglich leitet er einen Stapel an die Abteilung für Cyberkriminalität der Kripo weiter. „Die Leute haben offenbar überhaupt keine Angst mehr, dass sie erwischt werden.“ Als Erstes wurde seine Bewertung auf dem Online-Portal „anwalt.de“ in den Keller gevotet. „Wir mussten das Konto sperren.“ Seine Anwaltsgehilfin ist fertig mit den Nerven von den ständigen Anrufen, in denen abwechselnd geschimpft, geschwiegen oder gepfiffen wird.

„Es ist das erste Mal, dass ich so etwas Krasses erlebe“, sagt der junge Anwalt. Dabei folge er dem üblichen Prozedere in solchen Fällen. Seit Oktober sei der 23-Jährige sein Mandant. Der Mann aus Togo war am vorigen Donnerstag von einem Großaufgebot der Polizei in der Landeserstaufnahmeeinrichtung in Ellwangen verhaftet worden. Drei Tage zuvor war seine Abschiebung gescheitert, nachdem laut der Polizei 150 afrikanische Flüchtlinge die vier angerückten Beamten bedroht hatten. Jetzt sitzt der 23-Jährige in Auslieferungshaft. „Es ist doch selbstverständlich, dass ich ihn nun nicht im Stich lasse.“ Beim Verwaltungsgericht beantragte Sanli eine Abänderung des Abschiebebescheids. Als dies abgelehnt wurde, ging er auch dagegen vor.

„Als Asylanwalt kann man nicht reich werden“

Viele anonyme Schreiber halten Sanli einfach nur für undankbar. Er habe auf Kosten des deutschen Steuerzahlers studiert, jetzt falle er dem Land, in dem er selbst nur Gast sei, in den Rücken. Tatsächlich ist Sanli längst eingebürgert, seine Biografie ist die einer vorbildlich geglückten Integration. 1989 kommt er als Sohn anatolischer Einwanderer in Leverkusen zur Welt. Die Eltern trennen sich, die Mutter bringt die drei Kinder als Reinemachefrau durch. Alle drei studieren. Engin Sanli macht 2009 in Bad Cannstatt Abitur und wird Jurist. Vor einem Jahr macht er sich selbstständig. Seine Kanzlei richtet er in einem vor dem Abriss stehenden Bürogebäude am Stuttgarter Hauptbahnhof ein.

Als Flüchtlingsanwalt hat er sich mittlerweile einen Namen gemacht. Doch für den Teil einer „Anti-Abschiebe-Industrie“, die der Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Alexander Dobrindt, am Werk sieht, hält er sich nicht. „Davon kann man nicht reich werden.“ 50 Euro pro Monat zahlen ihm seine Mandanten – aus ihrem eigenen Budget. Eine staatliche Prozesskostenerstattung gebe es nur bei Erfolg. Dobrindts Attacke habe aber Wirkung gezeitigt. Bei den Hassmails, die ihn erreichten, stünde seither regelmäßig „Anti-Abschiebe-Industrie“ in der Betreffzeile.

Es sei eine Katastrophe, dass ein führender Politiker die Anwaltschaft als „Organ der Rechtspflege“ derart pauschal angreife. Er habe Angst, auch seine Verlobte mache sich Sorgen, sagt Sanli. Einschüchtern lassen will er sich aber nicht. Am Freitag reichte er im Auftrag seines Mandanten eine Verfassungsbeschwerde ein.