InterviewHandball-Bundestrainer Christian Prokop „Ich sehe keinen Grund für einen Umbruch“

Von Jürgen Frey 

In dieser Woche stehen die EM-Qualifikationsspiele gegen Polen an. Bundestrainer Christian Prokop hat aber auch schon Olympia 2020 im Blick. Da hofft der Handball-Bundestrainer auf die Rückkehr von Spielmacher Martin Strobel – Tobias Reichmann bekommt schon früher wieder eine Chance.

Christian Prokop: Der Bundestrainer setzt auf den Kader, der bei der WM auf Platz vier landete Foto: AP
Christian Prokop: Der Bundestrainer setzt auf den Kader, der bei der WM auf Platz vier landete Foto: AP

Stuttgart - Der Pflichtspielernst geht für die Handball-Nationalmannschaft nach der WM wieder los. Mit zwei Siegen in den Qualifikationsspielen gegen Polen an diesem Mittwoch (18 Uhr/ARD) in Gliwice und am Samstag (14 Uhr/ZDF)) in Halle/Westfalen kann sich das Team von Bundestrainer Christian Prokop das Ticket für die EM 2020 sichern. Diese Titelkämpfe finden vom 9. bis zum 26. Januar in Norwegen, Österreich und Schweden statt. -

Herr Prokop, Ihr Bundestrainer-Kollege Joachim Löw hat drei Spieler um die 30 aussortiert. Sie machen mit der alten Garde weiter. Warum?

Wir sind bei der Weltmeisterschaft nur hauchdünn an der Bronzemedaille vorbeigeschrammt und befinden uns weiter in einem Entwicklungsprozess. Ich sehe keinerlei Grund für einen Umbruch. Ich bin vielmehr froh, dass ich diesen Mix aus erfahrenen und jungen Spielern habe.

Frisches Blut, zum Beispiel in Form des 21-jährigen Sebastian Heymann von Frisch Auf Göppingen, war gar kein Thema für Sie?

Wir stehen vor wichtigen Wochen. Die anstehenden EM-Qualifikationsspiele gegen starke Gegner sind von enormer Bedeutung. Da baue ich auf eine sehr gut eingespielte Mannschaft. Mir stehen 2019 für das Nationalteam insgesamt 18 gemeinsame Tage zur Verfügung. Die gilt es optimal zu nutzen. Was nicht heißt, dass Sebastian Heymann nicht im Blickfeld ist. Er hat gegen die Schweiz sein A-Länderspieldebüt gefeiert, und er bleibt ein Mann für die Zukunft. Zunächst marschiert er in der Junioren-Nationalmannschaft vorne weg und übernimmt Verantwortung.

Auf der Spielmacher-Position setzen Sie notgedrungen, mangels Alternativen, auf den 22-jährigen Tim Suton.

Tim hat seine Sache bei der WM gut gemacht, er genießt unser Vertrauen. Dennoch will ich nicht verhehlen, dass wir uns sehr viele Gedanken über diese Schlüsselposition machen. Wir müssen Lösungen finden, die Spielsteuerung weiter zu entwickeln.

Welche Ansätze haben Sie?

Wir werden in der Nachwuchsförderung noch gezielter auf die Ausbildung von Spielmachern achten. Es ist in Mode gekommen, Rückraumhalb-Spieler zu Mittelleuten umzufunktionieren. Da kann das Spielerische schonmal auf der Strecke bleiben. Wir wollen auf dieser Position Spieler, die schnell auf den Beinen sind, eine hohe Passgeschwindigkeit mitbringen, den Rhythmus bestimmen und viel Spielwitz versprühen. Das sind Voraussetzungen für attraktiven Handball.

Bringt Sie aber kurzfristig für EM und Olympia 2020 noch nicht weiter.

Deshalb hoffe ich neben der Entwicklung von Tim Suton und Fabian Wiede auf eine Rückkehr von Martin Strobel.

Obwohl er im Juni 33 Jahre alt wird und er derzeit seinen Kreuzbandriss auskuriert?

Lassen Sie uns jetzt erstmal seinen Heilungsverlauf abwarten. Alles andere muss dann zu gegebener Zeit besprochen werden.

Tobias Reichmann ist aus Frust über seine WM-Nicht-Nominierung spontan in die USA geflogen. Ist das Tischtuch mit dem Rechtsaußen zerschnitten?

Das Tischtuch ist keineswegs zerschnitten. Derzeit ist er verletzt, aber beim Lehrgang im kommenden Juni mit Blick auf die EM-Qualifikationsspiele gegen Israel (Anm.d.Red.: 12. Juni, 19.30 Uhr in Tel Aviv) und gegen Kosovo (16. Juni, 18 Uhr in Nürnberg) wird Tobias wieder dazustoßen. Er bekommt wieder seine Chance, vorausgesetzt er ist fit und bringt bei der MT Melsungen seine Leistung.

Wie schwer werden die beiden Quali-Spiele gegen Polen an diesem Mittwoch (18 Uhr) in Gliwice und am 13. April (14 Uhr) in Halle/Westfalen?

Die Polen sind stärkster Gegner in unserer Gruppe. Die Mannschaft spielt einen schnellen Handball und ist auf einfache Tore aus. Es ist unser Anspruch, beide Spiele zu gewinnen, aber es wird vor allem eine mentale Herausforderung.

Warum?

Weil es nach dem Pokal-Final-Four-Wochenende, dem Besuch bei unserer Bundeskanzlerin und der Reise nach Gliwice darum geht, sich innerhalb von 48 Stunden bestmöglich auf das Spiel gegen Polen einzustellen, mit voller Konzentration und hoher Leidenschaft zu spielen.