Harald Schmidt im Stuttgarter Schauspielhaus Harry und die Menstruation

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Die Show im Stuttgarter Schauspielhaus: Harald Schmidt redet mit den Gründerinnen der Female Company über Bio-Tampons, mustert eine Menstruationstasse und denkt über die Todsünden nach.

Auf blutroter Spur: Harald Schmidt mit Sinja Stadelmaier (links) und Anni Claus vom Start-up-Unternehmen The Female Company Foto: Björn Klein/Stuttgarter Schauspiel 9 Bilder
Auf blutroter Spur: Harald Schmidt mit Sinja Stadelmaier (links) und Anni Claus vom Start-up-Unternehmen The Female Company Foto: Björn Klein/Stuttgarter Schauspiel

Stuttgart - Herr Schmidt erinnert sich. Nürtingen, siebziger Jahre, stolzer Dialekt und der Zentralsatz jeder Nürtingerin über vierzehn: „I han mei Sach ghet“. Sie hat ihre Sache gehabt – eine eher unpräzise Aussage, was dem kleinen Präzisionskünstler Harry schon damals aufgestoßen ist. Die Vagheit der Feststellung war ja kein Ausfluss sprachlichen Unvermögens, sondern sozialer Scham – womit Schmidt mitten im Thema der beiden Gäste ist, die er sich für die neue Ausgabe seiner Late-Night-Show auf die Bühne geholt hat. Blutrote Hosenanzüge nehmen jetzt Platz in schwarzen Ledersesseln und machen genauso Effekt wie die „Sach“, für die Anni Claus und Sinja Stadelmaier bei ihrem Auftritt werben: die Enttabuisierung der Menstruation.

„Echt Schmidt“ heißt nicht nur die Reihe im Stuttgarter Schauspiel, echt Profi Schmidt ist auch die Liste der bisherigen Gäste, die er sich mit Eins-A-Entertainment-Blick ausgewählt hat. Nehmen wir Laura Halding-Hoppenheit, die Stuttgarter Linken-Politikerin, die für Diversität einsteht. Oder jetzt eben Claus & Stadelmaier, die Gründerinnen des sehr erfolgreichen Stuttgarter Start-up-Unternehmens The Female Company, das Bio-Tampons verkauft und mit einer bundesweiten Kampagne die Senkung der Mehrwertsteuer auf Damenhygieneartikel durchgesetzt hat. Feminismus und Diversität also – Sachen, die nicht gerade zu den Hobbys des alten weißen konservativen Mannes gehören, was Schmidt, seinem Image und seiner Show freilich nur gut tut: Überraschung, Offenheit, Spannung in der Bude!

Ordinäre Witze

Anni und Sinja – man duzt sich – berichten­ von ihrem Tagwerk. Sie waren in München, wo sie wg. Controlling bei Investoren im marmornen Konferenzzimmer saßen. Nichts als Männer im Anzug. „Denen erzählst du dann Storys von der weiblichen Periode, von Binden und Slips“, sagen die Jungunternehmerinnen mit Gespür für komische Situationen und kommen dem ebenfalls Anzug tragenden Gastgeber damit sehr entgegen. „Wahrscheinlich“, vermutet Schmidt, „haben sich die Männer nach der guten alten Zeit zurückgesehnt, wo sie unter sich waren und reden konnten.“ – „Was wurde damals geredet?“ – „Keine Ahnung. Ich bin immer aufgestanden und angewidert rausgegangen“, lügt Schmidt, dem bei Menstruation der Witz mit dem Hamster einfällt: „Ist zu ordinär. Kann ich hier nicht erzählen“ – und natürlich kommt er, während er die Menstruationstasse der Female Company mustert, von dieser Nummer nicht mehr runter und erzählt als Rausschmeißer einen noch ordinäreren Männerwitz, der auch Frauen zum Lachen bringt, aber nicht für den Druck geeignet ist.

Erfinderischer Vatikan

Nach neunzig Minuten endet die ausverkaufte Show, die im Bühnenbild der „Sieben Todsünden“ (mit Peaches) von Anfang an aufs damenhygienisch feministische Finale zusteuert – mit Andeutungen und Umwegen, von denen einer zu AKK führt. „Ihren Rücktritt bedaure ich. Mir brechen die Nummern weg“, denn AKKs Sprache, diese „Mischung aus Saarländisch und schiefer Zahnstellung“, liebt Schmidt sehr. Und dann springen seine glühenden Synapsen zu Jens Corona Spahn und zurück zu Peaches, weil Letztere mit ihren Songs dem Ersteren bei der Senkung der Gesundheitskosten helfen könnte: „Kopfweh? Fuck the Pain away“ – und schon wummert der Electro-Clash-Hit aus den „Sieben Todsünden“ durchs vibrierende Schauspielhaus. Apropos: „Die Todsünden hat die katholische Kirche erfunden, um im Vatikan nicht den Überblick zu verlieren.“

Den Überblick bewahrt aber auch der katholische Schmidt an diesem blutroten Abend nicht immer. Er hat Hänger und behilft sich, was Mehrfachbesuchern der Show nicht entgangen sein dürfte, mit Pointen-Recycling. Aber auch wenn er nicht ganz auf der Höhe seiner Kunst ist, spielt er mit seinem flinken Superhandwerk in der Liga der Comedians­ doch immer ganz oben. Recycle- und kompostierbar sind übrigens auch die Bio-Tampons von Anni, Sinja und der Female Company, die Stuttgart mit ihrem tabufreien Rot toll aufmischt.




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