Heilbronner Polizistenmord Viele Puzzleteile - aber noch kein Bild

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Ein Tippgeber aus der rechten Szene will wissen, dass die Mörder von Michèle Kiesewetter bei der Toten nach einem Handy gesucht haben.

Mit einer Gedenktafel wird in Heilbronn an die ermordete Polizistin erinnert. Foto: dpa 2 Bilder
Mit einer Gedenktafel wird in Heilbronn an die ermordete Polizistin erinnert. Foto: dpa

Heilbronn - Die Ermittlungen zum Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter sind in dieser Woche einen wichtigen Schritt vorangekommen, doch der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger ist auf Reisen und vorerst nicht zu sprechen. Dabei wäre interessant gewesen zu erfahren, ob der Chefermittler an seiner euphorischen Beurteilung vom 8. November festhält. Beate Zschäpe, die mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos eine todbringende Bande gebildet haben soll, hatte sich gerade mit einem Anwalt der Polizei gestellt. Pflieger sagte im SWR, Zschäpe und die tot in einem Wohnmobil aufgefundenen Böhnhardt und Mundlos gehörten wohl zur Tätergruppe, schließlich seien sie im Besitz der Dienstwaffen der Polizisten gewesen. "Solche Waffen gibt man nicht weiter", so Pflieger. Es handle sich wohl um einen Fall von Beschaffungskriminalität.

Der Präsident des Landeskriminalamts Baden-Württemberg, Dieter Schneider, stimmte noch am Donnerstag vergangener Woche ein: Es gebe "keine Anhaltspunkte" dafür, dass die 22-jährige Polizistin sterben musste, weil sie aus Thüringen gestammt habe. Inzwischen weiß man, wie falsch beide Einschätzungen wohl sind. Ein Sprecher der württembergischen Generalstaatsanwaltschaft verteidigt inzwischen seinen Chef: Nie habe Klaus Pflieger behauptet, der Fall sei für ihn gelöst. "Das ist von den Medien so dargestellt worden."

Zwischen der jungen Frau aus Oberweißbach und der Zwickauer Terrorzelle gab es Berührungspunkte: Kiesewetters Stiefvater, so wurde am Mittwoch aus Sicherheitskreisen kolportiert, besaß ein Lokal, in dem eine Veranstaltung von Neonazis verboten wurde. Die Familie der Polizistin soll außerdem versucht haben, einen Gasthof in Thüringen anzumieten, der dann aber an einen Mann aus dem Umfeld des Zwickauer Trios gegangen sei. Die Polizistin selbst habe jahrelang gegenüber diesem Treff von Rechten gewohnt.

Diebstahl der Dienstpistolen nur Ablenkungsmanöver?

So ist es also höchst unwahrscheinlich, dass die junge Polizistin, die sich an ihrem Todestag nach Worten eines Ex-Ermittlers "in den Dienstplan gedrängt" habe, weil sie eigentlich gar nicht eingeteilt gewesen sei, ihrem Mörder in Heilbronn zufällig begegnete. Die Bundesanwaltschaft führt seit anderthalb Wochen die Ermittlungen, ein Sprecher in Karlsruhe sagt lediglich: "Wir gehen jedem Hinweis nach." Davon gibt es mittlerweile viele, und einige davon klingen höchst beunruhigend. Nach Information der Stuttgarter Zeitung ist ein Tippgeber aus der rechten Szene aufgetaucht, der wissen will, dass die Mörder von Michèle Kiesewetter bei der Toten nach einem Prepaid-Handy gesucht haben, mit dem die Beamtin mit Mitgliedern der Zwickauer Zelle telefonierte. Der Diebstahl der Dienstpistolen und der Handschellen sei lediglich ein Ablenkungsmanöver gewesen.

Wer dem Gedanken folgt, kann zu dem Schluss kommen, dass die Polizistin entweder mit Böhnhardt und Mundlos paktierte oder, was wahrscheinlicher klingt, in ihrer Heimat von der Untergrundorganisation erfuhr und die Männer zum Aufgeben auffordern wollte.

Die Theorie klingt abenteuerlich, doch nicht abenteuerlicher als die Geschichte vom "Phantom", dem der baden-württembergische Ermittlungsapparat ab 2007 mit Geld und Eifer nachjagte. Viele Puzzleteile passen noch nicht zusammen. Unverständlich bleibt beispielsweise, weshalb Schwerkriminelle, die über genügend Waffen verfügen, jahrelang zwei Polizeipistolen aufbewahrt, beziehungsweise auf ihren Streifzügen mit sich getragen haben.

Zschäpe schweigt

Beate Zschäpe könnte wohl Aufklärung leisten, doch sie schweigt nach wie vor. Innerhalb der baden-württembergischen Polizei wird deshalb gemunkelt, sie sei ebenfalls Informantin des Verfassungsschutzes gewesen; andernfalls, so ein Insider, "hätte sie sich nicht so schnell in die Obhut der Behörden begeben".

In vielem, was mehr oder weniger laut im Polizeiapparat geredet wird, liegt der offene Verdacht der Vertuschung. Vielleicht solle verschwiegen werden, sagt ein Beamter, dass die rechte Szene in Deutschland viel mächtiger sei als jemals gedacht, dass rechte Mitverschwörer selber es waren, die Mundlos und Böhnhardt beseitigten, weil sie als nicht mehr vertrauenswürdig galten. Zumindest letzterem Gerücht tritt die Bundesanwaltschaft entschieden entgegen. Nach dem Ergebnis der Obduktion gehe man davon aus, dass Uwe Mundlos seinem Kumpan Böhnhardt in die Schläfe schoss und sich dann selber mit einem Kopfschuss richtete. "Eine Beteiligung Dritter", so sagt der Karlsruher Sprecher, "ist ausgeschlossen."