Herausforderung für Politiker Die Wähler und auch die Hater warten im Netz

Von Caroline Holowiecki 

Wie hat Corona die Arbeit von Politikern verändert? Matthias Gastel, Bundestagsabgeordneter aus Filderstadt-Plattenhardt, gibt Einblicke in einen komplett umgekrempelten Alltag.

Der Ton, der in den sozialen Netzwerken  angeschlagen wird, ist zuweilen rau. Das beschäftigt auch den Grünen-Abgeordneten Matthias Gastel. Foto: Caroline Holowiecki
Der Ton, der in den sozialen Netzwerken angeschlagen wird, ist zuweilen rau. Das beschäftigt auch den Grünen-Abgeordneten Matthias Gastel. Foto: Caroline Holowiecki

Plattenhardt - Auf der Bank hält es Matthias Gastel nicht lang. Während er spricht, bleibt er offenbar lieber in Bewegung. Die Hände gestikulieren, der Blick sucht den Boden ab. So zieht er im Schatten eines Baumes seine Kreise. Matthias Gastel ist im Arbeitsmodus. Es ist kurz nach 9 Uhr. Um 6.30 Uhr hat der Bundestagsabgeordnete aus Filderstadt ein Radio-Interview gegeben, danach war er joggen. Zum weißen Hemd trägt er Laufschuhe. Die Mappe für den Anschlusstermin hat er schon dabei.

Obwohl wegen Corona Außentermine aktuell entfallen, hat der Grünen-Politiker nicht weniger zu tun, wie er sagt. Beispiel Mitte Mai: Matthias Gastel richtet vier Veranstaltungen in einer Woche aus. Eine befasst sich mit dem Wahlrecht ab 16, eine mit Verschwörungstheorien, einmal trifft er den Landesverkehrsminister, und ein Gespräch mit einem Infektiologen ist auch geplant. Alles ist ins Netz verlegt, in Videokonferenzen und Livestreams. Techniken, die er sich mühsam aneignen musste, wie er bekennt. „Ich habe sehr junge Mitarbeiter, die da affin sind“, sagt der 49-Jährige. Wegen der Installation mancher Apps kämpfe er noch immer mit der Bundestagsverwaltung.

Der Verkehr ist sein Steckenpferd

Seit Corona ist Politik ins Internet verlegt. Statt Applaus gibt es Likes. „Wir hätten das vor drei Monaten gar nicht machen können. Heute sind wir aufgeschlossen, und wir haben ein Publikum, das viel aufgeschlossener ist“, sagt Gastel. Auch das Informationsbedürfnis sei größer. Bis zu 70 Menschen klickten sich in die Online-Treffs rein, doch auch das gute alte Telefon sei gefragt. Zur jüngsten Sprechstunde hatten sich 13 Personen für 30-Minuten-Telefonate gemeldet.

In Plattenhardt, wo er seit der Kindheit lebt und die Eltern wohnen, kennen Matthias Gastel viele. Die Karriere bei den Grünen verlief seit dem Parteieintritt 1989 stringent. Orts- und Kreisvorstand, 20 Jahre Gemeinderat, fünf Jahre Kreistag. Seit 2013 vertritt er den Wahlkreis Nürtingen/Filder im Bundestag. Dort hat er das Thema Verkehr zu seinem Spezialgebiet erkoren. Er ist Mitglied im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur und dort bahnpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Bereits in der Kommunalpolitik habe hier sein Interesse gelegen. 2011 gründete Gastel das Filder­städter Aktionsbündnis „Ja zum Ausstieg aus Stuttgart 21“. Zudem setzt er sich für den Ausbau der Gäubahn ein und behält den Bus- und S-Bahn-Verkehr auf den Fildern im Blick. Zum Outdoor-Interview kommt der Sozialpädagoge und Betriebswirtschaftler mit dem Rad. Das erwartet man von einem Grünen.

Viele Briefe seien voller Verschwörungstheorien

Doch Matthias Gastel ist tatsächlich Freizeitsportler. Der Krise zum Trotz geht er täglich joggen, im Wald im Weilerhau oder im Mauerpark nahe seiner Berliner Wohnung. „Die Lunge will durchgeatmet sein“, und den Ausgleich braucht er wohl auch. Der Bundespolitiker ist schon lange in sozialen Netzwerken unterwegs, und der Ton, der dort angeschlagen wird, ist rau. Was jüngst massiv zugenommen hat, ist zudem der Mailverkehr. Pro Tag um die 150 Zuschriften zählt der Grünen-Abgeordnete. Viele Briefe seien lang und „voller Verschwörungsmythen“. Angela Merkel sei eine Satanistin, diverse Politiker dürften sich „auf Ehrenplätze bei den Nürnberger Prozessen freuen“. „Es gibt Momente, da macht die Politik weniger Freude“, sagt er ohne aufzuschauen. Trotz teils harscher Angriffe möchte Matthias Gastel möglichst viele Mails beantworten. „Man muss es versuchen. Ich will nicht, dass diese Leute durch die Nichtantwort noch bestärkt werden.“

Die Corona-Krise ist politisch „eine extrem aufreibende Zeit“, sagt Matthias Gastel. Wegen der hohen Dynamik, der großen Verunsicherung, neuer Formate und Diskussionen. Statt klassischer Verkehrsthemen ging’s für ihn jüngst um Güterzüge, die Pasta und Zellulose für Klopapier bringen, oder geschlossene Toiletten auf Autobahnraststätten, die Lkw-Fahrer in Nöte bringen. „Bei mir hat sich der Fokus ganz klar verschoben.“ Die Schlagzahl hat indes nicht nachgelassen. Während Gastel die letzten Sätze spricht, setzt er schon den Fahrradhelm auf. Er muss los. Nächster Termin.




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