Bei Herzstillstand sinkt Überlebenswahrscheinlichkeit rapide
Doch wie sieht es auf den Amateursportplätzen in Deutschland aus? Nur an vereinzelten Sportstätten wäre im Notfall ein Gerät sofort verfügbar: Lediglich knapp fünf Prozent, ungefähr 11 000 der circa 230 000 Sportstätten in Deutschland, könnten dann auf einen Defibrillator zurückgreifen, wie es Zahlen von Definetz.online belegen, eine Internetseite, die die gemeldeten Defibrillatoren in Deutschland erfasst. Insgesamt sind den Seitenbetreibern bundesweit knapp 78 000 bekannt.
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„Je schneller defibrilliert wird, umso höher die Chance auf eine erfolgreiche Reanimation“, sagt der Sportmediziner und Mannschaftsarzt des VfB Stuttgart, Heiko Striegel. Denn bei einem Herzstillstand sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit rapide: pro Minute um zehn Prozent. Aber sind Sportler besonders gefährdet? „Das nicht“, sagt Striegel, „doch jede körperliche Belastung erhöht bei bestimmten Vorerkrankungen die Gefahr, dass es zu Herzrhythmusstörungen kommt.“ In der Fußball-Bundesliga gebe es für die Spieler deshalb regelmäßige Ultraschalluntersuchungen des Herzens, um im Vorfeld herauszufinden, wer ein erhöhtes Risiko für Herzrhythmusstörungen hat. Die Gefahr lauere deshalb eher in den unteren Ligen: „Das Problem sind kleinere Sportfeste, Freundschaftsspiele, in denen inoffiziell zwei Teams aufeinandertreffen“, sagt Striegel und ergänzt: „Je niedriger die Liga, desto weniger Anforderungen gibt es, desto weniger werden die Spieler untersucht – und umso höher ist dann das Risiko.“
Sportmediziner: „Je niedriger die Liga, umso höher das Risiko.“
WFV startet Kooperation mit Defibrillator-Hersteller
Italienische Wissenschaftler haben in einer Studie die Fälle plötzlichen Herzstillstands an Sportstätten von 1999 bis 2014 beobachtet und verglichen. 26 Fälle gab es, 15 davon passierten auf einem Sportgelände mit Defibrillator. An diesen überlebten tatsächlich 93 Prozent neurologisch unversehrt. An den Sportstätten ohne Defibrillator waren es gerade einmal neun Prozent.
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Der Württembergische Fußballverband (WFV) hat gehandelt – und am 1. August eine Kooperation mit dem Defibrillator-Hersteller Defibtech aus Düsseldorf gestartet. Das Ziel: den Amateurclubs im Verbandsgebiet vergünstigte Geräte anzubieten. „Jedes Jahr kriegt man neue Fälle von Herzstillständen auf Sportplätzen mit“, berichtet Matthias Rudolf vom WFV, der vor acht Jahren den Anstoß für vergünstigte Defibrillatoren gegeben hat. „Jeder Herztote ist einer zu viel.“
Der Fall Eriksen hat den entscheidenden Impuls gegeben
Mit dem Fall Eriksen sind noch mal mehr Menschen auf das Thema aufmerksam geworden. Seit dem Start am 1. August hätten sich aber deutlich mehr Vereine für einen Defibrillator interessiert als davor: „Sonst waren es ein, zwei Rückmeldungen pro Jahr. Jetzt hatten wir im August in einem Monat zehn Anfragen.“
Die Gründe, warum sich Vereine einen Defibrillator zulegen, seien ganz unterschiedlich: „Manche hatten schon einmal einen Vorfall auf dem Sportplatz – andere haben sich jetzt mit dem Eriksen-Thema auseinandergesetzt“, erzählt Rudolf. Ein Beispiel: der SV Bolstern aus Bad Saulgau. Dort haben die Verantwortlichen schon länger über die Anschaffung eines Defibrillators nachgedacht, der Fall Eriksen hat dann aber den entscheidenden Impuls gegeben.
Das Finanzielle spiele keine Rolle, wenn es um Menschenleben geht
Auch beim badischen Fußballverein 1912 Wiesental hängt seit Kurzem ein Defibrillator im Kabinengang. „Wir hatten Fälle von plötzlichem Herztod im Tischtennis, aber auch im Fußball bei den Zuschauern“, erzählt Präsident Manfred Schweikert. Wie der Württembergische hat auch der Badische Fußballverband eine Kooperation mit Defibtech gestartet. Durch die daraus resultierenden Rabatte für Vereine wurden die Wiesentaler auf die Aktion aufmerksam. Auch wenn Schweikert betont: „Das Finanzielle spielt keine Rolle, wenn es um Menschenleben geht. Vor allem, wenn man sieht, was sonst beispielsweise für Spieler ausgegeben wird.“
So sieht es in anderen Sportarten aus
Basketball
Der Deutsche Basketball Bund (DBB) wurde durch die Anfrage unserer Redaktion zum ersten Mal mit diesem Thema konfrontiert, wie Jochen Böhmcker, Referent für Spielbetrieb, zugibt. „Bisher wurde ich weder durch einen Verein noch durch einen unserer 16 Landesverbände hierauf angesprochen“, sagt er. Da der Großteil der Sportanlagen für die Basketballer den Kommunen gehöre und diese von Sportlern unterschiedlichster Sportarten genutzt werden würden, sieht Böhmcker eher die Landessportbünde in der Pflicht, sich um Defibrillatoren an Sportstätten zu kümmern: „Sie können das Thema wesentlich effektiver angehen als ein einzelner Verband.“
Handball
Auch der Deutsche Handballbund (DHB) verweist auf die Hallenbetreiber, die sich um die Anschaffung von Defibrillatoren kümmern sollten: „So können alle Nutzerinnen und Nutzer der Anlage im Ernstfall hierauf zugreifen“, sagt Mark Schober, der Vorstandsvorsitzende des DHB. Dennoch seien in immer mehr Sporthallen Defibrillatoren Standard – und viele Vereine hätten sich Geräte angeschafft. „Das ist sehr zu begrüßen“, so Schober.