Imbisswagen statt Job bei Daimler Die Maultaschen-Manager

Von Katharina Sorg 

Frederic Bierbrauer und Florian Romer haben ein Diplom in Betriebswirtschaft. Doch nach dem Studium hatten sie keine Lust auf einen Schreibtisch-Job.  

Zwölf Uhr mittags im Industriegebiet von Degerloch: Frederic Bierbrauer (links) und Florian Romer sind inzwischen eingefleischte Imbisswirte. Foto: foto@heinzheiss.de 2 Bilder
Zwölf Uhr mittags im Industriegebiet von Degerloch: Frederic Bierbrauer (links) und Florian Romer sind inzwischen eingefleischte Imbisswirte. Foto: foto@heinzheiss.de

Stuttgart - Als Florian Romer und Frederic Bierbrauer ihr BWL-Studium abschließen, können sie weder kochen noch irgendwelche Erfahrungen in der Gastronomie vorweisen. Ihre Diplomarbeiten sind druckfrisch und lukrative Jobs bei Daimler ihnen so gut wie sicher. Also beschließen sie, einen Imbiss zu eröffnen.

Es ist kalt an diesem Novembermorgen. Atemwolken begleiten die erzählten Erinnerungen der beiden, während sie die verpackten Maultaschen und Spätzle aus dem Lager schleppen. "Wir haben uns für die Erna entschieden", sagt Romer und wuchtet einen Plastikeimer mit selbst gemachter Bratensoße in den Imbisswagen.

Erna, so haben sie ihren mobilen Stand getauft. Mit ihr verbringen sie seit acht Monaten mehr Zeit als mit ihren Freundinnen. Romer, 26, und Bierbrauer, 28, sprechen von Erna wie selbstverständlich in der dritten Person. "Sie ist eine coole alte Lady. Eine vom Typ, die auch gern mal Motorrad fährt, zu Hause aber traditionelle Gerichte kocht", sagt Frederic Bierbrauer. Traditionelle Gerichte, das sind die schwäbischen Heiligtümer Maultaschen, Kartoffelsalat, Spätzle und Linsen.

"So was sollte man mit Maultaschen machen"

Was wie eine Geschichte aus einer der zahlreichen Shows im Privatfernsehen anmutet, in denen sich Jungunternehmer reichlich naiv ins Abenteuer Restaurantgründung aufmachen und in letzter Not Hilfe von Kochprofis erhalten, ist bei Romer und Bierbrauer längst eine kleine Erfolgsgeschichte geworden. Die fängt so an: bei einem Auslandsaufenthalt in Kanada fallen den beiden Stuttgartern die vielen Stände auf der Straße auf, an denen Banker und Studenten zu Mittag essen.

"So was sollte man mit Maultaschen machen", meint Bierbrauer damals zu seinem Kumpel und vergisst die Idee auch nach der Rückkehr nicht mehr. Wann immer ein paar Bier mehr getrunken werden, kommt die Sache erneut auf die Bartische in München, New York oder Nizza, wo die beiden zeitweise studieren. Der Traum vom eigenen Imbissgeschäft ist mit genügend Alkohol im Blut greifbar nah, verschwindet mit der Nüchternheit des Morgens aber meistens wieder. Schließlich treffen die Jungs doch eine Entscheidung: Wir machen das. Bekannte sind skeptisch: "IHR wollt einen Imbiss eröffnen?" Immerhin, von den Eltern gibt es Zuspruch.

An diesem Dienstagmittag parken sie ihren Imbisswagen in Degerloch. Bierbrauer, der etwas stämmigere von beiden, macht den Kartoffelsalat in einem Edelstahltopf auf zwei Kochplatten warm, als die ersten Kunden vor der Theke die Hälse recken. "Was darf's denn sein?" Wenn die klassischen Imbissbetreiber Haarnetz zur weißen Kittelschürze tragen, dann sind die Jungs in Kapuzenpulli und Daunenweste die Boygroup unter den Standbesitzern.

"Da macht man Abi und landet im Imbiss"

Die weiblichen Kunden bleiben gerne ein wenig länger stehen und bekommen ein "Hey, neue Frisur, sieht schick aus" zu hören oder einen "Gruß zu Hause" mit auf den Weg. Es wird gescherzt und geplaudert. Im Fernsehen würde man sagen, Flo und Fred kommen gut rüber. Ihr Imbiss sieht nicht nach klassischer Fressbude aus. Statt Currywurst und Pommes gibt es das "SL-Menü": Linsen mit Spätzle und Saiten.

Und natürlich die Maultaschen mit Spätzle und Bratensoße, die hier "Hammersoße" heißt und bei der Kundschaft aus der Werbebranche besonders beliebt ist. Die Bilder der Gerichte kleben nicht schlecht fotografiert hinter vergilbter Folie, sondern sehen aus wie aus einem trendigen Gourmetmagazin. Die Essenschalen sind schwarz, und den Flyern sieht man die professionelle Arbeit eines Grafikers an.

Romer und Bierbrauer wurde schnell klar, dass sie sich mit Vorurteilen herumschlagen müssen. Wer das Wort Imbiss hört, der denkt nicht an aufstrebende Nachwuchsunternehmer in polierten Lederschuhen und schmal geschnittenen Anzügen. Als sie beim Sommerfest ihrer alten Schule Maultaschen verkauften, hörten sie Sätze wie "Da macht man Abi und landet im Imbiss". "Das kratzt dann schon an der Ehre", sagt Bierbrauer. Doch sie vertrauten auf ihre Idee.




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