Kaffee hat Pierre Tanbic nie geschmeckt, bis er den „ersten richtig schönen Espresso“ vorgesetzt bekam. „Es war eine Wucht“, sagt der 30-Jährige. Er brauchte keinen Zucker, und der Magen rebellierte nicht wie sonst. Wenig später legte er sich einen neuen Nebenjob zu – als Kaffeeimporteur. Sein Betrieb Cortégas gehört zu einer wachsenden Zahl an politisch korrekten Kaffeehändlern und Röstereien. Mehr als ein Dutzend gibt es in Stuttgart. Jüngste Neueröffnung ist das Café Mela an der Königstraße, wo fair gehandelter Rohkaffee aus Honduras serviert wird. Im Westen, dem Kaffee-Hotspot der Stadt, ist seit 2020 das Cäff Chen beheimatet. Dessen Betreiberin Jana Rahel Pfeiffer geht wie ihre Kollegen von Cortégas bei der Nachhaltigkeit einen Schritt weiter.
Wunsch nach Nachhaltigkeit wächst
Auf ihre Bohnen sind Pierre Tanbic und sein Geschäftspartner Simon König durch Bekannte gekommen, die familiäre Beziehungen in der Dominikanischen Republik haben. Die Bauern hielten die beiden Deutschen erst für verrückt, als sie ihnen das Doppelte vom Börsenniveau boten. Jetzt sei ihr Selbstbewusstsein und das Vertrauen in ihr Produkt gestiegen, berichtet der Grafik- und Kommunikationsdesigner. Er und der Chemiker lassen den Kaffee bei einer Hamburger Rösterei nach ihren Vorstellungen verarbeiten. Ihre Mischungen verkauften sie dann über Amazon. „Am Anfang war es sehr ernüchternd“, sagt er, weil die Bereitschaft gering war, mehr als zehn Euro für ein Kilo Kaffee auszugeben. Doch spätestens seit der Coronapandemie sei der Wunsch nach Nachhaltigkeit stark gewachsen.
Bohnen werden per Segelschiff importiert
Zum Platzhirsch Fröhlich, der seit 22 Jahren in Stuttgart Kaffee röstet, kam 2014 Mokuska Caffè und seither fast jährlich mit Romanelli Coffee, Mischmisch, den Schwarzmahlern im Osten sowie der Kaffeerakete wieder im Westen neue Röstereien dazu. Fürs neue Mela im Haus der Katholischen Kirche werden die Bohnen am Hauptsitz in Leinfelden-Echterdingen geröstet. Seit vergangenem November ist Cortégas auch mit einem kleinen Ladencafé in Kaltental vertreten. „Ich sehe keine große Konkurrenz“, sagt Pierre Tanbic, „ich werde damit nicht reich.“ Er versucht vielmehr, seinen Handel noch ökologischer zu machen, indem er die Bohnen per Segelschiff importieren lässt. Bei der niederländischen Firma Fair Transport waren seine Bohnen deshalb schon an Bord.
Kaffeebohnen im Pfandglas
Jana Rahel Pfeiffer hat ihr Alleinstellungsmerkmal auf die Schaufensterscheibe geschrieben: „Zero Waste Rösterei“ ist darauf zu lesen. Im Cäff Chen gibt es die Bohnen in Pfandgläsern, den Kaffee to go nur in Recups. Sie kauft ihren Rohstoff von Importeuren, die ebenfalls direkt sowie zu höheren Preisen mit den Bauern handeln, und ist wie die meisten ihrer Kollegen aus Kostengründen nicht biozertifiziert. Die Fotografin aus Stuttgart startete mit einem Online-Shop in die Selbstständigkeit, um zu testen, ob die Rösterei „nur eine verrückte Idee“ war. Es lief gut an, im Mai vor zwei Jahren bezog sie einen Laden in der Senefelderstraße, den sie sich erst mit einem Modegeschäft teilte und nun alleine bespielt mit einem Café, Sandwiches und süßen Snacks. Die vielen Röstereien in der Nachbarschaft sieht auch sie nicht als Problem: Dadurch würde das Interesse der Anwohner am Produkt noch mehr geweckt. Ihr Konzept kommt bei den Kunden an, die Pfandgläser kommen regelmäßig zurück. „Nachhaltigkeit ist ein Thema, das immer wichtiger wird“, sagt die 31-Jährige.