Die Stuttgarter Beachvolleyballerin Karla Borger ist seit November 2021 Präsidentin von Athleten Deutschland. Die 33-Jährige setzt sich für Themen ein, die ihr wichtig sind: Vereinbarkeit von Sport und dualer Karriere, mehr Transparenz im Antidopingkampf, Menschenrechtsverletzungen und Gleichberechtigung.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Stefanie Keppler (stk)

Stuttgart - Am brasilianischen Strand von Ipanema war Karla Borger die vergangenen Wochen geografisch weit weg von den politischen Krisenherden dieser Welt, doch die Beachvolleyballerin verfolgte auch im Trainingslager in Rio de Janeiro die politische Lage sehr genau. Den Ausschluss der russischen und belarussischen Sportler bei internationalen Wettkämpfen wegen des Russland-Ukraine-Kriegs bezeichnet sie als „richtiges Signal“. Borger vertritt zu vielen Themen eine klare Meinung. Schon vor den olympischen Winterspielen in Peking im Februar hat die Siegerin der World-Tour-Finals von 2021 die Menschenrechtsverletzungen in China scharf kritisiert und klar Stellung bezogen.

Athleten Deutschland vertritt alle deutschen Sportler:innen

Seit November 2021 steht die 33-jährige Stuttgarterin an der Spitze von Athleten Deutschland. Der 2017 gegründete Verein vertritt die Interessen aller deutschen Sportler:innen – unabhängig von den Verbänden, die häufig ihre eigenen Interessen mehr im Blick haben als die ihrer Athlet:innen. Allzu oft werden die Aktiven übergangen bei Entscheidungen, die sie direkt betreffen. Etwa bei Themen wie Vereinbarkeit von Sport und dualer Karriere, mehr Transparenz im Antidopingkampf, Menschenrechtsverletzungen oder Gleichberechtigung. International hat sich der Verein mit inzwischen 1400 Mitgliedern einen Namen gemacht und ein weltweites Netzwerk aufgebaut. „Ich bin in den letzten Jahren älter geworden und habe gegen einige Widerstände kämpfen müssen, habe oft ausgesprochen, was ich gedacht habe“, sagt die 33-Jährige. „Mich verbindet mit dem Verein sehr viel, was mir am Herzen liegt.“

Einige Parteien unterstützen das geforderte Zentrum für „Safe Sport“

Beim Thema Gleichberechtigung hat die aktuelle Vize-Europameisterin und Olympia-Neunte von Rio 2016 sehr klare Ziele: „Sportlerinnen verdienen häufig weniger, trainieren teilweise unter schlechteren Bedingungen und erscheinen weniger im Fernsehen. Sie sind häufiger von Gewalt und Missbrauch im Sport betroffen. Die Trainingswissenschaft beruht auf männlichen Probanden. Essenzielle Themen wie der weibliche Zyklus werden oft ignoriert, obwohl sie gravierende Auswirkungen auf Leistung und Verletzungsrisiko haben.“ All das will sie mit Athleten Deutschland ändern: „Dazu haben wir im Mai 2021 unsere Gleichstellungsziele veröffentlicht und den Bereich Schutz vor Gewalt und Missbrauch priorisiert.“

Seit einem Jahr forciert der Verein die Idee eines Zentrums für „Safe Sport“; das Programm dafür stellte Borger auch im Sportausschuss des Deutschen Bundestags vor. Vor der Bundestagswahl nahmen mehrere Parteien die Idee in ihr Wahlprogramm auf – jetzt wartet das Projekt auf die Umsetzung. Für Borger ist es ein Herzensprojekt, in das sie neben ihrer aktiven Sportkarriere viel Energie investiert. Das Ziel ist die Einrichtung eines unabhängigen Zentrums für sicheren Sport, das eine Anlaufstelle für Betroffene von sexueller, physischer und psychischer Gewalt dienen soll, aber auch Aufklärungsarbeit leisten und die Umsetzung von Schutzmaßnahmen kontrollieren kann. Das Programm richtet sich explizit nicht nur an Frauen, sondern an alle Athleten. Mehr Gleichberechtigung in der Gesellschaft – dafür könne jeder einzelne seinen Beitrag leisten, meint Borger: „Ich finde das Wichtigste ist Offenheit für die Stärken und gegenseitige Unterstützung statt eines dauerhaften Konkurrenzkampfs. Für mich ist eine gleichberechtigte Gesellschaft eine Gesellschaft der Wertschätzung und des respektvollen Miteinanders. Hier kann jeder ansetzen.“

Der Veganerin ist Umweltschutz und Nachhaltigkeit wichtig

Sich selbst bezeichnet Borger, die zum Teil von der Sportfördergruppe der Bundeswehr finanziert wird, als ehrgeizig und kommunikativ. Ihr Amtsvorgänger bei Athleten Deutschland, Max Hartung, beschreibt sie als „meinungsstark und empathisch“, immer um Austausch bemüht.

Die Stuttgarterin, die sich seit vielen Jahren vegan ernährt und sich für Umweltschutz und Nachhaltigkeit einsetzt, nimmt dabei auch auf persönliche Nachteile keine Rücksicht: Mit dem Deutschen Volleyball-Verband führte sie einige Jahre harte Auseinandersetzungen mit zum Teil großen finanziellen Einbußen, weil sie und ihre damalige Partnerin den Trainings- und Wohnsitz nicht nach Hamburg verlegen und ihren eigenen Trainer auswählen wollten. Inzwischen ist der Konflikt beigelegt: der Verband akzeptiert die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von Borger und ihrer derzeitigen Partnerin Julia Sude – sowohl bei der Standort- als auch der Trainerwahl. In den vergangenen Monaten war das Duo Borger/Sude auf Turnieren sogar ganz ohne Trainer unterwegs – zunächst zwar aus der Not heraus geboren, allerdings mit großem Erfolg: die Silbermedaille bei der EM in Wien und der Titel bei den World-Tour-Finals auf Sizilien gegen die versammelte Weltelite waren das Ergebnis der ungewöhnlichen Lösung. „Wir wissen, was wir brauchen“, sagt die Beachvolleyballerin. Karla Borger ist eine Frau, die weiß, was sie kann und was sie will.