Korntal würdigt Nazi-Opfer Erinnerung an einen Ermordeten

Von Heidi Knobloch 

Immanuel Röder wurde mit 24 Jahren hingerichtet. Nun würdigt die Stadt das kurze Leben des NS-Gegners, über den fast nichts bekannt war – bis sich ein Korntaler auf seine Spuren begab.

„Dieses Reich wird untergehen“: Immanuel Röder Foto: Stadtarchiv
„Dieses Reich wird untergehen“: Immanuel Röder Foto: Stadtarchiv

Korntal-Münchingen - Fahnenflucht, Widerstand, Kritik – dem nationalsozialistischen Regime war wie allen Unrechtssystemen zuwider, was ihre Herrschaft infrage stellte. Immanuel Röder aus Korntal verweigerte den Wehrdienst – und wurde 1940 in Berlin hingerichtet. Nun wurde am Gymnasium der Stadt eine Gedenktafel für den ehemaligen Absolventen der Höheren Knabenschule aufgestellt.

Schüler, Eltern, Lehrer, der Bürgermeister, Gemeinderäte und die Brüdergemeinde gedachten des jungen Mannes, dessen Leben im Alter von 24 Jahren zu Ende war. Er hatte sich wegen Fahnenflucht strafbar gemacht, so das Urteil der Nazi-Schergen. Seine Schule ist eine der Vorgängerinnen des heutigen Gymnasiums in der Charlottenstraße.

Im Auftrag des Kriegsdienstverweigerers

Eine Zeit, in der man für seine Überzeugungen mit dem Leben bezahlt, kann sich der Schulsprecher des Gymnasiums Korntal-Münchingen, Antoine Kränkel, kaum vorstellen. Den Nationalsozialismus und den Widerstand hat er im Unterricht behandelt. Dass es in Korntal einen jungen Menschen gab, der gegen den Krieg eintrat, beeindruckt ihn. Immanuel Röder sei für junge Menschen Vorbild: „Wir müssen uns eine eigene Meinung bilden und den Mut haben, sie zu äußern – auch gegen Widerstände.“

Auch Johannes Maier war Schüler in Korntal. Seit 20 Jahren befasst sich der 73-jährige ehemalige Berufschullehrer mit dem Schicksal Immanuel Röders. „Die Erinnerung an diesen mutigen Kriegsdienstverweigerer wachzuhalten: Das ist mir Auftrag“, sagt Maier, der heute in Waldshut bei Freiburg lebt.

Er wurde im Korntal der fünfziger und sechziger Jahre groß, in einem Haushalt, der der pietistischen Brüdergemeinde verbunden ist. Schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs diskutierte man die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik. Im Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965 wurden die Gräueltaten der Nazis offenbar. Der junge Johannes wollte Antworten auf seine Fragen: Wie nur waren die Verbrechen des Dritten Reiches möglich gewesen? Er stieß auf Schweigen: Die Eltern und Großeltern wollten über die Zeit des Nationalsozialismus nicht sprechen. „Erst als ich 54 Jahre alt war, erfuhr ich von meiner Mutter, dass ein Nachbarsjunge aus der Neuhalde, Immanuel Röder, in der NS-Zeit hingerichtet worden war.“ Maier nahm Kontakt zur Familie Röder auf, führte Gespräche mit Schwester und Bruder des Ermordeten, sichtete das rare Archivmaterial – und lernte viel.

Streit mit dem Nazi-Onkel

Die Familie Immanuel Röders kommt 1925 nach Korntal. Vater Karl ist als freier Prediger tätig, die Mutter Mathilde gehört zur Korntaler Brudergemeinde. Immanuel geht in die Korntaler Grundschule und anschließend auf die Höhere Knabenschule, die er mit der mittleren Reife abschließt. Er ist ein mittelmäßiger Schüler, aber musisch begabt: Das Zeichnen beherrscht er überdurchschnittlich. Die Geschwister berichten, dass er sehr gut Klavier spielt.

Schon als Jugendlicher steht er dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber. Im Archiv der Brüdergemeinde findet sich ein Bericht des 15-jährigen Immanuel über einen Ausflug nach Tübingen im Jahr 1931: „Wieder andere betätigen sich politisch, indem sie ihren Gefühlen Ausdruck geben und zum hundertsten Male das Hitlerlied anstimmen.“ Mit seinem Onkel, der Mitglied in der NSDAP ist, scheint Immanuel immer wieder aneinander geraten zu sein.

Im Jahr 1936 geht Immanuel Röder nach München auf eine Fotografenschule. Im Jahr darauf wird er für sieben Monate zum Reichsarbeitsdienst nach Straubing eingezogen. Er möchte als Sanitäter dienen. Doch dieser Wunsch wird abgelehnt, und er wird zum Kriegsdienst einberufen. Nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 schreibt er der Mutter, so die Geschwister, auf einer offenen Postkarte prophetisch: „Dieses Reich wird untergehen.“

Tod auf dem Schafott

Immanuel flieht in die Tschechoslowakei. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen habe man ihn dort aufgegriffen und in Haft genommen, berichten die Geschwister. Von einem Militärgericht sei er zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Der zuständige Kommandeur habe dieses Urteil jedoch als viel zu milde empfunden und Berufung eingelegt. So sei Immanuel Röder an ein Berliner Gericht überstellt und zum Tode verurteilt worden. In den Akten findet sich der Hinweis: Am 17. Oktober ist Immanuel Röder in Brandenburg an der Havel auf dem Schafott gestorben.

Johannes Maier bedauert, dass wichtige Briefe aus der Zeit im Zuchthaus verloren gegangen seien. Vielleicht hätte man darin noch mehr Informationen gefunden über die christliche Motivation des jungen Mannes und seine möglicherweise kritische Sicht auf die Brüdergemeinde, deren Haltung in der NS-Zeit umstritten ist.

Der Korntaler Archivar Alexander Brunotte hat die Quellen aus der Gründerzeit des Ortes, der dieses Jahr sein 200-jähriges Bestehen feiert, studiert. So hatte das Brüderkollegium 1818 mehrmals den Antrag gestellt, für die Gemeindemitglieder eine Befreiung von der Militärpflicht zu erwirken. Das Ersuchen wurde abgelehnt. Möglicherweise, so Brunotte, habe der Widerstand aber als ethische Kategorie in der Gemeinde weitergelebt – und so auch den jungen Immanuel Röder beeinflusst.

Ein Stolperstein für Röder

Am Dienstag, 2. Juli, wird der Künstler Gunter Demnig einen Stolperstein für den Ermordeten verlegen. Johannes Maier hat damit einen großen Teil seines Auftrag erfüllt: An den jungen Korntaler NS-Gegner Immanuel Röder zu erinnern.