Krause-Burger-Kolumne Die Protagonisten in ihrem Widerspruch

Von Sibylle Krause-Burger 

Einen bunten Politikzirkus mit schillernden Darstellern sieht Sibylle Krause-Burger beim Konflikt um Stuttgart 21. Ein Gastbeitrag.  

Boris Palmer ist einer der Darsteller im Politikzirkus um Stuttgart 21.  Foto: dpa
Boris Palmer ist einer der Darsteller im Politikzirkus um Stuttgart 21. Foto: dpa

Stuttgart - Unsere Sorgen möchte die Welt haben. In Arabien schießen Tyrannen auf ihre Völker. Die amerikanische Tea Party setzt blindwütig die finanzielle Stabilität rund um den Globus aufs Spiel. Am Horn von Afrika verhungern die Kinder. Doch zu Stuttgart, am lieblichen Neckarstrande, wo Milch, Honig, Benzin und Wasser reichlich fließen, zerfleischt sich das Volk im Streit über den Bau eines neuen Bahnhofs. Wo hat man je ein derart wirres Politiktheater gesehen?

Am Anfang standen die Wut-Massen gegen Basta-Mappus. Der christdemokratische Ministerpräsident, der den Schlamassel doch nur geerbt hatte, sah sich plötzlich in den Chef eines Vereins mit Namen Lügenpack verwandelt. Er musste weg, und siehe, er kam tatsächlich weg. Die Angst nach Fukushima schoss ihn ins politische Aus. Der Bürgerprotest half nach. Da weilt er nun fern der Politik, herzlichst aufgefangen von einem wirtschaftlichen Elysium. Er wird nicht wiederkehren zu stärken die Freunde der Bahnhofssünde. Ruhe seiner politischen Asche.

Vorhang auf und hereinspaziert!

Doch was hat's geholfen? Rein gar nichts, so wenig wie die sogenannte Schlichtung des großgreisen Heiner. Denn ein genehmigtes und durch alle Instanzen gepauktes Projekt hat im Rechtsstaat ein verbrieftes Recht. Die selbst ernannten Kritiker, Stuttgart-Retter, Parkschützer, Weltverbesserer haben es nicht - auch wenn sie gebetsmühlenhaft auf das Einhalten der Augenhöhe pochen. Weshalb es auch nichts zu schlichten, nichts auszugleichen, sondern allenfalls die Leute anzuhören und die Gemüter zu besänftigen gilt. Darauf warten wir vergebens. Folglich ist auch nach dem Stresstest, auf den so große Hoffnungen gesetzt wurden, die Vorstellung nicht beendet, ganz im Gegenteil.

Vorhang auf also und hereinspaziert, meine Damen und Herren! Erleben Sie das Stuttgart-21-Ensemble. Schauen Sie auf den Schlichter, der im vergangenen Herbst gute Arbeit geleistet hatte, der es aber dabei nicht belassen konnte. Er wollte halt noch einmal auf die Bühne, wollte noch einmal den Applaus hören, wollte auch im 82. Lebensjahr sein füchsisches Lächeln über alle Kanäle in die Wohnzimmer der Nation senden. An so etwas kann man sich gewöhnen. Heiner Geißler ist öffentlichkeitssüchtig. Dafür opferte er den Frieden, der ihm angeblich am Herzen liegt. Hätte er geschwiegen, er wäre ein Weiser geblieben.

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