Und erneut gibt es eine Pressemitteilung vom Veranstalter: „Wir sind immer noch überwältigt von der riesigen Anzahl an Menschen“, erklärt die Interessengemeinschaft CSD Stuttgart am Donnerstag zum „größten Christopher Street Day aller Zeiten in Stuttgart“. In Zahlen: 400 000 Besuchende, mit 133 Formationen und 40 000 Teilnehmern auf dem Demonstrationszug. Die Stadt war am letzten Wochenende proppenvoll und feierte unter dem Regenbogen.
Wie aber kommt es zu der Zahl von 400 000, wo selbst der Faschingsumzug in der City nach offiziellen Angaben höchstens 200 000 Zuschauer anlockt? „Wir nehmen keine eigenen Erhebungen vor“, sagt das CSD-Vorstandsmitglied und der Versammlungsleiter Marco Schreier. Man kooperiere mit der Polizei, übernehme „die gemeinsame Schätzung“ und stütze sich auf eigene Anmeldungen und Beobachtungen. Das bespreche man mit den Ordnungsbehörden, „da uns eine realistische Einschätzung wichtig ist“, so Schreier.
Niemand sonst hat gezählt oder geschätzt
Auf Nachfrage erklärt das Ordnungsamt indes, dass die Stadt „keine eigene Schätzung beziehungsweise Zählung der Besucherzahlen vorgenommen hat“. Auch die Polizei stellt klar: „Die Zahlen sind vom Veranstalter an die Polizei übermittelt und übernommen worden“, sagt Polizeisprecher Jens Lauer, „die Polizei hat nicht gezählt und auch nicht geschätzt.“
CSD-Vorstand Schreier spricht auf Nachfrage unserer Zeitung von 133 Formationen, Fußgruppen und Fahrzeuge, und geht von „etwa 20 000 bis 25 000 angemeldeten Personen“ aus. Dann habe es noch Teilnehmende gegeben, die sich spontan einreihten oder am Ende nach dem letzten Fahrzeug mit dem Zug mitliefen. „Wir gehen davon aus, dass sich die Anzahl der Teilnehmenden im Laufe des Zuges etwa verdoppelt hat“, so Schreier. Macht in Summe: 40 000 Teilnehmende.
Wie verteilen sich 400 000 Menschen?
Nach Adam Riese bedeutet dies aber auch, dass bei 133 Formationen und anfänglich 20 000 bis 25 000 Teilnehmern jede einzelne Formation mit 150 bis 190 Personen besetzt gewesen sein muss – also auch jeder einzelne der 54 Lkws, Motorräder und Pkws.
Die 400 000 Zuschauer müssen irgendwo an der Strecke Platz gefunden haben. Auch hier gibt es eine Gegenrechnung unserer Zeitung: Bei einer Länge von exakt 1790 Metern vom Feuersee zum Schlossplatz müssen – bei zwei Personen pro Quadratmeter – auf jedem einzelnen Meter je 112 Zuschauer hintereinander gestanden haben. Oder 56 auf jeder Seite. Das wäre in der Eberhard- oder Münzstraße freilich nicht möglich. „Da standen allenfalls fünf bis zehn Zuschauer hintereinander“, sagt Polizeisprecher Lauer.
Wohin hätten sich die Massen also verlagert? Der halbe Schlossplatz böte – dicht gedrängt mit zwei Personen pro Quadratmeter – knapp 34 000 Menschen Platz. Am Karlsplatz könnten so maximal 13 000 stehen, auf dem Marktplatz 9000, auf dem Schillerplatz 5000. Der Rotebühlplatz hätte Flächen für weitere 5000 Menschen. Die rechnerischen Maximalkapazitäten betragen damit 66 000 Besucher.
Zeitung prangert „maßlose übertriebene“ Volksfestzahlen an
Demnach müssten aber gut 334 000 doch irgendwo auf der Strecke gewesen sein – oder die Hocketse auf dem Markt- und Schillerplatz bevölkert haben. Schreier dazu: „In letzter Konsequenz kann nicht exakt ermittelt werden, wie viele Personen teilnehmen, wie viele entlang der Demostrecke Zuschauende waren, die gezielt nur wegen des CSD angereist sind, und wie viele einfach wegen der Auffälligkeit ihren Besuch in der City unterbrochen haben, um das Geschehen zu beobachten.“
Das Problem mit Besucherzahlen ist freilich schon 30 Jahre alt. Im Oktober 1993 enthüllten die „Stuttgarter Nachrichten“, dass die Besucherzahlen des Cannstatter Volksfests „maßlos übertrieben“ waren. Den vom städtischen Marktamt genannten fünf Millionen wurde eine andere Rechnung entgegengesetzt: Mit Hilfe der Verkehrsmittel, mit denen Wasenbesucher nach 16 Uhr wieder nach Hause kommen. Und da waren im allergünstigsten Fall nur drei Millionen zusammengekommen.
Seit 30 Jahren Kampf um „ehrliche Zahlen“
Bei der Gegenrechnung wurde der besucherstärkste Samstag untersucht – als die nagelneue Wasenlinie, heute als U 11 bekannt, gezählte 12 647 Besucher nach Hause beförderte. Das war Anlass dafür, für diese Zeit die Maximalkapazitäten aller weiteren Stadt- und Straßenbahnlinien der SSB, aller Buslinien, alle S-Bahnen und Eilzüge, aller Linien- und Reisebusse, aller Parkmöglichkeiten unter Annahme von voll besetzten Autos und dreifachem Umschlag jedes Parkplatzes sowie aller Taxifahrgäste zu errechnen. Unter diesen Idealbedingungen wären für jenen Samstag 242 000 Besucher zusammengekommen – das Marktamt verkündete dagegen 500 000.
„Selbst wenn alle Bewohner der Bezirke Ost, Bad Cannstatt, Untertürkheim und Wangen zu Fuß erschienen wären, würden immer noch 125 000 fehlen“, so das Ergebnis der Recherchen. Tatsächlich entbrannten in den darauffolgenden Jahren heftige Debatten, versprochen wurden „ehrliche Zahlen“. Für das Volksfest 2022 wurden übrigens drei Millionen Besucher genannt.
Zahlen-Streit um S-21-Gegner und WM-Fans
Auch die Zahl der Demonstranten gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 war stets ein Streitpunkt. Die Gegner des Tiefbahnhofs hatten im Februar 2011 eine Samstagsdemo auf dem Schlossplatz veranstaltet und 39 000 Teilnehmer gezählt. Die Polizei hatte dagegen 15 000 geschätzt. Wegen stetiger Vorwürfe, zu niedrige Zahlen zu nennen, machte sich die Polizei in diesem Fall sogar an die Feinanalyse: Ein Luftbild der Demonstration vom Polizeihubschrauber wurde an verschiedene Dienststellen verteilt und ausgezählt. „Wir sind auf maximal 13 628 Menschen gekommen“, so der damalige Polizeisprecher Stefan Keilbach.
Allerdings hat die Feinanalyse auch mit einem anderen Mythos aufgeräumt: Bei der Fußball-WM 2006 hatten die Behörden angenommen, dass 40 000 Fans auf den abgezäunten Fanbereich des Schlossplatzes passen. Doch der war nach der Luftbild-Auswertung schon bei 20 000 voll.