InterviewRainer Lorz, Präsident der Stuttgarter Kickers „Unsicherheit ist größtes Problem“

Von Jürgen Frey 

Wie geht es in der Oberliga weiter? Wie überstehen die Stuttgarter Kickers die Corona-Krise? Müssen sie einen neuen Anlauf in Sachen Aufstieg nehmen? Präsident Rainer Lorz stellt sich vor dem virtuellen Geisterspiel gegen den SSV Reutlingen den Fragen.

Im engen Austausch: Kickers-Präsident Rainer Lorz (li.), Aufsichtsratschef Christian Dinkelacker. Foto: Baumann
Im engen Austausch: Kickers-Präsident Rainer Lorz (li.), Aufsichtsratschef Christian Dinkelacker. Foto: Baumann

Stuttgart - Die Mannschaften der Ersten und Zweiten Fußball-Bundesliga haben inzwischen Klarheit. Oberligist Stuttgarter Kickers wartet wie alle anderen unterklassigen Clubs auf ein Signal, wie es weitergeht. Erst am kommenden Dienstag werden sich die drei baden-württembergischen Verbände gemeinsam dazu äußern. Präsident Rainer Lorz hofft auf eine sportlich gerechte Lösung, die eine möglichst breite Akzeptanz findet.

Herr Lorz, können Sie sich noch an das letzte Spiel im Gazi-Stadion erinnern?

Das war unser Spiel gegen den FV Ravensburg am 7. Dezember 2019. Wir haben 3:0 gewonnen.

Es folgte dann noch die Partie am 7. März beim Schlusslicht SV Sandhausen II…,

…das wir 0:2 verloren haben. Umso mehr hatten wir uns für das erste Heimspiel in 2020 vorgenommen, das dann Corona-bedingt abgesagt wurde.

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Wer Sie kennt, weiß, dass Sie unter solchen schlechten Ergebnissen extrem leiden. Da müsste Ihre Lebensqualität in den vergangenen Wochen doch fast gestiegen sein?

(lacht). Wir gewinnen ja zum Glück in der Oberliga öfter, als wir verlieren. Aber im Ernst: Der Fußball und die Spiele unserer Stuttgarter Kickers fehlen mir schon sehr.

Wir verbringen Sie die fußballlosen Wochenenden?

Ich gehe am Wochenende viel mit meiner Frau spazieren, arbeite im Garten, lese viel. Ohnehin werden die Herausforderungen in meinem Beruf als Rechtsanwalt in diesen unruhigen Zeiten nicht weniger. Doch jetzt freue ich mich erst einmal auf ein bisschen Abwechslung am kommenden Sonntag.

Auf das das virtuelle Geisterspiel gegen den SSV Reutlingen im Gazi-Stadion auf Waldau.

Das ist wirklich eine tolle Aktion, die der Verein da auf die Beine gestellt hat. Die vielen positiven Rückmeldungen, die Videobotschaften von prominenten Ex-Spielern oder -Trainern wie Robin Dutt, Fredi Bobic und Jürgen Klinsmann oder von unserer Ministerin Frau Dr. Eisenmann zeigen die Faszination der Stuttgarter Kickers. Wir sind mehr als ein gewöhnlicher Sportverein.

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Was macht dieses Event so besonders?

Wir werden echten Spieltags-Charakter bieten. Interviews, Podcasts, Hintergründe, Einblicke in die Kabine, Motivationsreden von Trainern. Es gibt ein Quiz, eine Versteigerungsaktion, exklusive Fanartikel und vieles mehr.

Rund 6000 Tickets haben die Gremienmitglieder gekauft, es wird mit einem ausverkauften Gazi-Stadion und über 11 000 Zuschauern gerechnet. Gut 50 000 Euro sollen für den Verein hängen bleiben. Stimmt die Größenordnung?

Ungefähr, ja. Diese Aktion ist ein wichtiger Baustein für uns, um in diesen schwierigen Zeiten finanziell über die Runden zu kommen. Wenn wir es schaffen, dass das Stadion „ausverkauft“ ist, wäre das eine Riesen-Leistung. Aber entscheidend ist nicht nur das Monetäre. Die Aktion zeigt, dass wir nicht jammern, sondern anpacken, am Ball bleiben und das mit einer durchaus kreativen Ader.

Starke Signale von Sponsoren

Was wiegt eigentlich schwerer: Dass den Kickers durch die Zwangspause weitaus mehr an Zuschauereinnahmen durch die Lappen gehen, als anderen Oberligisten, oder die Unterstützung der Sponsoren für einen Traditionsclub?

Wir haben höhere Ansprüche und dadurch bedingt auch höhere Aufwendungen. Andere Oberligisten kommen wahrscheinlich mit geringerem Aufwand durch die Krise als wir. Aber die Vertragsverlängerungen von unseren großen Sponsoren und anderen Unterstützern sind unglaublich wertvolle Signale. Wir werden nicht im Stich gelassen. Das zeigt: Wir sind ein fester Bestandteil der Sportkultur in der Region.

Und die Blauen laufen nicht Gefahr durch die Corona-Krise Pleite zu gehen?

Ich bin überzeugt, dass wir die Krise bewältigen und sehr optimistisch, dass wir als Kickers-Familie sogar gestärkt daraus hervorgehen. Aber auch wir – wie alle anderen Vereine – brauchen jetzt schnellstens Klarheit, ob und wie es mit der Saison und darüber hinaus weitergeht. Diese Unsicherheit ist eigentlich unser größtes Problem.

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Die erste und zweite Bundesliga hat grünes Licht für die Fortsetzung der Saison. Was erwarten Sie für die Oberliga?

Ich wünsche mir ein Gesamtkonzept von Seiten des DFB und der Landesverbände und eine sportlich gerechte Lösung, die eine möglichst breite Akzeptanz findet.

Bei einer Annullierung der Saison droht den Kickers eine dritte Runde in der fünften Liga.

Auch dann würden wir unsere Ziele auf alle Fälle weiter verfolgen und einen neuen Anlauf nehmen, aber ich hoffe nach wie vor auf einen Aufstieg in die Regionalliga nach dieser Saison.

Insolvenz kein Thema

Glauben Sie, dass Vereine auf ein mögliches Aufstiegsrecht verzichten könnten?

Ob andere Vereine in der Lage sind, einen Aufstieg wahrzunehmen und die entsprechenden Möglichkeiten haben, kann ich nicht beurteilen. Die Frage stellt sich mir aber auch nicht. Denn selbst wenn man die Saison abbricht und nur die Hinrunde wertet, standen die Kickers hinter dem VfB II auf dem Relegationsplatz.

Der WFV hat die Insolvenzklausel ausgesetzt. Das bedeutet, es gibt keinen Zwangsabstieg im Insolvenzfall. Eine verlockende Option, sich ohne sportliche Folgen Verbindlichkeiten vom Hals zu schaffen. Auch für die Stuttgarter Kickers?

Nein, das geht meiner Meinung nach an der Sache vorbei. Es geht doch um die Hauptfrage, wie geht es nach vorne, wie kann ich künftige Spielzeiten finanzieren, wie kann ich Sponsoren weiter für den Verein gewinnen, da sind kreative Lösungen gefragt.

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Können die Kickers Ihr Nachwuchsleistungszentrum halten und bleibt der Sportliche Leiter Marijan Kovacevic?

Der NLZ-Status hängt ja auch davon ab, wie die Spielzeiten in der Jugend gewertet werden. Aber ich gehe fest davon aus, dass wir wie bisher weiterarbeiten können. Eine Änderung wird sich insoweit ergeben, als der sportliche Leiter laut den Statuten künftig nicht mehr gleichzeitig die A-Junioren trainieren darf. Hier sind wir derzeit in guten Gesprächen.

Was wünschen Sie sich für die nächste Zeit?

Dass alle Menschen gesund bleiben und dass wir uns so bald als möglich, nicht nur virtuell, im Gazi-Stadion wieder sehen.




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