InterviewRamon Gehrmann, Trainer der Stuttgarter Kickers „Jeder sucht nach einem Ersatz für Fußball“

Von Jürgen Frey 

Ramon Gehrmann ist Vater, Lehrer und Trainer: Wie der Chefcoach des Fußball-Oberligisten Stuttgarter Kickers mit der aktuellen Lage umgeht, verrät er im Interview.

Wie geht’s weiter im Fußball? Auch Ramon Gehrmann, der Trainer der Stuttgarter Kickers, kann das derzeit nicht absehen. Foto: Baumann
Wie geht’s weiter im Fußball? Auch Ramon Gehrmann, der Trainer der Stuttgarter Kickers, kann das derzeit nicht absehen. Foto: Baumann

Stuttgart - Der Ball ruht – auch bei den Stuttgarter Kickers. Trainer Ramon Gehrmann (45) äußert sich über die Möglichkeiten, sich fit zu halten, Existenzängste von Spielern und Äußerungen in der Branche, die nur den eigenen Vorteil im Blick haben.

Herr Gehrmann, wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?

Danke der Nachfrage. Uns geht es gut. Wenn diese extrem schlimme Situation etwas Gutes hat, dann, dass ich noch nie so viel Zeit hatte, mich um meine Kinder zu kümmern.

Wie alt sind sie, und wie halten Sie den Nachwuchs fit?

Mein Sohn ist acht, meine Tochter fünf Jahre alt. Wir machen gemeinsam Sport, wir haben seit drei Jahren ein Trampolin im Garten, das viel genutzt wird. Und mein Sohn spielt ja in der Kickers-Jugend und bekommt von seinen Trainern spielerische Aufgaben.

Und Sie selbst?

Jeder sucht ja gerade nach einem Ersatz für Fußball. Die einen schauen Sportfilme oder -Dokumentationen, spielen Fifa an der Konsole – ich durchforste das Internet auf der Suche nach neuen Trainingsformen und halte mich in unserem Fitnessraum im Keller fit. Da habe ich Hanteln, einen Schlingentrainer, eine Koordinationsleiter, eine Stange für Klimmzüge – alles, was auf engstem Raum möglich ist, veranstalte ich hier.

Ihre Spieler dürften daheim nicht alle so professionell ausgestattet sein.

Das mag sein, sie trainieren dennoch alle individuell im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

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Wie sieht es derzeit konkret aus?

Unser Trainerteam, also Yannick Dreyer, Ümit Sahin, Adrian Fleuchaus und ich, verständigen uns mindestens zweimal pro Woche via Telefonkonferenz. Wir haben die Spieler nach Rückennummern in Gruppen aufgeteilt, jeder von uns Vier betreut eine Gruppe. Wir geben den Spielern per Whatsapp ein abwechslungsreiches Programm mit Aufgaben für die Bereiche Ausdauer, Athletik und Koordination weiter. Die Rückmeldung erfolgt dann beispielsweise über eine App.

Viele Ihrer Spieler befinden sich an der Schwelle zwischen Amateur- und Profifußball. Wie sehr steigen in dieser Krisenzeit die Existenzängste?

Ich glaube schon, dass im semiprofessionellen Bereich die Existenzängste derzeit besonders groß sind. Verträge laufen aus. Verhandlungen sind praktisch unmöglich, weil die Clubs gar nicht die Möglichkeit haben, für die Zukunft zu planen. Aber ganz grundsätzlich betreffen diese Ängste ja ganz viele Menschen, nicht nur die Fußball- oder Sportbranche.

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Glauben Sie denn, dass die Saison noch zu Ende gespielt wird?

Das kann derzeit kein Mensch vorhersagen. Das ist derzeit aber auch nicht das Wichtigste auf der Welt.

Und wann rechnen Sie wieder mit einem Mannschaftstraining. Möglicherweise in kleinen Gruppen?

Auch das ist im Moment nicht absehbar. Profivereine wie der FC Augsburg oder RB Leipzig trainieren im Moment in Kleingruppen, ohne die Kabinen zu benützen. In Baden-Württemberg ist das im Moment nicht gestattet.

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Sollte die Saison abgebrochen werden, wie sollte sie gewertet werden?

Wenn ich die Äußerungen und Argumentationen zu diesem Thema verfolge, stelle ich fest, dass jeder nur seinen eigenen Vorteil im Blick hat. Deshalb: Obwohl ich ein Fan des Föderalismus bin, in diesem Punkt muss eine zentrale Lösung von oberster Stelle gefunden werden. Der DFB muss verbindlich vorgeben, wie die Regelung für alle Landesverbände lautet.

Sie haben nicht nur Kinder und Spieler, sondern als Gymnasiallehrer auch Schüler. Wie gestaltet da der Kontakt?

Das ist je nach Klassenstufe und Fach unterschiedlich. Ich verschicke Arbeitsblätter oder es wird online unterrichtet. Wir sind sehr stark auf die Eigenverantwortung der Schüler und die Mithilfe der Eltern angewiesen.




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