Rudolf-Eberle-Innovationspreis 2019 Der Holzquetscher aus Hinterseebach

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Da er mit seinem Sägewerk keine Zukunft sah, hat Johannes Bohnert eine Maschine ausgetüftelt, mit der sich beim Pressen von Holzspänen oder Pellets jede Menge Energie sparen lässt. Dafür erhielt der Schwarzwälder den ersten Preis.

In einer Halle hat Bohnert zwei Holzquetschen aufgestellt.Die Kette, die die Späne durch die Walzen zieht, fehlt noch. Kanthölzer dienen noch als Abstandshalter.. Foto:  
In einer Halle hat Bohnert zwei Holzquetschen aufgestellt.Die Kette, die die Späne durch die Walzen zieht, fehlt noch. Kanthölzer dienen noch als Abstandshalter. . Foto:  

Hinterseebach - Die Erfindung war ein Kind der Not. „Als Sägewerker kann man heute kaum noch Geld verdienen, zumindest an unserem Standort“, sagt Johannes Bohnert. Die Acher hat in Hinterseebach ein enges Tal in den Schwarzwald geschnitten, das sich weiter im Westen zur Rheinebene hin öffnet. Mit der Wasserkraft des Baches betrieben die Vorfahren seit 1892 ein Sägewerk. Hinter etlichen Hallen liegen noch Holzstapel. „Wir sind für Kunden noch im Lohnauftrag tätig“, sagt Bohnert. Doch dieses Kapitel ist weitgehend abgeschlossen. Nur noch zwei Beschäftigte arbeiten im Sägewerk, vor einem Jahr werkelten noch 14 Beschäftigte am Sägegatter.

Doch den Hang zum Holz hat Bohnert keineswegs aufgegeben. „Dass wir etwas von Holz verstehen, ist unser großer Vorteil“, meint der geschäftsführende Gesellschafter der Bohnert Technik GmbH. Und er versteht auf jeden Fall soviel davon, dass er nun Platz eins bei dem nach dem früheren Landeswirtschaftsminister Rudolf Eberle benannten Innovationspreis Baden-Württemberg erhalten hat. Beworben haben sich in diesem Jahr 90 Unternehmen, fünf können sich nun mit einem Preis schmücken. Und alle – aber sicher auch so mancher andere Bewerber – sind für Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut ein Bespiel für das „enorme mittelständische Potenzial im Land“.

Dass „unsere Zukunft heute mehr denn je von Innovationen abhängt“, wie die Ministerin meint, gilt nicht nur für die Unternehmen im Lande ganz allgemein – Bohnert hat dies in der eigenen Firma erfahren. Der erste Preis wurde mit 20 000 Euro dotiert, drei weitere mit jeweils 10 000 Euro, ein Unternehmen erhielt den Preis der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft (MBG), im Wert von 7500 Euro .

Holz muss zur Weiterverarbeitung getrocknet werden

„Schon als Kind habe ich gerne gebastelt“, berichtet Bohnert. Und weil er sich mit Holz auskennt, weiß er auch, dass dieses zu 50 Prozent aus Wasser besteht. Nur: Um es weiterzuverarbeiten, muss es getrocknet werden. Der Tüftler aus dem schwarzen Wald hat dafür eine neuartige Maschine entwickelt. Dabei werden Holzspäne oder Pellets auf einer Kette aus flachen Metallscheiben zwischen zwei Walzen durchgepresst. Was passiert, zeigt er im Video: Aus der Maschine läuft unten ein regelrechter Wasserfall raus. „Es ist ähnlich, wie wenn man ein nasses Handtuch auswringt“, sagt der Firmenchef, der die „Walzenpresse zur Trocknung von Sägeholzresten“ schlicht und einfach als „Quetsche“ bezeichnet. Normalerweise wird Holz mit warmer Luft getrocknet, „ähnlich wie mit einem Föhn“, erklärt der 51-Jährige. Mit seiner Maschine wird das Holz vorgetrocknet, die Hälfte des Wassers schon herausgepresst. „Entweder spart man die Hälfte der Energie, oder man kann mit derselben Energie doppelt soviel trocknen.“

Eigentlich wollte er seine Erfindung gar nicht selbst bauen, sondern die Pläne einem Maschinenbauer aus dem Westerwald überlassen und dafür eine Provision einstreichen. „Doch der 400-Mann-Betrieb hat es nicht hingekriegt“, berichtet Bohnert. Also ging der gelernte Säger und studierte Wirtschaftsingenieur selbst ans Werk, hat zunächst eine kleine Maschine gebaut, dann ein größeres Exemplar. Einen Prototyp der Maschine haben die Westerwälder Bohnert überlassen. Der hat ihn zum Laufen gebracht und nutzt ihn nun für Vorführungen.

Lieferungen nach Lettland und Estland

Zwei der rund 19 Tonnen schweren Maschinen, Kostenpunkt pro Exemplar etwa 500 000 Euro, hat Bohnert bisher nach Lettland geliefert, zwei nach Estland, eine steht in Freiburg. Am Handy kann er von Hinterseebach aus in Echtzeit die Maschinendaten ablesen: „Heute laufen alle mit Vollgas“, sagt er zufrieden. „Die Entwicklungskosten haben wir durch die ersten fünf Maschinen hereinbekommen“, bilanziert Bohnert. Wir: Das ist er, ein technischer Zeichner und drei bis vier Aushilfskräfte – so wie etwa ein Schweißer, der kommt, wenn er gebraucht wird, aber hauptberuflich bei einer anderen Firma angestellt ist.

Pressen können die Maschinen Pellets, die verheizt werden, aber auch Hackschnitzel, aus denen auch Spanplatten gefertigt werden oder würfelartige Abstandshalter, die bei Europaletten zwischen die Bretter geklebt werden – aber keine Bretter oder Balken. Nächstes Jahr werden wahrscheinlich sechs Maschinen ausgeliefert, für 15 bis 20 gibt es Anfragen. Ein Interessent aus Irland hat nach Außergewöhnlichem gefragt. „Der möchte eine mobile Quetsche, die er auf einen Lastwagen stellen kann“. Für Bohnert bedeutet dies, dass er die Maschine umbauen muss.

Montage im Schwarzwald

Die Maschinen werden im Schwarzwald am Computer geplant, die Teile bei Zulieferern gefertigt und in Hinterseebach zusammenmontiert. „Alle Maschinen werden komplett verkabelt und in Betrieb genommen, der Kunde kann so sein eigenes Material mit den Maschinen testen“, sagt Bohnert. Mit der Quetsche kann nicht nur Holzabfall getrocknet werden – auch Gärreste aus Biogasanlagen oder Reste von Palmölpflanzen können damit zu Pflanzenkohle verarbeitet werden. „Erst durch die Trocknung mit der Quetsche wird die Energiebilanz bei der Herstellung von Pflanzenkohle positiv“, meint Bohnert. Würde auf andere Weise getrocknet, wäre dazu mehr Energie nötig, als sich aus der Pflanzenkohle gewinnen lässt. In veredelter Form, als Aktivkohle, kann sie zudem beispielsweise Medikamentenrückstände aus Kläranlagen herausfiltern. Pflanzenkohle kann aber auch Nitrat im Grundwasser binden – und einen Beitrag zur Verbesserung der Böden liefern.

Die jüngste Errungenschaft aus Hinterseebach ist eine Art Badewanne für Holzspäne. In Estland und Lettland gefrieren diese wegen der Kälte, bis Minus 30 Grad, zu Klumpen zusammen und können nicht gequetscht werden. Auch dieses Problem hat der Tüftler gelöst: In der Wanne werden die Späne durch warmes Wasser gezogen und tauen recht schnell auf.

Das Sägewerk ist inzwischen eher eine historische Reminiszenz, kaum noch ein Geschäftsbetrieb. „Wir sind hier in meinem Geburtshaus“, erzählt Bohnert in seinem Büro. „Jetzt kommt aus dem Schwarzwald die weltweit erste mechanische Quetsche“, sagt der Holzquetscher aus Hinterseebach.