Seilbahn-Panne am Mount Blanc „Es muss sich keiner vor Angst in die Hosen machen“

Von  

Was, wenn Gondeln plötzlich stehen bleiben, wie jetzt bei der Seilbahn Vallée Blanche über dem Montblanc-Massiv Montblanc? Ein Gespräch mit Paul Schenk, Bergretter und Einsatzleiter der Bayerischen Bergwacht in Bad Tölz.

Ein französischer EC-135 Helikopter nahe den Gondeln, die unweit der Gipfelstation festhängen. Foto: ap 13 Bilder
Ein französischer EC-135 Helikopter nahe den Gondeln, die unweit der Gipfelstation festhängen. Foto: ap

Stuttgart/Bad Tölz - Bei einer Seilbahn-Panne wie jetzt am Montblanc müssen die Passagiere mitunter stundenlang in einer Gondel ausharren. Wenn die Seilbahn nicht schnell zu reparieren ist, werden Sie von Helikoptern aufgenommen und abgeseilt. Auch in Deutschland hat es ähnliche Fälle gegeben – wenn auch sehr wenige. Solche Seilbahn-Pannen sind aus Expertensicht allerdings ein absoluter Ausnahmefall.

Herr Schenk, nach einer eisigkalten Nacht sind die letzten 33 von 110 Touristen aus den Gondeln der Seilbahn Vallée Blanche über dem Montblanc-Massiv von Hubschraubern gerettet worden. Glück im Unglück kann man nur sagen. Es hätte auch schlimmer ausgehen können.
Tatsächlich sind solche Vorfälle extrem selten. In den Bayerischen Alpen haben wir in den vergangenen Jahren nur zwei Stillstände gehabt. Der eine im August 2011 am Tegelberg bei Schwangau nahe dem Schloss Neuschwanstein im Allgäu, der andere im Mai 2010 an der Brauneck-Bahn bei Lenggries. Bei der Tegelbergbahn hatte sich ein Gleitschirmflieger in den Seilen verfangen. 19 Touristen und der Gondelführer verbrachten 18 Stunden in der Gondel, ehe die Einsatzkräfte sie mit Hubschraubern retten konnten. Am Brauneck in den bayerischen Voralpen saßen 43 Wintersportler aufgrund einer Betriebsstörung fest. Nach zwei Stunden hatten die Helikopter alle Passagiere gerettet.
Was passiert in solchen Extremsituationen? Wie verhindert man eine Panik?
Zuerst müssen die Leute durch den Seilbahn-Betreiber informiert werden, was geschehen ist.
Per Telefon?
In größeren Gondeln gibt es Telefone. Kleinere Gondeln und Sessellifte werden über Lautsprecher beschallt. Die Passagiere werden stets darüber informiert, was los ist, damit sie immer den aktuellen Sachstand haben und keine Unruhe aufkommt. Die Bergretter versuchen beruhigend auf sie einzuwirken. Das hilftt.
Ist in den Gondeln in der Regel ein Begleiter dabei?
Nein. Das kommt auf die Größe der Gondeln und die gesetzlichen Vorgaben an.
Was sagt man den Passagieren, die wie jetzt am Montblanc in eisiger Höhe frierend und bibbernd festsitzen?
Dass die Bahn stehengeblieben ist. Dass es derzeit nicht mehr weitergeht. Und dass sie sich darauf gefasst machen müssen, gerettet zu werden. Die Bergwacht ist unterwegs. Wir halten sie auf dem Laufenden. Diese Ansagen werden ständig wiederholt. Ein solches Szenario wird bei den regelmäßigen Übungen immer wieder durchgeführt.
Und wenn die Passagiere wie am 2011 Tegelberg oder jetzt am Aiguille du Midi über Nacht gefangen sind, auf Toilette müssen oder es einem schlecht wird?
Größere Gondeln haben eine Bodenluke, da kann man sich hinhocken.
Und was passiert, wenn man Durst und Hunger bekommt oder Medikamente braucht?
Wir versuchen die Leute mit einem Helikopter zu versorgen. Ganz wichtig ist der Wärmeerhalt. Stellen Sie sich vor im Winter. Puhh. Oder selbst im Sommer am Montblanc-Massiv bei der Seilbahn, die Aiguille du Midi mit der Pointe Helbronner verbindet. Die Passagiere steckten auf 3800 Meter Höhe fest. Das wird ganz schön kalt.
Was schafft man hoch? Decken, Wärmflaschen? Und wie?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Aktivkohle-Decken beispielsweise. Wenn sie mit Sauerstoff in Kontakt kommen, erwärmen sie sich selbstständig. Größere Gondeln haben ein Loch oberhalb der Decke, durch das man Sachen von einem Hubschrauber abseilen kann.
Und in kleineren Gondeln müssen die Eingeschlossenen darben?
Dann muss man halt hinfliegen, die Seitentüre öffnen und vom Hubschrauber per Seilwinde die Materialien herunterreichen. Es geht aber auch terrestrisch. Bergretter klettern eine Stütze rauf oder arbeiten sich von der Bergstation mit Rollen über die Tragseile an die Gondel heran und steigen ein.
Abenteuerlich. Wie funktioniert eine Rettung im Detail?
Man kann die Passagiere mit dem Hubschrauber retten, indem sie mit einer Winde hochgezogen werden. Dabei muss der Hubschrauber mindestens 30 Meter Abstand halten, damit die Gondel durch die Turbulenzen nicht ins Pendeln kommt.
Und dann wird einer nach dem anderen hochgehievt?
Immer einer nach dem anderem mit einem Retter. In der Gondel ist ein anderer Retter von der Bergwacht, der die Leute auf die Bergung mit dem Sicherungsmaterial vorbereitet und mit dem Rettungsseil einklinkt. Der Hubschrauber setzt den Geretteten danach am Boden ab.
Hört sich nach einer ziemlich wackeligen Angelegenheit an. Und wie läuft die Rettung vom Boden aus ab?
Der Retter arbeitet sich über die Trageseile an die Gondel heran, steigt ein und lässt die Passagiere mit einem Seil von der Gondel zu Tal. Am Boden warten andere Retter, die die Geborgenen zu einem Weg talwärts führen. Wenn die Gondel allerdings über einer Felswand stoppt, ist das Gefahrenpotenzial zu hoch für eine Rettung am Boden. Dann muss der Hubschrauber ran.
Für Menschen mit Höhenangst ist das reinste Horror. Was machen sie, wenn Panik ausbricht?
Deswegen ist ein Bergwacht-Mann vor Ort, der die Leute beruhigt. Bisher ist bei unseren Einsätzen noch nie Panik ausgebrochen. Die Menschen sind im Gegenteil froh, dass was passiert und sie aus der Gondel rauskommen. Es ist immer qualifiziertes Personal von der Bergwacht und der Polizei dabei.
Bei Gondel-Unglücken denkt man gleich an Sölden im Ötztal, wo am 5. September 2005 neun deutsche Skifahrer getötet wurden.
Wir bei der Bayerischen Bergwacht haben noch keine Todesopfer bei Gondel-Unfällen zu beklagen gehabt. Klopf, klopf, klopf. Gott sei Dank.
Was machen sie, wenn es stürmt und schneit?
Dann muss man abwägen? Können wir das Risiko einer Bergung eingehen, ohne die Retter selbst in Gefahr zu bringen? Wenn nicht, dann müssen die Passagiere weiter ausharren.
Es gibt noch andere Risikofaktoren: die Höhe der Seilbahn, die Beschaffenheit des Bodens.
Klar. Wenn der Bodenabstand mehr als 50 Meter beträgt ist es kein Problem. Bei 500 Meter wird es eher unlustig. Da geht die Rettung nur über Hubschrauber.
Angenommen die Wetterverhältnisse lassen das nicht zu und die Passagiere müssen Hunderte von Metern am Seil runtergelassen werden.
Das funktioniert genauso. Für jede Seilbahn gibt es ein Evakuierungskonzept, in dem festgelegt ist, wer wo was macht. Und welches Rettungsmaterial man vorhalten muss. Ein Beispiel: Bei einem maximalen Bodenkontakt von 500 Metern muss man Rettungsgeräte haben, die geeignet sind, um Menschen eben 500 Meter tief bis auf den Boden zu bringen.
So lange Seile gibt es?
Ja.
Aber bisher war so etwas zumindest in Deutschland nicht erforderlich?
Das ist richtig. Die Sicherheitsvorschriften sind sehr hoch. Die Seilbahnen werden jedes Jahr gewartet und vom TÜV geprüft. Die Evakuierungsmaßnahmen werden zwei Mal pro Jahr geübt. Der Sicherheitsstandard ist so hoch, dass das Gefährdungspotenzial gegen Null geht. Es muss sich keiner vor Angst in die Hosen machen, wenn er in eine Gondel steigt.

Zur Person

Paul Schenk (51) aus Bad Tölz ist ehrenamtlicher Bergretter, Einsatzleiter und hauptamtlicher Referent bei der Landesgeschäftsstelle der Bayerischen Bergwacht mit Hauptsitz in Bad Tölz.

Die Bergrettungsorganisation für die bayerischen Alpen und bayerischen Mittelgebirge gehört zum Bayerischen Roten Kreuz. Sie umfasst 35 Bergrettungsbereiche und sieben Bergwacht-Regionen.

Die 4200 ehrenamtlichen Mitarbeiter leisten rund 12 000 Einsätze im Jahr.