Studie zum Gymnasium Forscher sehen G8 und G9 gleichauf

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G8-Schüler haben so viele Freizeitaktivitäten wie ihre Mitschüler im neunjährigen Zug. Auch ihre Leistungen sind praktisch gleich. Das zeigt eine Studie der Uni Tübingen. Ist die Debatte um G8 damit beendet?

Bildungsforschern zufolge klagen vor allem Mädchen über Stress, wenn sie in acht Jahren zum Abitur gelangen. An  Freizeit fehle es G8-Schülern aber nicht. Foto: dpa
Bildungsforschern zufolge klagen vor allem Mädchen über Stress, wenn sie in acht Jahren zum Abitur gelangen. An Freizeit fehle es G8-Schülern aber nicht. Foto: dpa

Stuttgart - Beim Thema G8/G9 gab es bisher starke Überzeugungen und schwache Daten“, konstatiert der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein. Der schwachen Datenlage hat der Professor vorerst ein Ende bereitet. In 48 der rund 460 Gymnasien haben die Forscher die Abiturjahrgänge unter die Lupe genommen und erkannt, dass es in Mathematik, Biologie und Physik kaum Leistungsunterschiede zwischen G8- und G9-Schülern gibt. In Englisch stehen die Gymnasiasten mit längerer Schulzeit besser da. Das könne aber auch daran liegen, dass inzwischen die Fremdsprachenkonzeption geändert und die Zahl der Unterrichtsstunden gekürzt worden sei, vermutet Trautwein ebenso wie Kultusminister Andreas Stoch (SPD).

Nicht belegen lasse sich, so Trautwein, dass G8-Schüler in der Oberstufe keine Zeit mehr für Freizeitaktivitäten hätten. Allerdings würden sie häufiger über Stress und Unwohlsein berichten. Das sei bei Mädchen eher der Fall als bei Jungen. Aus seiner Studie folgert Trautwein, „eine neuerliche Debatte um G8/G9 sollte vermieden werden“. Für Baden-Württemberg könne er „weitgehend Entwarnung geben“.

Damit stößt er beim Kultusminister auf offene Ohren. Er wolle aus der „vereinfachenden G8/G9-Diskussion herauskommen“, sagte Stoch. Wenn es nach ihm geht, wird es nicht nur in dieser Legislatur, sondern auch darüber hinaus außer den 44 Modellschulen keine weiteren neunjährigen Gymnasien geben.

Lage in der SPD unklar

In der SPD ist die Lage aber nicht so klar. Zu den größten Verfechtern weiterer G9-Schulen zählt der Fraktionschef Claus Schmiedel. Auch der bildungspolitische Sprecher der SPD, Stefan Fulst-Blei, hat sich mehrfach offen für mehr G9-Züge gezeigt. Am Montag erinnerte Fulst-Blei an das „eindeutige Wahlverhalten von Eltern und Schülern zugunsten von G9, dort wo es als Alternative angeboten wird“. Der „massenhafte Wunsch nach Rückkehr zu G9“ basiere, so Fulst-Blei „nicht auf eingebildeten sondern auf erlebten Missständen im G8“.

Die Ergebnisse der Studie seien jedoch „höchst aufschlussreich“. Entscheidungen zu G8/G9 müssten vor diesem Hintergrund sorgfältig abgewogen werden. Er kündigte an, die grün-rote Koalition werde zusammen mit dem Kultusminister sorgfältig beraten, welche Weichen im Licht der Studie für die Weiterentwicklung des Gymnasiums gestellt werden müssten.

Die Grünen sehen sich durch die Studie bestätigt. „Eine Rückkehr zu G9 ist für uns nach wie vor nicht die richtige Antwort“, erklärte die Bildungsexpertin Sandra Boser. Die oppositionelle FDP folgert, „die Teilrückkehr zu G9 war eine sinnentleerte Veranstaltung“. Auch die Arbeitgeber im Südwesten konstatieren, die Einführung von G9-Zügen sei wissenschaftlich nicht begründbar. Sie betonen erneut, „wir brauchen keine teuren Parallelstrukturen“. Die beruflichen Gymnasien böten Absolventen mit mittlerem Bildungsabschluss hervorragende Möglichkeiten in neun Jahren zum Abitur zu kommen.

Coaches für die Schüler

Stoch kündigte Nachbesserungen am achtjährigen Gymnasium an. Für die Mittelstufe werde über ein Coaching-System nachgedacht. Lehrer sollten Schüler von der siebten bis zu neunten Klasse intensiver begleiten, Ansprechpartner und Berater sein. „Ein Coach schafft ein Gefühl der Sicherheit“, erwartet Stoch. Die Zeit für das Coaching könne entweder aus den Poolstunden genommen oder über die Schulfördervereine finanziert werden.

Der Minister will „das Gymnasium in hoher Qualität erhalten und die pädagogisch richtigen Antworten geben“. Gleichzeitig soll an den Schulen „ein weniger belastendes Umfeld“ geschaffen werden. Mehr Hilfe ist auch beim Eintritt in die Kursstufe vorgesehen. Nachdem die elfte Klasse als Übergang sozusagen weggefallen sei, empfänden die Schüler den Eintritt in die Kursstufe als sehr abrupt, sagte Stoch. Die Eingangsphase in die Oberstufe soll neu gestaltet werden, unter dem Motto „Sicher zum Abitur“. Von den Bildungsplänen, die 2016 in Kraft treten und der neuen Lehrerausbildung, die mehr Wert auf Pädagogik und Didaktik legt, erwartet Stoch Verbesserungen.

Konkret wird die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Kleinere Klassen mit höchstens 25 Schülern und die Verlagerung von Stunden aus der Mittel- in die Oberstufe könnten zur Entspannung beitragen, findet die GEW-Vorsitzende Doro Moritz.

Auf pädagogische Weiterentwicklung der allgemeinbildenden Gymnasien setzt auch der Berufsschullehrerverband. Er bekräftigt, das neunjährige Gymnasium bestehe in Baden-Württemberg aus den Beruflichen Gymnasien im Verbund mit Realschulen und Gemeinschaftsschulen. Die Grünen teilen die Auffassung von Stoch, dass mehr Ganztagsbetrieb an Gymnasien die Lage verbessern würde.

Mehr als 5000 Befragte

Die Bildungsforscher haben 5210 Abiturienten an 48 Gymnasien befragt. Die Erhebung erstreckte sich über drei Jahre. Befragt wurde der letzte flächendeckende Abiturjahrgang 2011, der doppelte Jahrgang 2012 und der erste flächendeckende G8-Jahrgang 2013.

Die Studie hat eine Forschergruppe des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen erstellt. Das Forschungsinstitut ist im Jahr 2014 aus der Abteilung für Empirische Bildungsforschung und Pädagogische Psychologie der Universität hervorgegangen. Die Autoren sind Ulrich Trautwein, der am Hector-Institut Professor ist, sowie die wissenschaftlichen Mitarbeiter Nicolas Hübner, Wolfgang Wagner und Jochen Kramer.

Die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler aller befragten Jahrgänge fühlte sich laut Studie insgesamt nicht oder wenig beansprucht. Das gelte auch für das gesundheitliche Wohlbefinden. Dass G8-Abiturienten mehr klagen, kann den Forschern zufolge auch das Ergebnis öffentlicher Diskussionen und der allgemeinen Vermutung sein, dass die Belastung in G8 höher sein müsse.