Stuttgarter Autobauer schwächelt Daimler will Talfahrt der Autosparte stoppen

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Rückrufe von Dieselautos, Verkaufsstopps, hohe Rabatte und Probleme mit einem neuen Abgastest haben zu einem Gewinneinbruch bei Daimler geführt. Bis zum Jahresende sollen die Bestände unverkaufter Wagen wieder abgebaut werden.

Im dritten Quartal sind in Daimler-Werken viele Wagen auf Halde produziert worden. Foto: dpa
Im dritten Quartal sind in Daimler-Werken viele Wagen auf Halde produziert worden. Foto: dpa

Stuttgart - Als Bodo Uebber am frühen Donnerstagmorgen die Geschäftszahlen für das dritte Quartal in einer Telefonkonferenz erläuterte, verstummte der Daimler-Finanzvorstand plötzlich. Im Hintergrund war das laute „Tatütata“ eines Martinshorns zu hören. „Das ist draußen – hier bei uns in Untertürkheim“, erklärte Uebber schließlich die alarmierende Geräuschkulisse. Kein Grund zur Sorge also.

Lesen Sie hier unseren Kommentar: Gewinneinbruch – Daimler weit entfernt vom eigenen Anspruch

Keinen Grund zur Sorge sieht die Daimler-Spitze auch trotz der bereits zweiten Gewinnwarnung in diesem Jahr. „Die nach wie vor hohe Nachfrage unserer Kunden stimmt uns für das vierte Quartal zuversichtlich“, wird Daimler-Chef Dieter Zetsche in einer Pressemitteilung zitiert. Ähnlich hörte es sich bei Finanzchef Uebber an. Der Bestand an unverkauften Fahrzeugen sei zwar gestiegen, doch werde sich das im Schlussquartal wieder normalisieren, sagte Uebber voraus. Die Autosparte Mercedes-Benz werde im Gesamtjahr den hohen Umsatz des Vorjahres erreichen. Beim Gewinn rechnet das Unternehmen Daimler dagegen in diesem Jahr in der Autosparte, die traditionell mit Abstand die wichtigste Ertragssäule des Konzerns ist, mit einem deutlichen Rückgang. Dies bedeutet, dass das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) um mehr als zehn Prozent zurückgehen wird. In den ersten drei Quartalen zusammen brach diese Gewinn-Kennziffer in der Autosparte um 18 Prozent auf 5,3 Milliarden Euro ein, im dritten Quartal sogar um 35 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro.

Obwohl es bei den Lastwagen, der zweitgrößten Sparte des Konzerns, ganz gut läuft, schlug die Schwäche der Autosparte auch auf das Ergebnis des Gesamtkonzerns durch. Das Konzern-Ebit brach in den ersten drei Quartalen um 23 Prozent auf rund 8,5 Milliarden Euro ein. Der Umsatz stagnierte bei 120,8 Milliarden Euro, die Belegschaft wurde bis zum Ende des dritten Quartals dagegen weltweit auf 300 367 Mitarbeiter aufgestockt. Ende vergangenen Jahres waren es noch 289 321 Mitarbeiter.

Verpflichtet zum Rückruf und Software-Update

Der Ertragseinbruch der Autosparte im dritten Quartal ist vor allem auf die Dieselmisere sowie auf Probleme bei der Einführung des neuen Abgasprüfverfahrens WLTP zurückzuführen. Zudem muss das Unternehmen höhere Rabatte geben. Das Unternehmens spricht von einer „temporär schwächeren Preisdurchsetzung“.

Bei der überraschenden Veröffentlichung der zweiten Gewinnwarnung am vergangenen Freitag begründete Daimler die Senkung des Gewinnziels für 2018 vor allem mit einem „Anstieg der erwarteten Aufwendungen im Zusammenhang mit den laufenden behördlichen Verfahren und Maßnahmen in verschiedenen Regionen betreffendend Mercedes-Benz Dieselfahrzeuge“. Finanzchef Uebber wollte diese sehr sperrige und abstrakte Formulierung nicht konkretisieren und näher aufschlüsseln, was wo teurer wird als zunächst erwartet. Uebber sagte nur vage, dass dafür Aufwendungen in der Größenordnung eines mittleren dreistelligen Millionenbetrags erforderlich seien. Darin ist auch eine möglicherweise erforderliche Umrüstung von Fahrzeugen enthalten, deren Klimaanlagen ein von der EU verbotenes Kältemittel enthalten. Rund um den Diesel gibt es ein ganzes Bündel von „behördlichen Verfahren und Maßnahmen“. In diesem Frühjahr stoppte das Verkehrsministerium den Verkauf des Transporters Vito. Daimler wurde vorgeworfen, eine verbotene Abschalteinrichtung eingebaut zu haben, wurde zum Rückruf und einem Software-Update verpflichtet. Im Sommer wurde der Zwangsrückruf aus dem gleichen Grund dann auf europaweit 700 000 Fahrzeuge mehrerer Baureihen ausgeweitet. Daimler hat dem Vorwurf, in all diese Wagen eine verbotene Abschalteinrichtung eingebaut zu haben, widersprochen und will dies gerichtlich klären lassen.

Kosten für Hardware-Nachrüstungen

Trotz dieses Widerspruchs soll der Rückruf durchgeführt werden. Doch das dauert. Denn zuvor muss für alle Varianten ein Software-Update entwickelt und vom Kraftfahrtbundesamt genehmigt werden. Bis dahin dürfen keine neuen Wagen verkauft werden. Für mehrere Fahrzeugvarianten, wie etwa den GLC sowie den Vito und die V-Klasse liegt die Freigabe laut Daimler mittlerweile vor. Die Auslieferung von vielen Fahrzeugen habe wieder begonnen. Der vorübergehende Verkaufsstopp hat allerdings dazu geführt, dass der Bestand unverkaufter Wagen gestiegen ist, die zwar Kosten verursacht haben, aber bisher keinen Gewinn und Umsatz gebracht haben. Dies hat zur Misere im dritten Quartal beigetragen. Der Bestand unverkaufter Wagen ist auch gestiegen, weil Daimler erst mit Verzögerung Genehmigungen nach dem neuen Abgas-Prüfstandard erhalten hat, der seit 1. September Vorschrift für den Verkauf von Neuwagen ist. Seit dem 1. September ist zwar die gesamte Flotte in Europa nach diesem Standard zertifiziert. Die Wagen waren jedoch im vorigen Monat noch auf dem Weg in den Handel. Deshalb habe man kurzfristig noch nicht alle Kundenwünsche erfüllen können, teilte das Unternehmen mit. Zudem gebe es in einigen internationalen Märkten noch Verzögerungen bei der Genehmigung.

Weitere Diesel-Belastungen kommen auf Daimler zu, weil das Unternehmen seit diesem Monat Kunden mit Rabatten anlockt, damit sie ihren alten gegen einen neuen Wagen mit weniger Schadstoffausstoß tauschen. Zudem will Daimler auch den Großteil der Kosten für eine Hardware-Nachrüstung der Abgasreinigung übernehmen.