Birgit Krehl schiebt ihren Sohn an den Tisch, damit er das Reden übernimmt. „Hi, ich bin der Valentin“, sagt der 29-Jährige, „ich hoffe, es schmeckt.“ An dem Abend stehen in der Linde im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt Vater und Sohn Krehl in der Küche, die Mutter dirigiert den Service, Tochter Kim hat als Sommelière die Weine ausgesucht. Acht Hände, acht Gänge lautet das Motto. Und bei der Konstellation kommt natürlich auch die Frage der Nachfolge auf den Tisch. „Es macht mich hoffnungsfroh, dass es weitergeht“, sagt Volker Krehl über die gemeinsame Aktion. Aber bislang arbeitet Kim Krehl hauptsächlich noch beim Collegium Wirttemberg, ihr Bruder Valentin ist Chef Gardemanger im Münchner Zwei-Sterne-Restaurant L’Atelier. Und ihr Vater „fühlt sich auch noch fit“. In Stuttgart gibt es zwei ganz ähnliche Familienbetriebe, die den Übergang erfolgreich gemeistert haben.
Die Argumente, die gegen das Gastgewerbe sprechen, zählt Andreas Scherle bezeichnenderweise zuerst auf. „Es ist ein Kampf gegen die finanziellen Kräfte“, sagt er über den Betrieb eines Hotels ohne Konzern oder Investor im Rücken. Das Hotel zur Weinsteige übernahmen er und sein Bruder Jörg vor 22 Jahren vom Vater. Zuletzt bauten sie Aufzug, Klimaanlagen und Whirlpools ein. „Ich komme nie unter zwölf Stunden aus dem Haus heraus“, sagt er noch. Trotzdem könnte sich der 49-Jährige keinen anderen Beruf vorstellen. Direktes Feedback von begeisterten Gästen zu bekommen, ist für ihn ein befriedigendes Gefühl. Und im Familienverbund tätig zu sein, bringt seiner Meinung nach nur Vorteile: „Man hat an allen Positionen motivierte Leute und denkt immer an die Zukunft.“ Die nächste Generation könnte das Erbe übernehmen.
Bei den Heldmanns ist der Wechsel in vollem Gang. Wie im Hotel zur Weinsteige, wo neben Andreas und Jörg Scherle auch deren Schwester Sylvia und Jörgs Frau Birgit an Bord sind, hat „Der Zauberlehrling“ alle drei Geschwister in Bann gezogen. Valentin (31) und Maxime (37) kümmern sich wie bisher die Mutter Karen um das Hotel, Fabian Heldmann (36) hat wie Valentin Krehl von seinem Vater Axel den Kochlöffel übernommen. Er übernahm 2016 den Posten als Küchenchef und schmückt seit 2019 den Zauberlehrling mit einen Michelin-Stern. Die Eltern hätten ihre Kinder nie in den Betrieb gedrängt, sagte er einmal in einem Interview. Es war vielmehr das Aufwachsen „umgeben von so viel Gastronomie-Einflüssen“, die bei ihm eine durchweg positive Meinung von der Branche bewirkt hätten. Auch er kann sich wie Andreas Scherle keinen anderen Beruf vorstellen, weil er „der schönste, kreativste und anspruchsvollste“ sei.
Die Koch-Philosophie ist unterschiedlich
In Krehl’s Linde sind die Gänge von Vater und Sohn eindeutig zu unterscheiden. Valentin Krehl tischt eine zarte Langustine mit knackiger Spitzpaprika und Dashi, dem japanischen Fischsud, auf. „Haute Cuisine ist Vollgas meins“, sagt er. Seinen Vater will er stolz machen, der könne schließlich auch „echt gut kochen“. Von Volker Krehl gibt es unter anderem seinen Pot-au-feu von Edelfischen. „Darüber geht nichts“, sagt seine Frau Birgit beim Servieren. Die Tochter Kim hat dazu einen Vacqueyras blanc von der Rhone ausgewählt. Die klassische französische Küche war schon immer seine Richtung. „Wenn wir uns nicht so gut verstehen würden, würde es nicht so funktionieren“, sagt der 64-Jährige über das gemeinsame Menü. Das Handwerk würden die junge Generation schon noch lernen, erklärt er weiter, aber die Philosophie sei eine komplett andere.
„Mal sehen, was wird“, sagt Valentin Krehl über seine weiteren Pläne. Ein Jahr lang war er im Restaurant Goldberg in Fellbach, seit einem Jahr ist er nun am Bayerischen Hof in München. Er will noch ein paar Jahre Erfahrung in Sterne-Restaurants sammeln, bevor an eine Rückkehr zu denken ist. Kim Krehl will jetzt bei den Eltern einen oder zwei Tage in der Woche einsteigen. „Ihr macht es eine Riesenfreude, den Weinkeller zu organisieren“, sagt ihre Mutter. Die 33-Jährige will die Weinkarte gestalten, die Empfehlungen zusammenstellen und Gäste bedienen. Ihr Vater findet, dass Kim und Valentin mit Leidenschaft dabei und „die Perspektiven deshalb so schlecht nicht sind“. Seine Frau sagt, dass eine Übernahme gut überlegt sein müsse, weil ein Hotel mit Restaurant eine große Verantwortung sei.
Kein Druck auf den Nachwuchs
„Wenn man etwas mit viel Herzblut aufgebaut hat, will man schon, dass es weitergeht“, sagt Andreas Scherle. Wie die Krehls wollen auch der 49-Jährige und sein Bruder keinen Druck auf den Nachwuchs ausüben. Bei großen Cateringveranstaltungen helfen alle mit, auch die Söhne der Schwester, die im Automobilbau gelandet sind. Sogar die siebenjährigen Zwillinge von Andreas Scherle waren schon beim Einschenken im Einsatz. „Ich bin damit aufgewachsen“, lautet seine Erklärung für seine Berufswahl.