InterviewTote Grundschülerin in Berlin Bis zu eine Million Schüler in Deutschland sind von Mobbing betroffen

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Mobbing kann jeden Schüler treffen. Es sind nicht nur Außenseiter, die in Schulen unter Mobbing zu leiden haben. Vor allem Cyber-Mobbing – der Psychoterror übers Internet – nimmt immer erschreckende Ausmaße und Formen an.

Es gibt unzählige Möglichkeiten, einen ­Menschen fertigzumachen: Man kann ihn ausgrenzen, hinter seinem Rücken tuscheln, ihn beschimpfen, bei Vorgesetzten anschwärzen oder bei Kollegen schlechtmachen. Wann die Grenze des Erträglichen ­erreicht ist, liegt am Belastungspotenzial des Einzelnen. Foto: dpa 2 Bilder
Es gibt unzählige Möglichkeiten, einen ­Menschen fertigzumachen: Man kann ihn ausgrenzen, hinter seinem Rücken tuscheln, ihn beschimpfen, bei Vorgesetzten anschwärzen oder bei Kollegen schlechtmachen. Wann die Grenze des Erträglichen ­erreicht ist, liegt am Belastungspotenzial des Einzelnen. Foto: dpa

Stuttgart/Berlin - Nach dem tragischen Tod einer Berliner Grundschülerin ist eine öffentliche Debatte über Mobbing entbrannt. Der Fall der Elfjährigen von der Hausotter-Grundschule im Berliner Bezirk Reinickendorf erschüttert viele Menschen in der Hauptstadt und weit darüber hinaus. Allerdings ist bislang weder der Suizid des Mädchens von der Polizei bestätigt, noch gibt es zum Motiv oder zu den Hintergründen des Todes offizielle Angaben.

Gleichwohl wirft der Fall ein Schlaglicht auf ein Problem, mit dem sich viele Schüler in Deutschlandkonfrontiert sehen: Mobbing. Dabei sind Kinder und Jugendliche über Wochen oder Monate dauernder körperlicher, psychischer oder sozialer Gewalt durch Mitschüler ausgesetzt.

Die Folgen bei den Opfern sind oft fatal: Leistungsabfall, Angst vor der Schule, Depressionen können dazu gehören – in schweren Fällen sogar Suizidgedanken.

„Das Phänomen Mobbing verändert sich permanent“

Wir fragten den Entwicklungspsychologen Herbert Scheithauer, Professor an der Freien Universität Berlin, wie häufig Mobbing an Schulen vorkommt, wer die Opfer sind und welche Varianten von Mobbing es gibt.

Herr Scheithauer, wie verbreitet ist Mobbing an Schulen?

Mobbing hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Unter dem klassischen Schulhof-Mobbing – also Hänseln, Schubsen bis hin zu sozialen Ausschluss – leiden regelmäßig zehn bis zwölf Prozent der Schüler. In Umfragen berichteten uns dies Schüler, die mindestens ein Mal pro Woche Täter oder Opfer von Mobbing sind. Damit sind zwischen 800 000 bis eine Million Schüler in Deutschland regelmäßig betroffen.

Sind die Opfer von Cyber-Mobbing darin schon enthalten?

Wenn man Cyber-Mobbing und andere neuere Mobbing-Formen hinzunimmt, ist die Zahl der Betroffenen, die etwa aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer sexuellen Orientierung gemobbt werden, noch höher.

Wie relevant ist das Cyber-Mobbing?

Zwischen 17 und 19 Prozent der Schüler berichten, dass ihnen so etwas schon passiert ist oder sie Täter waren. Beim Cyber-Mobbing reichen schon einzelne Vorfälle aus. Wenn jemand beispielsweise in einem Chat einen Kommentar reinstellt, ist dieser für jeden permanent sichtbar. Andere Online-Phänomene sind Sexting, Cyber-Grooming, die noch mal eine andere Dynamik entwickeln und auch im Zusammenhang mit Cybermobbing auftreten können.

Wie dynamisch ist das Phänomen Mobbing unter Schülern?

Das Phänomen Mobbing verändert sich permanent. Es unterliegt Zeittrends, auch weil gewisse Dinge sensibler betrachtet werden. Momentan wird besonders auf Mobbing aufgrund sexueller Orientierung geschaut, was früher noch kein Thema war. Durch die Möglichkeiten in Sozialen Netzwerken und über web2.0-Technologien verändert sich das Mobbing ständig.

Sind bestimmte Schülergruppen besonders anfällig für Mobbing?

Prinzipiell kann Mobbing jeden treffen. Immer dann, wenn Schulgruppen oder Klassen neu zusammenkommen, kann es sein, dass jemand nicht einmal aufgrund besonderer Auffälligkeiten gemobbt wird. Äußere Aspekte können eine Rolle spielen. Es kommt aber auch vor, dass Schüler, die gut integriert sind, plötzlich nicht mehr dazugehören. Es kann auch sein, dass jemand, der sozial sehr angepasst ist, ausgegrenzt wird. Es gibt allerdings Schüler, die einem höheren Risiko ausgesetzt sind: Wenn ein Schüler etwa wenig Freunde und Gleichaltrigen-Beziehungen hat, der schüchtern und sehr passiv ist. Oder man niemanden in der Gruppe hat, der sich für einen einsetzt.

Info zur Person

Prof. Dr. Herbert Scheithauer, 48 Jahre, ist Professor für Entwicklungs- und Klinische Psychologie an der Freien Universität Berlin.

Er entwickelte unter anderem die Anti-Mobbing Programme Fairplayer.Manual (www.fairplayer.de) und Medienhelden (www.medienhelden.info).