Nicht nur auf Autobahnen sollten Autofahrer im Stau eine Rettungsgasse bilden. Auch im Stadtverkehr gilt die Regel. Jetzt hat die Stuttgarter Polizei ein Exempel statuiert.

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Wer nicht weichen will, muss fühlen. Ein täglicher Baustellen-Stau im Norden Stuttgarts wird für 117 Autofahrer nun noch ärgerlicher: Sie müssen einen Monat lang aufs Autofahren verzichten. Fahrverbot. Die Sünder hatten auf den Bundesstraßen 10 und 27 bei Zuffenhausen in der Staukolonne keine Rettungsgasse gebildet. „Über 100 Fahrverbote ist schon eine Menge, vor allem in gerade mal zwei Stunden“, bilanziert Polizeisprecher Sven Burkhardt.

Dabei ist das Bilden einer Rettungsgasse auf einer Bundesstraße zumeist einfacher als auf einer dreispurigen Autobahn: Einfach nach links und rechts weichen. Dabei haben viele Autofahrer den verschärften Bußgeldkatalog noch nicht verinnerlicht: Rettungsgassensünder bekommen einen Monat Fahrverbot, zahlen mindestens 200 Euro und sammeln zwei Punkte in Flensburg.

Bemerkenswert viele Verstöße

Am vergangenen Freitag hat die Verkehrspolizei ganz genau hingeschaut – und mit Dashcams die Situation in den Kolonnen im Bereich Zuffenhausen beweissicher dokumentiert. Zwischen 13.30 und 15.40 Uhr gingen dort serienweise Sünder ins Netz. 117 sind fast schon rekordverdächtig. Bei ähnlichen Aktionen auf der Autobahn, etwa am Kreuz Stuttgart, sind in der Vergangenheit zwischen einem Dutzend und 53 Verstößen festgestellt worden. Nebenbei wurden vier weitere Verkehrsteilnehmer erwischt, die während der Fahrt ihr Mobiltelefon benutzten – auch sie erwartet eine Anzeige.

Bis 2. Dezember steht im Bereich Zuffenhausen streckenweise nur eine Fahrspur zur Verfügung – mit den entsprechenden Staus vor dem Einfädeln. Betroffene Autofahrer bringen dort oft gut eine halbe Stunde länger zu. Der Grund: An der B 27 werden auf Höhe Friedrichswahl Richtung Kornwestheim die Lärmschutzwände saniert, auf der B 10/27 zwischen Zuffenhausen-Nord und Neuwirtshaus gibt es Straßenbelagsarbeiten.

Manche Sünder sind besonders dreist

Die Aktion dürfte auch Autofahrenden auch auf der B 27 in Möhringen oder der B 14 nach Fellbach oder der B 10 von Esslingen her eine Mahnung sein. Auch dort gehören im Berufsverkehr Staus zur Tagesordnung. Ende September waren auf der B 10 bei Esslingen nach einem Auffahrunfall mit zehn Kilometer Stau mehrere Dutzend Sünder erwischt worden.

Dabei geht es manchmal nicht nur um ein Fehlverhalten aus Unachtsamkeit. Besonders dreiste Verkehrsteilnehmer nutzen die vermeintliche freie Fahrt zu eigenen Zwecken aus. Im vergangenen Jahr sorgte etwa ein unbekannter Fahrer eines VW T-Roc für Aufsehen, als er in der Theodor-Heuss-Straße einem Feuerwehrfahrzeug durch die Rettungsgasse folgte – im Windschatten vorbei an roten Ampeln. Ähnlich verhielt sich ein unbekannter Autofahrer, der einem Rettungswagen auf Einsatzfahrt sogar von Botnang bis nach Bad Cannstatt folgte – ebenfalls im Windschatten durch manche Rettungsgasse. Übrigens: Straflos bleibt dagegen, wer nur ein paar Meter über die Haltelinie einer roten Ampel rangiert, um die Einsatzfahrzeuge durchzulassen, so Polizeisprecher Burkhardt.

Über 100 Streifenwagen sind aufgerüstet

Um Sünder zu erwischen, hat das Innenministerium im Sommer dieses Jahres aufrüsten lassen. So wurden mehr als 100 Streifenwagen mit jeweils vier Minikameras, sogenannten Dashcams, ausgestattet, um die Verstöße beweissicher dokumentieren zu können. „Ein Beitrag zu mehr Verkehrssicherheit“, so Innenminister Thomas Strobl bei der symbolischen Übergabe im Juni in Stuttgart. Für die Technik wurden 650 000 Euro ausgegeben. Wie es hier aber mit dem Datenschutz aussieht – das will der Landesdatenschutzbeauftragte Stefan Brink erst noch mit einer Evaluation überprüfen.