Wahlatlas Stuttgart Kernerviertel: Wo Stuttgart 21 und Feinstaub die Wähler umtreiben

Problematisch: der Verkehr am Neckartor. Foto: Achim Zweygarth 8 Bilder
Problematisch: der Verkehr am Neckartor. Foto: Achim Zweygarth

Exklusiv Im Kernerviertel ist die Luft vom Feinstaub verpestet und die Bewohner haben Angst vor den Folgen von Stuttgart 21. Auch deshalb räumten Grüne und SÖS 2009 hier richtig ab. Doch die Probleme sind immer noch da. Droht den Ökosozialen ein Desaster?

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Stuttgart - An der Stadtbahnhaltestelle Neckartor steht eine Gruppe Kindergartenkinder am Gleis und wartet auf die Bahn. Damit keines der Kinder verloren geht, stehen sie Hand in Hand aufgereiht wie Perlen an einer Kette. Ein Mädchen mit geflochtenen Zöpfchen, ganz hinten in der Reihe, atmet tief durch die Nase ein und macht „Ahhh!“ – fast so, als würde sie sagen wollen: Hier unten im Tunnel ist die Luft aber frisch . Frischer zumindest als 15 Meter über ihr.

An der Feinstaubmessstation am Neckartor rauschen die Autos und LKWs fast unaufhörlich vorbei. Zwischen 80 000 und 100 000 Fahrzeuge sind es pro Tag an Deutschlands schmutzigster Kreuzung. An 91 Tagen wurde 2013 der zulässige Grenzwert von 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft überschritten – erlaubt sind 35. Das ist mehr als an jeder anderen Messstelle in Deutschland. Allein im ersten Quartal 2014 gab es schon 36 Tage mit einer unzulässig hohen Feinstaubbelastung.

Peter Erben, weiß mit am besten, wie es um das Neckartor bestellt ist. Er ist Gründungsmitglied der „Bürgerinitiative Neckartor“. Der 54-Jährige stellt nicht zu Unrecht die Frage: „Müssen die Leute hier wirklich alle mit dem Auto fahren?“

Das Viertel von Grünen und SÖS

Bei der Kommunalwahl 2009 setzten viele Bürger des Kernerviertels ihre Hoffnungen in die Grünen. Die Anwohner sind hier direkt vom Feinstaub und von den Bauarbeiten zu Stuttgart 21 betroffen: Die Feinstaub-Messstelle Neckartor liegt in diesem Stadtteil. Und schon 2009 war klar, dass unter dem Kernerviertel eine Röhre für Stuttgart 21 gebohrt werden würde.

Die Grünen, die im Kommunalwahlkampf 2009 unter anderem gegen das Bahnprojekt und für eine Lösung des Feinstaubproblems geworben hatten, erhielten im Stadtteil Kernerviertel 38,8 Prozent. Sie holten hier Stuttgart-weit das beste Ergebnis, wie der Wahlatlas von stuttgarter-zeitung.de ergibt. Auch die Liste SÖS bekam nirgendwo einen höheren Stimmanteil. 9,9 Prozent waren es im Kernerviertel; im ganzen Stadtgebiet kam die Gruppierung um Hannes Rockenbauch auf 4,6 Prozent.

Das war 2009. Die Luft am Neckartor ist immer noch dreckig. Haben die Grünen versagt, Herr Erben? „Ich bin schon soweit Realist, dass ich weiß, dass die Grünen die Situation nicht im Alleingang lösen können“, antwortet das Gründungsmitglied der Bürgerinitative Neckartor, „sie haben ja keine Mehrheit im Gemeinderat.“ Außerdem hänge eben vieles auch von den persönlichen Entscheidungen der Bürger ab. Wer nicht Bus oder Bahn fährt, muss eben mit dem Auto in die Stadt – oder mit dem Rad. So wie Peter Erben. Sein Rad hat sogar eine grüne Plakette. „Schadstoffgruppe fünf. Absolut null Emissionen. Das umweltfreundlichste Fortbewegungsmittel überhaupt“, meint der 54-Jährige.




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