Wasserspeicher Stuttgart-Ost Sphärische Klänge im alten Wasserspeicher

Der alte Wasserspeicher im Stuttgarter Osten wird noch  diesen ganzen Monat von der freien Tanz- und Theaterszene Stuttgart bespielt.Foto: Dominique Brewing/www.dominiquebrewing.com Foto:  
Der alte Wasserspeicher im Stuttgarter Osten wird noch diesen ganzen Monat von der freien Tanz- und Theaterszene Stuttgart bespielt. Foto: Dominique Brewing/www.dominiquebrewing.com

Die freie Tanz- und Theaterszene Stuttgart bespielt erstmals den alten Wasserspeicher im Stuttgarter Osten unter anderem mit Obertongesang

Lokales: Armin Friedl (dl)
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Stuttgart - Am Anfang ist es nur ein schlichter Ton aus Menschenmund, angenehm sonor in tiefer Lage, mit ruhigem und einem besonders langen Atem vorgetragen. Es dauert hörbar eine ganze Weile, bis er den Raum füllt. Aber dann scheint er auch nicht zu verklingen. Neue Töne kommen dazu, ergänzen oder überlagern den ersten. Irgendwann erfüllt ein großes Raunen und Dröhnen den kathedralenartigen Raum.

Obertongesang im alten Wasserspeicher

Das ist Obertongesang in seiner reinsten Form, der jetzt bis einschließlich diesen Sonntag an einem ganz besonderen Ort erlebt werden kann: Im historischen Wasserspeicher im Stuttgarter Osten am Urachplatz. Mehr als hundert Jahre lang wurde von dort aus der Stadtteil mit Wasser versorgt, inzwischen gibt es einen neuen, der alte Speicher bleibt allerdings als Architekturdenkmal erhalten. Das sind drei große Kammern, zwei davon mit jeweils 1500 Quadratmeter, eine mit 3000 Quadratmetern, alle strukturiert durch zahlreiche Säulen.

Große Klangbilder mit langer Nachhallzeit

Die Mitglieder der Freien Tanz- und Theaterszene Stuttgart – unter diesem Dach sind viele freie Künstler der Stadt aus den verschiedensten Richtungen der Darstellenden Kunst vereint, die auf wechselnde Spielstätten angewiesen sind – sind die ersten, die diese Räume künstlerisch bespielen dürfen und so diesem Ort öffentliche Aufmerksamkeit geben. Das Ensemble Beyond Vowels von Obertonsänger Timber A. Hemprich ist Teil der freien Szene.

Sie eröffnen die jeweiligen Abende, mal zu dritt, mal zu viert. Die Möglichkeiten dieses herausragenden Ortes zeigen sie auch herausragend. Aufgrund der langen Nachhallzeit von mehr als 20 Sekunden schaffen sie große Klangbilder, als sei hier ein großer Chor zugange, ebenso auch düstere Szenarien. Dazu bewegen sich die Akteure immer wieder gemessenen Schrittes durch den Raum.

Wer da was im Einzelnen macht, kann nicht nachvollzogen werden, es bleibt der Gesamteindruck, der diesem ursprünglichen Zweckraum einen großen sakralen Charakter gibt. Man kann Timber A. Hemprich gut verstehen, wenn er bei diesen Auftritten von einer großen Chance spricht: „Mit dem Angebot, hier auftreten zu können, ist ein großer Traum in Erfüllung gegangen. Wir gastieren ja viel in Kirchenräumen, das Spiel mit dem Nachhall ist für uns wichtig, aber das hier ist etwas ganz Außergewöhnliches.“ So gleichen die Auftritte von Beyond Fowels auch keineswegs einander, immer noch wird gefeilt und ausprobiert, was es an akustischen Überraschungen in diesen alten Wasserkammern gibt.

Intime Begegnungen in einem großen Raum

In der nächsten Kammer gibt es als Kontrast dazu die Installation „Collaborative Contaminations“ der Isländer Rosa Omarsdottir und Hakon Polsson. Nachdem zunächst der Obertongesang auf jeden Fall akustisch den ganz großen Raum aufgemacht hat, folgt hier nach einem längeren Spaziergang durch die Räume die Konzentration auf Details. Ein Wasserbassin ist zu sehen, dessen Wellenkräuseln gleich daneben auf einer Wand vergrößert und reflektiert zu sehen ist. Die Akteure bleiben schemenhaft, die Aktionen sind minimalistisch, der Klang von Wassertropfen erinnert an die frühere Nutzung.

Die Vielfalt der freien Theaterszene

Weitere Programmpunkte folgen und wechseln an den jeweiligen Abenden. Das kann raumgreifendes Theater mit viel Tanz sein, etwa von der Choreografin Nina Kurzeja, die 2020 mit ihrem Ensemble das Züblin-Parkhaus bespielt hat. Andere wie das Ensemble Explorers von Pascal Sangl nutzen die dunklen Räumlichkeiten für fantastische Videoprojektionen auf Akteure in Bewegung. Die Freie Tanz- und Theaterszene unterstreicht hier die Vielfalt ihrer Mitglieder, und sie zeigt damit zugleich, welche Möglichkeiten solch ein ungewöhnlicher Ort bietet. Dieser alte Wasserspeicher ist mehr als ein technisches Denkmal. Er ist ein besonderer Veranstaltungsort, den es bisher in Stuttgart nicht gegeben hat.

Der Beginn der Veranstaltungen ist um 19.30 Uhr von je einschließlich Donnerstag bis Sonntag im Oktober. Es gelten die 3-G-Regeln, ein entsprechendes Formular muss ausgefüllt werden. Pünktliches Erscheinen ist notwendig, da hier die Regeln einer Baustellenführung gelten.




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