Wildnis in Deutschland Zurück zur wilden Natur

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Die Deutschen mögen Wildnis, sind für naturnahe Wälder und Flussauen und lehnen Gentechnik in der Natur ab. Knapp zwei Dritteln von ihnen gefällt Natur umso besser, je wilder sie ist.

Im „Urwald Sababurg“ (Kreis Kassel) steht diese knorrige Eiche. Foto: dpa 7 Bilder
Im „Urwald Sababurg“ (Kreis Kassel) steht diese knorrige Eiche. Foto: dpa

Stuttgart - Wildnis. Das Wort hat einen magisch-verzauberten Klang. Unwillkürlich denkt man an ausgedehnte, vom Menschen völlig unberührte Landschaften, wie sie in Kanada, Sibirien, Amazonien oder der Antarktis noch existieren. In denen seltene Tiere wie Tiger und Luchse umherstreifen, Biber und Otter leben, Bäume und Pflanzen ungezügelt wachsen und Flüsse mäandern können wie es ihnen beliebt.

In dem Wort spiegelt sich die Sehnsucht des Menschen wieder nach einer ursprünglichen Natur, in der wirtschaftliche Interessen außer Kraft gesetzt sind und wo sich Flora und Fauna nach ihren eigenen Gesetzen entfalten können und sich selbst überlassen sind, unabhängig vom menschlichen Eingreifen und Gestalten.

Deutsche wünschen sich mehr naturbelassenen Lebensraum

Die Deutschen mögen Wildnis, sind für naturnahe Wälder und Flussauen und lehnen Gentechnik in der Natur ab. Für 94 Prozent der Bundesbürger gehört Natur zu einem guten Leben dazu. 54 Prozent von ihnen gefällt Natur umso besser, je wilder sie ist. Das ist eine Erkenntnis aus den Naturbewusstseins-Studien von 2013 und 2015 (der dritten bzw. vierten seit 2009) des Bundesamt für Naturschutz in Bonn (BfN).

Häufig dachten die Befragten bei dem Begriff zunächst an exotische Tiere wie Löwen, Elefanten und Krokodile. 44 Prozent fielen dabei Wälder, Regenwald oder Dschungel ein. Letztere gibt es in Deutschland nicht, aber Wälder. Fast 80 Prozent der Deutschen können sich gut vorstellen, dass es gerade dort mehr Wildnis gibt. Abgestorbene Bäume und Totholz gehörten in den Wald, sagen sie.

Die Bundesregierung hat den Trend längst erkannt und will der Natur wieder mehr Flächen zurückgeben. Im Rahmen der „Naturschutz-Offensive 2020“ sollen bis zum Ende des Jahrzehnts rund zwei Prozent der gesamten Landesfläche Deutschlands einer natürlichen Entwicklung überlassen werden. Das wäre eine Verdoppelung der heutigen Fläche. Die Natur werde auf diesen Flächen sich selbst überlassen und dann entstehe, wie es in der Fachsprache heiße, Wildnis.

Echte Wildnis gibt es in Mitteleuropa nicht mehr

Doch was gemeinhin als Wildnis verstanden wird, hat mit einer völlig unberührten Landschaft nur wenig zu tun. In Mitteleuropa und Deutschland dürfte es keine Region geben, die einem ursprünglichen Urwald entspricht. Überall finden sich menschliche Fußspuren. Was in Deutschland kreucht und fleucht, ist das Ergebnis einer Jahrtausenden alten Nutzung.

Wildnis ist wie Natur kein eindeutig definierbarer Begriff. Beides sind soziokulturelle Konstrukte. Die jeweiligen Vorstellungen von Wildnis sind geprägt von der Kultur eines Landes, von den Werten, die eine Gesellschaft prägen und auch ganz persönlichen Überzeugungen. Was heute als Wildnis empfunden und herbeigesehnt wird, ist also kein urwüchsiges Stück Natur, sondern eine Kulturlandschaft.

Ungezähmte, unberührte Natur

Schon der griechische Philosoph Aristoteles definierte Natur als das, was aus sich selber heraus wächst und gedeiht. Bei diesem Verständnis ist es im Prinzip bis heute geblieben. Wer heute Natur schützen will und sie als Urwald erhalten will, muss ihren Lebensrhythmus und den Kreislauf von Werden und Vergehen zulassen, ohne gestaltend einzugreifen.

Der Begriff Wildnis taucht erstmals im 15. Jahrhundert auf. Er leitet sich vom Mittelhochdeutschen „wiltnis“ ab und meint das Gegenteil von menschlicher Zivilisation und Kulturlandschaft – „die ungezähmte, unbebaute, nicht überformte und nicht(intensiv) genutzte Natur“, wie es in der Naturbewusstseins-Studie heißt.

In der amerikanischen „Wilderness“-Bewegung des 19. Jahrhunderts fand diese Deutung ihre philosophische Grundlage. Hier wurde die Natur idealisiert und zum Gegenpol einer menschlich gestalteten Kulturlandschaft stilisiert.

Die Natur hat ihren Schrecken verloren

Nur gibt es diese Wildnis schon lange nicht mehr. „Wildnis ist eine kulturell geprägte, typisch menschliche Denkfigur“, heißt es in der Naturbewusstseins-Studie. „Die Wahrnehmung und Bewertung von wilder Natur änderte sich im Laufe der Geschichte.“ Vor der Aufklärung und Romantik galt die Wildnis als Ort der Gefährdung und Bedrohung. Der Mensch strebte danach, sie zu gestalten, in Kulturlandschaften umzuformen und so den Schrecken zu nehmen. Heute hat die Natur – zumindest in Deutschland – ihren Schrecken verloren. Weitgehend gefahrlos können wir auf kartografierten Wegen durchwandern und erkunden.

Nach Aussage des Natursoziologen und Wanderforschers Rainer Brämer leben wir in selbstgeschaffenen künstlichen Welten. Die Sehnsucht nach dem Unberührten, Ursprünglichen habe mit echter Wildnis nichts zu tun, sondern sei eine Fiktion. Der Mensch werde in eine inszenierte Natur entführt, in der er sich „gestresste Seelen“ eine Auszeit von der „Hyperzivilisation“ nehmen können.