Wohnungsmangel in der Region Was tun nach 300 Wohnungs-Absagen?

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Am liebsten ein kinderloses Paar, das bei Bosch oder Porsche arbeitet und selten zu Hause ist: Die Penkers aus Ludwigsburg kennen die absurdesten Absagen. Wir haben die Familie besucht, die trotzdem nicht aufgibt.

Marcel,  Dashurie und Jolanthe Penker sowie der Hund Spike  im engen Schlafzimmer in Ludwigsburg-Grünbühl. Foto: factum/Granville
Marcel, Dashurie und Jolanthe Penker sowie der Hund Spike im engen Schlafzimmer in Ludwigsburg-Grünbühl. Foto: factum/Granville

Ludwigsburg - Nein, aufgeben wollen sie nicht. Jolanthe und Marcel Penker, 38 und 29 Jahre alt, haben schon alles versucht. Anzeigen, Briefe, Wartelisten, beim Immobilienportal Immo-Scout ist ein Daueralarm eingerichtet. Gut 300 Bewerbungen haben sie inzwischen geschrieben. Manche Absagen tun besonders weh. Die Penkers hatten zum Beispiel eine Vier-Zimmer-Wohnung in Aussicht, für den horrenden Preis von 1200 Euro. Sie hatten es durch den Wust von Hunderten von Briefen zum Besichtigungstermin geschafft und sich dort durch Hunderte von Interessenten zum Eigentümer durchgearbeitet.

Deren unverblümte Auskunft: „Wir hätten gerne ein ruhiges Paar Mitte 50 ohne Kinder, die von Montag bis Freitag in Vollzeit bei Porsche und Bosch arbeiten und selten zu Hause sind und selten Besuch haben.“ Da standen sie nun, mit der dreijährigen Tochter Dashurie auf dem Arm und dem treuherzig guckenden Hund Spike an der Leine, eine Mischung aus Jack Russel und Münsterländer, der ansteckend fröhlich ist.

Eine ganz normale Familie – ohne Chance

Die Penkers sind eine ganz normale Familie. Marcel Penker arbeitet als Service-Techniker für Automatiktüren im Marbacher Teilort Rielingshausen, Jolanthe Penker beim Landesapothekerverband in Stuttgart. Dass sie fleißig und gewissenhaft sind, zeigt ihre liebevoll eingerichtete Drei-Zimmer-Wohnung in Grünbühl. Neben weißen Ledersofas sind die Wände nett dekoriert, gepflegte Orchideen stehen auf dem Fenstersims, auf dem kleinen Balkon ist die Wäsche ordentlich aufgereiht.

So gemütlich die Wohnung ist: Sie ist einfach zu klein. Seit 2009 wohnen sie nun hier, der 15-jährige Sohn Joel muss sich sein Zimmer mit der dreijährigen Dashurie teilen. Auch die Eltern haben keinen Rückzugsort, Wohnzimmer und Schlafzimmer sind so effizient wie irgend möglich eingerichtet – doch es ist zu eng. „Wenn die Großeltern zu Besucht sind, wird es unerträglich laut und voll“, stöhnt Jolanthe Penker. Manchmal gibt es auch Zoff, weil alle zu dicht aufeinander sitzen.

Experte: Normalverdiener können sich kein Eigentum mehr leisten

So wie den Penkers geht es Zehntausenden. Allein in Ludwigsburg meldet die städtische Wohnungsbaugesellschaft WBL aktuell 1500 Personen auf der Warteliste für eine günstige Wohnung – und das ist nur die Spitze des Eisberges. „Normalverdiener können sich in Ludwigsburg in der Regel kein Eigentum mehr leisten“, hat der Vorsitzende des Gutachterausschusses, Hans Schmid, kürzlich gesagt. In einem Jahr sind die Baulandpreise um 18 Prozent gestiegen. Und das gilt für die ganze Region vergleichbar – Stuttgart liegt nach München bundesweit an der Spitze. Das wirkt sich auch auf die Mieten aus. Zum Beispiel explodieren in Stuttgart die Mieten geradezu, wie eine Empirica-Studie zeigt – seit 2004 ist der Mietzins je Quadratmeter von acht auf zwölf Euro angestiegen.

Dennoch suchen die Penkers. Seit vier Jahren, wie der Familienvater Marcel erzählt, während die Tochter im Fernsehen Toggo schaut. Das erste Problem: Es gibt kaum Objekte. In Ludwigsburg wurde 2017 nur eine einstellige Zahl an Wohnungen verkauft. „Die Idee von Wohneigentum haben wir schon lange aufgegeben, es geht nur Miete“, sagt Marcel Penker. Die Suche ist frustrierend. Schon in der ersten Runde fliegen sie meistens raus – zwei Kinder und ein Hund, das sind K.o.-Kriterien. Und wenn doch mal eine Mietwohnung angeboten wird, stehen den Penkers teils beim Betreten die Haare zu Berge.

Wohnung ohne Heizung? Einfach den alten Ofen anmachen!

„Eine Wohnung wurde ohne Heizung anboten“, erzählt Jolanthe Penker. Auf die erstaunte Nachfrage soll der Eigentümer gesagt haben: „Machen sie doch die Bollerheizung im Wohnzimmer an und dann alle Türen auf, das reicht.“ Bäder aus den 1970er-Jahren mit dunkelgrünen Waschbecken, Linoleum-Böden aus der Zeit, als Helmut Schmidt noch Kanzler war.

Wird ein neues Objekt inseriert, stehen in fünf Minuten 100 Interessenten auf der Matte. Auch ins Umland auszuweichen bringt nichts. „Mein Vater hat einst in Magstadt ein Haus für 450 000 Mark gekauft“, sagt Marcel Penker, „wenn er jetzt rausgeht und verkauft, bekommt er dafür vielleicht eine Drei-Zimmer-Wohnung.“

Bleibt noch die Wahl, nach Schwäbisch Hall oder in den Schwarzwald zu ziehen – und jeden Tag anderthalb Stunden zu pendeln. Keine echte Alternative. Aber aufgeben ist keine Option.




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