Zum 100. Geburtstag von Helmut Schmidt Und der Kanzler langweilte sich sehr

Die Autorin 1982 im Gespräch mit dem Kanzler für das Fernsehen des Südwestfunks. Foto: Archiv Krause-Burger

Helmut Schmidt würde am 23. Dezember seinen 100. Geburtstag feiern. Unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger hat die erste Biografie über den SPD-Politiker geschrieben und ihn beim Regieren und auf Reisen begleitet. Erlebnisse mit einem Schwierigen.

Stuttgart - Helmut Schmidt war ein Bundeskanzler ganz nach dem Geschmack der Deutschen – aber oft nicht seiner Partei, der SPD. Am Ende verlor er 1982 ein Misstrauensvotum im Bundestag gegen Helmut Kohl. Sein Ruhm reichte aber weit über seine Amtszeit hinaus – er blieb bis zu seinem Tod 2015 ein viel beachteter Publizist und Welterklärer. Dieser runde Geburtstag ist für uns der Anlass, im Folgenden ein Kapitel aus den kürzlich erschienenen Erinnerungen unserer langjährigen Mitarbeiterin Sibylle Krause-Burger zu drucken.

 

„Bringen Sie mir doch mal eine Wahlkampf-Reportage“, sagte mein Redakteur, „begleiten Sie Helmut Schmidt im Wahlkampfzug der SPD durch die Republik.“ Wir schrieben das Jahr 1976, in dem Helmut Kohl gegen Helmut Schmidt antrat. Natürlich sagte ich nicht Nein zu diesem Projekt und bekam auch aus Bonn die Zusage, dass ich mitreisen könnte. Die Zahl der Medien und folglich auch der Journalisten war damals noch überschaubar, meine Akkreditierung also durchaus keine Besonderheit.

Hartgesottene Kollegen

Wir starteten in Lübeck und fuhren über Starnberg und Weilheim bis nach Rosenheim. Das Ganze dauerte drei Tage, galt es doch Bayern für die SPD zu erwärmen – ein völlig aussichtsloses Unterfangen. Bei der Wahl ergatterte die Partei gerade mal 32,8 Prozent, die CSU hingegen 60 Prozent der Stimmen, was so in etwa schon vorher klar gewesen war. Trotzdem musste natürlich Wahlkampf sein. Andererseits fuhr man viel durch die Landschaft, und der Kanzler langweilte sich sehr.

Alle Akten schienen bearbeitet, kein weltweiser Kollege wartete auf ihn, keine Kabinettssitzung fand statt, also blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit den Presseleuten zu begnügen. Das konnte mit diesem nachthockenden und gern bis in den späten Morgen schlafenden Menschen lang gehen. Und wenn wir, mit Ausnahme der hartgesottensten männlichen Kollegen, schon mehr unter als über dem Tisch hingen, zeigte er sich immer noch munter und dozierte.

Beschwerden des Alters

Tagsüber, zwischen den öffentlichen Auftritten, ließ er den einen oder anderen aus unserer Gruppe zu sich ins Abteil kommen und gewährte gnädig, Auskünfte zu erteilen. Auch ich bekam einen Termin. Es wurde eines der anstrengendsten Interviews meines langen Berufslebens, zumal ich Fragen für eine halbe, höchstens eine Stunde vorbereitet hatte. Mehr Zeit, so dachte ich, würde er mir nie und nimmer zugestehen. Er aber wollte sehr viel länger und ausgiebiger Antworten geben.

Ich fragte also nach allem, was zu fragen sich in diesem Moment so anbot: nach den drängendsten Problemen der Republik, nach seinen beliebtesten Gesprächspartnern, nach seiner Jugend im Krieg, nach beginnenden Beschwerden des Alterns, nach Lust und Last des Regierens. Nach jeder Frage sah ich mich einem erwartungsvollen Blick ausgesetzt. Weiter, schien der zu sagen, weiter, es ist doch so schön und abwechslungsreich, mal einer jungen Frau Antworten zu geben.

Frage um Frage

Und ich ließ mein Interesse an seiner einzigartigen Person leuchten, strahlte ihn an, grub Frage um Frage aus den Tiefen meiner journalistischen Neugier. Kaum hatte ich noch die Kraft mitzuschreiben. Es nahm einfach kein Ende – gefühlte zwei bis drei Stunden lang. Dann, endlich Rosenheim. Was für ein wunderbarer, rettender Ort. Ich war befreit. Befreit von einem Mann, der mir doch sehr imponierte. Zu diesem Zeitpunkt war er mein Kanzler. Aber schwierig war er eben auch. Man wurde sofort korrigiert, wenn Fragen nicht mit höchster Präzision gestellt waren. Es kam nie eine Frage zurück.

Aber das ist eine Politikerkrankheit. Weil sie dauernd Antworten geben müssen, verlernen diese Leute meistens, zurückzufragen. Es sei denn, sie haben einen Experten vor sich, den sie zu einer bestimmten Sache ausquetschen können und müssen. In dieser Art von Austausch blieb auch Helmut Schmidt nicht bei seiner üblichen Zurückhaltung. Da stellte er Frage um Frage. Aber ein von ihm im Rang niedriger eingestuftes Gegenüber als interessante Person wahrzunehmen, gar einen Teppich auszurollen, um in ein Gespräch zu kommen, das wäre ihm wohl immer als unstatthafte Neugier erschienen. Aber gerade vom Interesse an einem Gegenüber lebt ja ein Gespräch.

Mangelnde Manieren

Welche Ödnis also, wenn zwei von dieser Sorte aufeinandertreffen. So einstmals bei einem Abendessen im Kanzlerbungalow als Helmut Schmidt neben Margaret Thatcher saß. Ich war auch mit zu Tisch geladen, weil ich Material für mein Buch über den Bundeskanzler brauchte – Beobachtungen, Eindrücke, Einsichten. Und was ich sah, berührte mich mit fast körperlich spürbarer Peinlichkeit. Natürlich hatten sich die beiden Regierenden politisch nicht viel zu sagen, sie mochten sich auch nicht besonders, wie man wusste. Vor allem aber fanden sie keinen Weg, die Sprachlosigkeit elegant zu überspielen.

Zwischen den Gängen unterhielt sich der Deutsche aufs Unhöflichste nur mit seinem Nachbarn zu Rechten, mit Lord Carrington, dem britischen Außenminister. Die mächtige Dame aus England blieb derweil völlig unbeachtet und bohrte geradezu verzweifelt mit der Zunge in den Zähnen. Aber damals war Helmut Schmidt noch Kanzler. Man würde seine mangelnden Manieren zwar bemerken, sie auch übel zu nehmen lohnte sich politisch nicht.

Schmidt als Weltwirtschaftsweiser

Schlimmer erging es ihm, als er nicht mehr im Amte war.

In Bonn regierte Helmut Kohl, aber er, der Vorgänger, begann seine Karriere als Weltwirtschaftsweiser. Unter diesem Vorzeichen bat ihn die Chamber of Commerce von Middlesbrough zu einem Vortrag nach Wynard Park in Nordengland. Warum er diese Einladung annahm, bleibt mir bis heute unerfindlich. Vorgeblich hatte er sich seinem Freund, dem Industriellen Körber, zuliebe darauf eingelassen. Der pflegte geschäftliche Verbindungen in der Region.

Falsche Anrede

Auf alle Fälle musste Helmut Schmidt nun dahin, nahm seinen persönlichen Referenten mit und freundlicherweise auch mich, die ich eine Reportage über den Ex-Kanzler auf Reisen für die Stuttgarter Zeitung schreiben sollte. Seine drei Bewacher, mir aus Schmidts Kanzlertagen noch gut bekannt, waren ebenfalls mit von der Partie. Sie übten nun die Funktion von Kammerdienern aus, trugen seine Tasche, weckten ihn morgens auf, brachten dem Langschläfer die erste Tasse Kaffee ans Bett und dienten auch als Echoraum, wenn er nach alter Gewohnheit am Ende eines Abends in die Runde fragte, wie er denn gewesen sei: „Wie war ich?“

Middlesborough hatte also den hochmögenden Gast zu sich gebeten, den ehemaligen Bundeskanzler aus Deutschland, was die Veranstalter in keiner Weise davon abhielt, ihre alten Rituale aufs Ausgiebigste zu zelebrieren. Angefangen vom Auftritt des Toastmasters im roten Frack, der mit dem Stock gebieterisch auf den Boden klopft, über ein Dankgebet des Pastors bis zu allerlei Begrüßungsreden und einem Hoch auf die Queen, gefolgt von einem sich dehnenden Essen mit köstlichem Braten vom Lamm. Erst dann war der große Mann aus Deutschland, den die Gastgeber anhaltend falsch als „Präsident“ anredeten, an der Reihe.

Mit den Zungen in den Zähnen

Da hatte es schon elf Uhr nachts geschlagen. Bis es so weit war, hatte er gerade mal drei Fragen nach rechts und drei nach links beantwortet, selber vielleicht jeweils eine gestellt. Und dann erging es ihm wie einstmals Margaret, der eisernen Lady, bei jenem denkwürdigen Bonner Besuch: er schaute zur Decke, schaute wieder zurück und bohrte mit der Zunge in den Zähnen. Ich saß am Tisch schräg gegenüber und beobachtete das Drama, das natürlich doch mit einem brillanten Vortrag sein zu erwartendes Ende fand. Danach aber fragte er mich, die ich mich mit meinen Tischnachbarn gut unterhalten hatte: „Was haben Sie eigentlich den ganzen Abend zu reden gehabt?“

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